Millionär zahlt Bußgelder für Muslime Der Gentleman-Guerilla

Auf Frankreichs Straßen ist die Vollverschleierung verboten. Der Millionär Rachid Nekkaz hält das Gesetz für falsch und zahlt die happigen Bußgelder für betroffene Frauen. Das bringt ihm jede Menge Ärger - und Spaß.

AFP

Von , Paris


"Ich bin so gespannt, wann sie mich jetzt endlich verhaften", sagt Rachid Nekkaz. Der elegante Mann im dunkelgrauen Anzug grinst dabei wie ein kleiner Junge, der es nur darauf anlegt, dass ihn jemand mit der Hand in der Keksdose ertappt. "Lange kann es eigentlich nicht mehr dauern".

Am Mittwoch in Neuilly-sur-Seine, einem der schönen und reichen Vororte von Paris, hat es auf jeden Fall wieder nicht geklappt. Dabei hatte Nekkaz alles generalstabsmäßig geplant. Es war das 1178. Mal, dass er ein Bußgeld bezahlte für eine Frau, die auf der Straße einen Nikab, den muslimischen Gesichtsschleier, getragen hatte. 75 Euro plus Bearbeitungsgebühr, für eine Frau, die sich Hélène nennt. Danach dreht Nekkaz sein Gesicht zur Handykamera: "Offiziell ist strafbar, was ich jetzt mache, und mir drohen dafür bis zu sechs Monate Haft". Aber es passiert einfach - nichts. Kein Blaulicht, keine Handschellen. "Ich kann warten", sagt Nekkaz. "Ich habe einen langen Atem."

"Ich persönlich lehne den Ganzkörperschleier ab"

Seit 2011 ist es in Frankreich gesetzlich verboten, im öffentlichen Raum sein Gesicht zu verhüllen. Aus Sicherheitsgründen. Doch in erster Linie ist das "Burka-Verbot", wie es auch in Deutschland immer wieder diskutiert wird, ein politisches Statement gegen den radikalen Islam.

Als das Gesetz in Kraft trat, hat Nekkaz einen "Fonds für die Verteidigung der Freiheit und der Laizität" aufgelegt, Startgeld: eine Million Euro. Seitdem begleicht der algerische Geschäftsmann fast täglich entsprechende Bußgelder. Eine kurze SMS oder Mail genügt, und schon kommt Nekkaz gerne persönlich vorbei, lässt sich von den Frauen versichern, dass sie den Nikab aus eigenen Stücken tragen, und zahlt bei den lokalen Behörden die Rechnung. Ein Beweisfilmchen auf Facebook gibt es gratis dazu.

Mit dem ehemaligen Innenminister und heutigen Premierminister Bernard Cazeneuve verbindet ihn eine wahre Hassliebe, die zuletzt darin gipfelte, dass sich Cazeneuve im Oktober zu einer Gesetzesänderung hinreißen ließ, die das Begleichen der Anti-Nikab-Bußgelder durch Dritte untersagt und unter Strafe stellt. Ein Gesetz mit quasi persönlicher Widmung für Nekkaz. Der ist sich der Ehre bewusst. "Ich werde natürlich weitermachen, es ist ein Kampf für die Menschenrechteund die Freiheit."

Auch in Holland, Belgien und Italien hat der Überzeugungstäter schon entsprechende Strafzettel beglichen. Und als nach dem Terroranschlag von Nizza im Sommer dieses Jahres an manchen Stränden der Côte d'Azur Burkini-Verbote erlassen wurden, zückte Nekkaz ebenfalls sein Scheckbuch. "Ich persönlich lehne den Ganzkörperschleier ab", erklärt Nekkaz, "aber in einem freien Land wie Frankreich sollte jede Frau selbst entscheiden dürfen, ob sie sich verschleiert oder nicht. Und nicht der Staat." 246.895 Euro hat er sich den Protest bis zu diesem Tag schon kosten lassen. "Und ich kann noch lange weiterzahlen."

Fotostrecke

4  Bilder
Rachid Nekkaz: Der Gentleman-Guerilla

Nekkaz, der in einem Atemzug arabische Historiker und Schopenhauer zitiert, hat seine Paraderolle gefunden. Der Muslim spielt in Paris den Agent Provocateur, meist bekleidet mit Anzug, Krawatte und schwarzen Slippern. Ein Gentleman-Guerilla. Wie kein anderer Aktivist hat Nekkaz es geschafft, die französischen Politiker richtig in Rage zu bringen. "Sie hassen es, dass ich sie vorführe und ihre Gesetze lächerlich mache", sagt Nekkaz.

Selbstverständlich ist Nekkaz ein Selbstdarsteller, ein Aufmerksamkeits-Junkie. Die Fragen der Journalisten, die mehr als eine Million Freunde auf seiner Facebook-Seite ("mehr als Sarkozy und Hollande"), all das gibt ihm Auftrieb. Wer ihn trifft, wird das Gefühl nicht los, dass der Mann, der mit spitzen Fingern seine Espressotasse hält und in gewähltem Französisch über den Syrienkonflikt, die korrupte Elite in Algerien und den Einfluss von Marine Le Pen plaudert, im Zweifel auch ins Dschungelcamp ziehen würde, wenn es denn seiner Sache dienen würde. "Ich bin auf einer Mission", sagt Nekkaz. "Ich sehe mich als moderner Pazifist".

"Meine finanzielle Unabhängigkeit ist die Basis meiner politischen Freiheit"

Es ist schwer, die Vita dieses Mannes zu überprüfen. Aber so erzählt er selbst seine Geschichte: Rachid Nekkaz wird vor 45 Jahren als neuntes von zwölf Kindern algerischer Einwanderer in Frankreich geboren. Seine Eltern sind Analphabeten, sein Zuhause ist ein Problemviertel in der Pariser Banlieue. Doch was viele schlicht als Schicksal hingenommen hätten, wird für Nekkaz zum Ansporn. Er studiert Philosophie und Geschichte an der Sorbonne, gründet ein Start-up, verdient in der Zeit der Dotcom-Blase mehr Geld, als er ausgeben kann.

Mit Mitte zwanzig habe er seine Firma verkauft, seitdem müsse er nicht mehr arbeiten, berichtet Nekkaz. Sein Geld hat er angeblich weltweit in Immobilien angelegt, laut der französischen Tageszeitung "Le Figaro" soll er allein in Frankreich mehr als 1000 Apartments besitzen. Dem SPIEGEL erklärte er allerdings, dass er alle Immobilien in Frankreich verkauft hat - unter anderem wegen wiederholter Steuerprüfungen. "Meine finanzielle Unabhängigkeit ist die Basis meiner politischen Freiheit", sagt der Mann mit den grauen Schläfen. Seine Frau, eine zum Islam konvertierte Amerikanerin mit Stanford-Abschluss, und sein Sohn leben in San Francisco. Nekkaz jedoch verbringt die meiste Zeit in Algerien.

Dort hat sich der Selfmade-Millionär dem Kampf gegen die Korruption verschrieben, am liebsten würde er die gesamte politische Klasse erneuern. Im Frühjahr 2017, wenn auch in Frankreich gewählt wird, wird er für einen Sitz im algerischen Parlament kandidieren. Auf seiner Internetseite bezeichnet er sich selbst als "den populärsten Politiker Algeriens", vor allem bei der jungen Generation genießt Nekkaz in der Tat hohen Respekt.

Lesen Sie dazu auch den Text auf SPIEGEL Plus

Dafür reist Nekkaz täglich quer durch Europa, seinen grünen algerischen Pass und seine französische Carte de séjour, die Aufenthaltserlaubnis, trägt er stets griffbereit in der Innentasche seines Jacketts. Seine Reiseroute klingt wie die eines Getriebenen. Gestern Genf, heute Brüssel und morgen steht Nekkaz schon wieder auf den Champs-Élysées. Vor der Hausnummer 76 organisiert er regelmäßig eine kleine Demonstration, die Tochter des algerischen Premierministers besitzt hier ein Luxus-Apartment mit Blick auf den Eifelturm, "bezahlt mit Geld, das dem algerischen Volk gestohlen wurde", sagt Nekkaz.

Wer ihn fragt, warum er die kalte Vorweihnachtszeit lieber auf der Bußgeldstelle in Neuilly statt auf den Bahamas verbringt, dem schenkt er sein strahlendes Lächeln: "Ach, das hatte ich alles", erwidert Nekkaz. "Heute aber habe ich eine Aufgabe".

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.