Frankreichs Sozialist Hamon Sieger mit Handicap

Frankreichs Sozialisten haben Benoît Hamon zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt. Der Parteilinke muss jetzt die verfeindeten Fraktionen versöhnen. Doch seine Chancen bei der Präsidentenwahl im April sind gering.

Benoît Hamon
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Benoît Hamon

Von , Paris


Marathonläufer oder Boxer? Rock-Fan oder Genießer von Klassik? Visionär oder Pragmatiker? Linker Frondeur oder liberaler Sozialdemokrat?

Beim zweiten Durchgang der Urwahl standen Frankreichs Sozialisten vor einer Entscheidung zwischen zwei Persönlichkeiten und zwei politischen Alternativen: Hier Benoît Hamon, 49, Vertreter der Parteilinken, dort Manuel Valls, 54, sozialdemokratischer Reformer und bis Dezember amtierender Premier von Präsident François Hollande.

Das Duell der Kandidaten für die Präsidentenwahl endete mit einem klaren Votum: Die Anhänger der Sozialistischen Partei (PS) und ihre Sympathisanten stimmten gegen den Ex-Premier und Boxer Valls. Mit deutlicher Mehrheit (58 Prozent) kürte die Basis Marathonläufer Hamon zum Spitzenkandidaten: Links, aufmüpfig und linker Verfechter einer "wünschenswerten Zukunft."

Der ehemalige Erziehungsminister und Kabinettskollege seines Rivalen Valls hatte während der kurzen Kampagne durch Authentizität, lockeres Auftreten und ein radikales Reformprogramm überzeugt. Hamons zentrale Forderung bestimmte den Wahlkampf und die TV-Debatten: Ein universales Grundeinkommen für alle Franzosen.

Vergeblich hatte Valls die Vorstellungen seines Gegners als Utopie verhöhnt. Umsonst versuchte der Ex-Premier sich als Vertreter einer "verantwortlichen Linken" zu profilieren, als erfahrener, Realo und Regierungschef; Hamon beschrieb er als schwärmerischen "Sandmann", dessen milliardenschwere Luftschlösser nicht zu finanzieren seien.

Hinter den Projekten der beiden Polit-Profis steht ein tiefer, nie überwundene ideologische Graben, der Frankreichs Sozialistische Partei seit Jahrzehnten in verfeindete Lager trennt - Reformismus oder Radikalität.

Mit dem Sieg von Hamon hat sich nun der idealistische Traum von einer Transformation der Gesellschaft durchgesetzt - gegen einen sozialdemokratischen Reformismus, der durch die desolate Bilanz von Präsident Hollande gründlich desavouiert ist.

Hamons Wahl könnte die Kluft in der PS vertiefen

Hamon, Sohn eines Schiffbau-Arbeiters, der es bis zum Ingenieur brachte, gehörte immer zum linken Flügel der Partei. Der gelernte Historiker, Spitzname "Kleiner Ben", war parlamentarischer Assistent, bevor er 1993 die Führung der PS-Jugend übernahm. Hamon machte den Nachwuchsverband zum effizienten Propagandatrupp - und zur eigenen Bastion.

Nach dem Wahlsieg 2012 wurde Hamon erst Staatsekretär für Soziales, dann Erziehungsminister, bis er, wegen öffentlicher Kritik an der Wirtschaftspolitik von Hollande, im August 2014 die Regierung verlassen musste.

Ohne den Rückhalt des Apparates und nur mit einer kleinen Equipe arbeitete der Abgeordnete aus dem Department Yvelines an seinem Come-back und überrascht bald als jugendlich-frischer Querdenker. Der Bewunderer von US-Demokrat Bernie Sanders und Labor-Chef Jeremy Corbyn appelliert an die "Kraft des Imaginären" und fordert nicht weniger als eine "neue Republik".

Formation mit dem Logo "Faust und Rose"

Hamon setzt auf den Bruch mit den Partei-Tabus: Sein Programm-Mix aus sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Maßnahmen - Verringerung der Arbeitszeit, Visa für Flüchtlinge, Legalisierung von Marihuana, Schutz für Whistleblower -, steht im Widerspruch zu Programm und Werten der traditionellen Parteihierarchie.

Deshalb droht die Wahl Hamons die Kluft zwischen den PS-Fraktionen noch zu vertiefen, mit bitteren Folgen für die Zukunft der Partei. Denn der frisch bestallte Spitzenkandidat hat kaum Aussichten, die erste Runde der Präsidentenwahl zu überstehen. Nach derzeitigem Stand der Umfragen ist der gefeierte Sieger der Sozialisten ein künftiger Verlierer - abgeschlagen hinter Front-National-Chefin Marine Le Pen und François Fillon, dem Kandidaten der Konservativen.

Hamons Handicap: Die Formation mit dem Logo "Faust und Rose" steckt in der Zwickmühle, denn sie kommt gleich von zwei Seiten unter Druck. Auf der linken Seite der Sozialisten formiert sich die Organisation "La France Insoumise" unter Führung von Volkstribun Jean-Luc Mélenchon als ernstzunehmende radikale Konkurrenz; auf der rechten Seite umwirbt Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron mit seiner Bewegung "En Marche" frustrierte PS-Genossen und Abgeordnete.

"Beruhigen, sammeln, vereinen", mahnt Hamon daher noch am Abend und schickte sich an die verfeindeten Seilschaften auf einen gemeinsamen Kurs zu verpflichten. Schon bis zum Wahlkonvent am kommenden Wochenende will der PS-Kandidat die auseinanderdriftenden Lager der Partei hinter sich zu scharen: "Wir brauchen ein breites kollektives Bündnis aller Linken", so Hamon versöhnlich, "wir brauchen jeden Genossen".

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