Anschlag auf Kirche in Frankreich "Der IS will einen Bürgerkrieg in Europa"

Welchen Plan verfolgt der IS bei Anschlägen auf Gotteshäuser in Europa? Islamexperte Guido Steinberg erklärt die perfide Strategie der Dschihadisten und warnt vor Reaktionen, die den IS stärken könnten.

Polizisten vor der Kirche, in der das Attentat begangen wurde
AP

Polizisten vor der Kirche, in der das Attentat begangen wurde

Ein Interview von


Frankreich hat den Schock über den jüngsten islamistischen Anschlag im Land noch nicht verwunden. Anders als das Attentat in Nizza zielte er nicht auf die größtmögliche Zerstörung, sondern auf die Symbolik: Zwei Männer stürmten eine Kirche in Nordfrankreich während der Morgenmesse und töteten einen 84 Jahre alten Pfarrer auf grausame Weise.

Präsident François Hollande reiste sofort an den Tatort. Nur wenige Stunden nachdem die Täter von der Polizei erschossen wurden, mahnte er zur Einheit. Der Erzbischof von Paris, Kardinal André Vingt-Trois, rief Katholiken dazu auf, das "Spiel" der Terroristen nicht mitzuspielen. Die IS-Miliz wolle die "Kinder der gleichen Familie gegeneinander aufbringen", warnte er.

Zielte der "Islamische Staat" (IS), der sich zu dem Anschlag bekannte, tatsächlich darauf ab, den Zusammenhalt der französischen Gesellschaft zu zerstören? Warum sich vor allem die Rechten von den Islamisten instrumentalisieren lassen und was die Politik nun tun muss, erklärt der Islamwissenschaftler Guido Steinberg.

SPIEGEL ONLINE: Herr Steinberg, was ist das Kalkül des IS hinter einem solchen Anschlag?

Steinberg: Die Strategie des IS zielt darauf ab, Konflikte zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Muslimen zu schüren. Dieser Anschlag traf eine Kirche, weil der IS weiß, dass Attentate auf christliche Ziele und christliche Würdenträger eine ganz besonders heftige Reaktion bei den Franzosen und den anderen Europäern hervorrufen.

SPIEGEL ONLINE: Frankreich gilt nicht als religiöse Gesellschaft.

Steinberg: Ich glaube, dass trotz des Prinzips des Laizismus in Frankreich ein Anschlag auf einen katholischen Priester eine ganz besondere Resonanz hervorruft. Man kann natürlich die Unterschiede der europäischen Nationen sehen: dass ein Anschlag auf einen katholischen Priester in Polen effektiver wäre als in Frankreich. Das sind aber Feinheiten, die der IS in dieser Form nicht sieht. Es ging offenbar darum, die Franzosen mit den wenigen Mitteln, die den Attentätern zur Verfügung standen, ganz besonders zu schockieren.

Zur Person
  • SWP
    Guido Steinberg, Jahrgang 1968, ist Islamwissenschaftler. Bei der "Stiftung Wissenschaft und Politik" in Berlin forscht er unter anderem zu Islamismus und zur Entwicklung des Irak. Er ist Autor des Buchs "Al-Qaidas deutsche Kämpfer".

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich stehen Christen im islamischen Glauben unter Schutz. Wie lässt sich ein solcher Anschlag theologisch rechtfertigen?

Steinberg: Es gibt im Irak und in Syrien immer noch Christen, die einen besonderen Status genießen als Schutzbefohlene, sogenannte dhimmi. Den bekommen sie nur, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, etwa die Zahlung einer Kopfsteuer. Sie müssen aber schwere Diskriminierungen über sich ergehen lassen und sind ständig in Gefahr, für Spione gehalten zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Anspruch auf Schutz gilt aber nicht für die westlichen Christen.

Steinberg: Der grundlegende Unterschied ist, dass der Christ den Schutz nur genießt, wenn er sich freiwillig dem "Islamischen Staat" unterwirft. Der IS argumentiert, dass alle Franzosen dadurch, dass sie im Land des Unglaubens leben und sich nicht zum wahren Islam bekennen, zu Feinden werden. Dschihadisten sind allgemein der Meinung, dass man Zivilisten in den USA, Frankreich oder Deutschland töten darf, weil sie Teil eines größeren Systems sind, das Krieg gegen Muslime führt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Muslimen, die in westlichen Gesellschaften leben?

Steinberg: Der IS sieht nicht nur Christen und Juden als Feinde. Gegner sind auch Schiiten und sunnitische Muslime, die die Verhaltensvorschriften und Glaubensgrundsätze des IS nicht vorbehaltlos befolgen beziehungsweise übernehmen. Auch sie sind nach Ansicht des IS ein mögliches Ziel von Gewalttaten. In Frankreich zielt er aber ganz besonders auf Christen ab.

SPIEGEL ONLINE: Setzt der IS darauf, dass Muslime in westlichen Gesellschaften nach islamistischen Anschlägen ausgegrenzt werden?

Steinberg: Ja, das ist genau die Strategie des IS. Er setzt darauf, dass die Anschläge in Frankreich und Deutschland Gegenreaktionen von Rechten auslösen, damit er sich als Vertretung der Muslime etablieren kann. Letztlich will der IS Bürgerkriege in Europa provozieren. Er will, dass Muslime nicht nur von uns diskriminiert, sondern angegriffen und getötet werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann unsere Gesellschaft darauf reagieren?

Steinberg: Man muss Überreaktionen jeder Art vermeiden, weil das dem IS in die Hände spielen würde. Das heißt, dass wir besonders verhindern müssen, dass es im Anschluss an Anschläge zu rechtsextremistischer Gegengewalt kommt, etwa zu Attacken auf Flüchtlingsheime. Wir erleben keinen Konflikt zwischen "Kreuzzüglern" und Muslimen, wie es der IS sagt. Sondern einen Konflikt zwischen demokratischen Gesellschaften, die weltanschaulich neutral sind und in denen Muslime vollkommen gleichberechtigt sind, und einer terroristischen Organisation, die es auch auf Muslime abgesehen hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die Reaktion der deutschen Gesellschaft auf die Anschläge der vergangenen Woche?

Steinberg: Ich habe das Gefühl, dass wir da erschrocken, aber dennoch ruhig reagiert haben. Ich bin trotzdem besorgt, weil seitens der Regierung einige Maßnahmen fehlen. Wir müssen die Nachrichtendienste und die Polizei stärken, die Grenzen besser kontrollieren und den IS in Syrien und im Irak bekämpfen. Die Verschlechterung der Sicherheitslage hat schon in den vergangenen Jahren den Aufstieg der Rechtspopulisten beschleunigt. Ich fürchte, dass AfD und Pegida durch die Anschläge noch mehr Unterstützung bekommen.



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