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"Gelbwesten"-Randale in Frankreich Sie wollen Macron den Marche blasen

Nationalsymbole beschmiert, die Pariser Innenstadt verwüstet: Worauf gründet sich die Wut der Demonstranten und Randalierer in Frankreich? Im Aufruhr paart sich zweierlei: die Sehnsucht nach einem guten König und der Frust über den wirtschaftlichen Abstieg.

Die gewalttätigen Proteste, die nun schon seit drei Wochen Frankreich beschäftigen, werden von ganz unterschiedlichen Gruppen getragen, die ebenso diverse Ziele verfolgen. Darunter sind die Senkung der Spritsteuern, Neuwahlen, die Rückkehr zum Verhältniswahlrecht, die Wiedereinführung der Vermögensteuer und der gute anarchistische Wunsch, "de foutre la merde" - Scheiße zu bauen.

Präzise wird immerhin der Adressat der Proteste benannt, es ist der Präsident. Emmanuel Macron solle zurücktreten, darauf können sich alle einigen. Er wird mit Louis XVI verglichen, dem glücklosen Bourbonenkönig, den sein Zaudern in den Revolutionsjahren den Kopf kostete.

Hier rächt sich übrigens der nationalheroische Stil des französischen Geschichtsunterrichts, denn die Jahre nach der Revolution waren nicht lustig, die Hinrichtung des Königs eine Tragödie, die das Land schwer traumatisierte. Bis heute spukt in der politischen Fantasie die Sehnsucht nach dem guten Monarchen, mit dem sich Frankreich versöhnen kann.

Warum auch die letzten Reformer grandios enttäuschten

Überraschend kommen die Proteste nicht. Schon die letzten Präsidentschaftswahlen endeten mit dem Kollaps des traditionellen Parteiensystems. Das Misstrauen gegen Politiker ist groß, der Frust über Jahrzehnte angewachsen.

Die Vorgänger Macrons, Nicolas Sarkozy und François Hollande, waren jeweils als frische Reformer gewählt worden, die, mit einer großen parlamentarischen Mehrheit ausgestattet und von viel gutem Willen begleitet, grandios enttäuschten.

Frankreich ist den Franzosen zu teuer geworden

Doch bislang konnten sich die Franzosen in behaglichem Meckern über die Zeitläufte immer noch in ihr gutes Leben zurückziehen. Die Idylle des französischen Alltags außerhalb der Machtzentren der Hauptstadt versprach ein epikureisches und, ganz schlicht, ein billiges Leben. Auch Rentner und Arbeiter, Arbeitslose und Studierende sollen sich mal ein Festessen gönnen können, sich an der Natur erfreuen und in Würde durch die Welt gehen - doch dieses Versprechen Frankreichs ist nicht mehr zu halten.

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Proteste in Paris: Der Tag der Eskalation

Foto: ABDULMONAM EASSA/ AFP

Frankreich ist für seine Bürger zu teuer geworden. Die langen Ferien, Restaurantbesuche, Familienessen, die zum Wesen des französischen Lebensstils gerade in den unteren Schichten gehören, sind nicht mehr zu bezahlen. Wo ein Vereinsfest unter Handwerkern und kleinen Beamten noch vor wenigen Jahren mit Champagner und Austern begangen wurde, werden Bier und Chips serviert. Solche Billigbankette stressen jeden Franzosen, sind Warnzeichen für die Politik.

Das Wohnen ist zumal in Paris für Menschen ohne Vermögen gar nicht mehr zu bezahlen. Die Innenstadt ist längst ein Museum, in vielen Straßen stehen Wohnungen permanent leer, weil die reichen Besitzer ganz woanders auf der Welt residieren. Auch darum konnte der Mob dort bedenkenlos wüten, es traf niemanden, den man kennen könnte.

Ende der Welt gegen das Ende des Monats

Nun kommt verschärfend hinzu, dass Macron und seine Regierung von einer Bewegung ins Amt befördert wurden, die eine radikale und exzellente Reform des ganzen Landes versprochen hat. Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Strafvollzug, Gleichberechtigung, dekolonisierende Museumspolitik - es gibt eigentlich keinen Bereich des öffentlichen Lebens, den En Marche nicht zu reformieren begonnen hat. Es gibt in diesem politischen Lager also jede Menge Experten, aber wenige vertraute Gesichter, wenig versierte Sozialpolitiker, wenige Menschen mit Verbindungen zu Vereinen und Gemeinden.

Auch die Methoden von Macron sind neu. Wenn reformiert wird, geschieht es durch zeitgemäße, aber eben auch langwierige Anhörungs- und Konsensverfahren, nicht mehr durch Präsidialentscheidungen. So wurde seit seinem Amtsantritt die Zeit knapp und lang zugleich. Ihr kommt uns, so beschrieb es einer in einer gelben Warnweste, beim Thema Umwelt mit dem Ende der Welt, während wir uns um das Ende des Monats sorgen müssen.

Im Video: "Gelbwesten"-Demo eskaliert

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So steckt in den Protesten, in dem Aufruhr auch ein Stück Nostalgie: Ein Marsch auf Paris, ein Angriff auf das Zentrum der Macht, hat sich traditionell gelohnt in Frankreich. Die Massen demonstrierten, und der König, später der Präsident, sollten daraufhin Herz zeigen und etwas machen, ein Gesetz zurücknehmen. Aber heute kann Macron keine Notenpresse anwerfen, keine Supermärkte zur Preissenkung verdonnern, er kann nicht einmal den öffentlichen Nahverkehr regeln, denn der untersteht den Regionen und Gemeinden. Soll Macron in gelber Warnweste aus dem Élysée treten und Geschenke verteilen?

Nationalstaat protzt - kann aber nicht viel für die Bürger tun

Das ist der Fluch der fünften Republik, die dem Präsidenten das Dekorum eines Königs zuschreibt: Entweder die Amtsinhaber werden darüber verrückt oder die Bürgerinnen und Bürger drehen durch, weil diese so sichtbare Macht so wenig vermag. Frankreich kann nur prosperieren und zu sich selbst finden, wenn die Zivilgesellschaft und die regionalen und kommunalen Institutionen Verantwortung übernehmen, wenn der Staat ergänzt wird - aber das wäre das Ende einer symbolischen Ordnung, in der Zentralstaat und Präsident Schutz vor der Welt bieten wie der Zaubertrank für die Bewohner des gallischen Dorfs von Asterix.

Insofern sind die Warnwesten ein Ausdruck des Frusts gegenüber einem Nationalstaat, der noch in vollem Pomp zu besichtigen ist, aber nicht mehr sehr viel für sie tun kann. Eine Rentnerin in gelber Weste beschwerte sich, dass sie Monate auf einen Termin beim Hausarzt warten muss - ein Missstand, für den ihre regionale Gesundheitsverwaltung verantwortlich ist, nicht der Élysée-Palast. Lokal- und Regionalpolitik hat in Frankreich aber nur einen geringen Stellenwert, die meisten nutzen solch ein Mandat, um in Paris auf sich aufmerksam zu machen.

Proteste gegen Macron in Paris

Proteste gegen Macron in Paris

Foto: Francois Mori/ AP

Macron wusste schon, warum er früh dafür plädierte, in Europa etwas mehr Tempo zu machen. Die Wut wächst überall dort, wo nationale Politiker sich größer machen, als sie sind, statt Macht und Verantwortung in die Region und nach Europa zu verteilen.

Die Westenträger wollen einen General

Macron wird, wie in manchen Ecken Deutschlands die Bundeskanzlerin, zur Hassfigur Nummer eins, weil er als Agent eines irreversiblen Wandels erscheint, statt regressive Wünsche nach einem strengen, aber gerechten Vater zu erfüllen. Ein Sprecher der Warnwesten forderte die Berufung eines Generals zum Premierminister, damit endlich mal wieder Ordnung im Lande herrsche.

Dieser Tage bleiben aber für viele Franzosen das beklemmende Gefühl der leeren Konten und Kühlschränke und für ihre Kinder die Sorge um die berufliche Zukunft. Macron ist gewissermaßen das Opfer der von ihm geweckten Hoffnungen. Das politische Parteiensystem Frankreichs lag am Boden, sein Buch trug den Titel "Revolution", aber er ging den Umbau bedächtig und sachlich an.

Einen Ausweg gibt es für ihn nur in der Offensive. Er wird die Regierung sozialpolitisch ergänzen müssen. Und die "Warnwesten" werden zu einer Bewegung und einer Partei werden, die die Interessen der kleinen Leute schützt. Die französischen Kommunisten und Sozialisten sind Geschichte.

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