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Emmanuel Macron: Ein Jahr Hoffnungsträger

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Ein Jahr Macron Die Kritik am König wächst

Emmanuel Macron regiert seit einem Jahr in Paris. Doch die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten nimmt zu. Sogar einstige Weggefährten wenden sich ab.

Emmanuel Macron feiert seinen ersten Jahrestag an der Macht: Vor genau 365 Tagen wählten ihn die Franzosen zu ihrem neuen Präsidenten. In Paris sangen die Menschen bereits am Samstag vor dem alten Winterzirkus: "Joyeux anniversaire!" - Alles Gute zum Geburtstag.

Das Problem: Die Glückwünsche waren ironisch gemeint.

"Wir geben die Kaufkraft den Reichen zurück", lautete die selbstverfasste Parole eines Demonstranten mit Anti-Macron-Plakat. Fast schon ging es auf der alten Pariser Demonstrations-Meile zwischen dem Platz der Republik und dem Platz der Bastille wie früher zu: Wie im Mai 1968 oder bei all den anderen großen Links-Kundgebungen der letzten Jahrzehnte. "Stoppt den sozialen Staatsstreich", forderten die Demonstranten - Zehntausende waren gekommen. Und ihr Anführer, der Links-Parlamentarier Jean-Luc Mélenchon, rief: "Ihr seid das revoltierende Volk Frankreichs!"

Aber gibt es die aufmüpfigen Franzosen wirklich noch? Oder sind die meisten Bürger nicht vielmehr froh, dass mit Macron endlich einer die Dinge in die Hand nimmt?

Vielerorts bewundert

Über diese Fragen erscheinen jetzt jeden Tag lange Aufsätze in den französischen Zeitungen. Ein Jahr nach dem kometenhaften Aufstieg des heute vielerorts in der Welt bewunderten, jungen französischen Präsidenten scheint es daheim Zeit für eine Macron-Besinnung. Und zum ersten Mal seit dessen Machtantritt sieht es so aus, als braue sich da etwas über dem Élysée-Palast zusammen.

Es geht um eine neue Macron-Kritik, die es in sich hat. "Hier liegt das Macron-Paradox: Um sich mit aller Macht durchzusetzen, bricht er verbale Lanzen für den Populismus", sagt zum Beispiel der Schriftsteller Olivier Mongin, eigentlich ein jahrelanger Weggefährte Macrons, der mit ihm gemeinsam für die Kulturzeitschrift "Esprit" schrieb.

Mongin kreidet Macron seine Reform der französischen Eisenbahn an, wegen der der Zugbetrieb seit Wochen und bislang ohne absehbares Ende bestreikt wird. Laut Mongin verteidigt Macron seine Reform nur mit Schlagworten wie Schuldenabbau und Konkurrenzkampf. "Stattdessen müsste er eine demokratische Atmosphäre mit klaren Spielregeln schaffen, um den Konflikt auszutragen", empfiehlt der Schriftsteller.

"Kultur der alten Welt"

Damit aber berührt Mongin den Kern der Macron-Schelte: Wie gut tut der Erfolgsmensch im Élysée der französischen Demokratie? Manche Kritiker haben da ihre Zweifel.

Das gilt auch für die einflussreichen Reformer in der gemäßigten CFDT-Gewerkschaft, die man eigentlich an Macrons Seite glaubte. "Die Methode, die der Präsident anwendet, entspringt der Kultur der alten Welt", sagt Ex-CFDT-Chef Jean Kaspar. "Eine Kultur, in der der Staat allein das Allgemeininteresse verkörperte, und in der die technokratische Intelligenz höher angesiedelt war als die soziale und ökologische Intelligenz." Kaspar bezichtigt den Präsidenten eines autoritären Regierungsstils, der auf Parlament und Gewerkschaften nur wenig Rücksicht nimmt.

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Frankreich: "14. Mai 2017, Wiederherstellung der Monarchie"

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Damit einher gehen zahlreiche Medienberichte, die Macron mal bewundernd, mal kritisch eine "königliche Symbolik" ("Le Monde") im Amt attestieren. Es fällt auf, dass Macron innerhalb eines Jahres schon dreimal im alten, absolutistischen Königsschloss von Versailles empfing: den russischen Präsidenten Wladimir Putin, Senatoren und Abgeordnete, und einmal im Januar Wirtschaftsführer. Macron besuchte die Kathedrale von Saint-Denis im Norden von Paris, zu der früher alle französischen Könige pilgerten. Er feierte Weihnachten auf einem Königsschloss.

"Macron instrumentalisiert seine Gesten, seine Energie, seine Jugend, vielleicht sogar seine Schönheit. Er spielt den charmanten Prinzen", analysiert Stanis Perez. Der französische Historiker zieht Vergleiche zur "Instrumentalisierung des Körpers bei Wladimir Putin", der bei Jagd, Angeln und Judo auch eine "königliche Haltung" an den Tag lege. Nicht umsonst trugen viele Macron-Karikaturen auf den Plakaten der Pariser Demonstranten am Wochenende Napoleon-Kappe oder königliche Perücken.

Kurswechsel nicht in Sicht

Macron entzog sich der Kritik zuletzt mit einer langen Reise nach Australien und Neu-Kaledonien. Trotz allen Widerspruchs: In den Umfragen steht er nach einem Jahr im Amt noch besser da als seine zwei unmittelbaren Vorgänger, Nicolas Sarkozy und François Hollande. Ein Kurswechsel ist nicht in Sicht.

Die Kritik aber wird vorerst nicht abnehmen. "Macron glaubt, dass eine Avantgarde dem Land Gutes tun kann", sagt der Pariser Politologe und Umfragen-Experte Jérôme Sainte-Marie: "Im Grunde ist der Macronismus eine Grundsatzkritik der Demokratie."

Wie fast alle seine neuen Kritiker wählte auch Sainte-Marie vor einem Jahr Macron. Damals war dieser auch für die, die ihn heute am schärfsten verurteilen, noch ein Held, der den aufkommenden Populismus in Gestalt der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen besiegt hatte. Doch die Krise der französischen Demokratie kann niemand allein bewältigen, nicht einmal Macron - und schon gar nicht in einem Jahr.

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