Affäre um Scheinbeschäftigung Fillon startet die Operation Überleben

François Fillon geht zum Angriff über. Der Spitzenkandidat der französischen Konservativen weist den Vorwurf zurück, er habe seine Frau scheinbeschäftigt - und beklagt "politische Lynchjustiz". Erklärungen bleibt er schuldig.

François Fillon
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François Fillon

Von , Paris


Er gibt sich kämpferisch. François Fillon geht am Montag zum Angriff über: "Nichts vorzuwerfen" habe er sich, sagt der Spitzenkandidat der französischen Konservativen für die Präsidentenwahl. Die Angriffe gegen ihn seien "Diffamationen", ja, "beispiellos in der Geschichte der Fünften Republik".

Fillon wird vorgeworfen, seine Ehefrau und zwei seiner Kinder scheinbeschäftigt zu haben - was er bestreitet. Die Anstellungen seien legal gewesen. Die verheerenden Enthüllungen elektrisieren seit zwei Wochen die französische Öffentlichkeit. Nun hat Fillon eine mediale Gegenoffensive gestartet. In seiner Pressekonferenz vom Montag konzentrierte er sich auf dreierlei:

  • Fehler eingestehen, um Vergebung bitten. Er sei "nicht vollkommen", so Fillon. Was die Anstellung seiner Familie betrifft, sagte Fillon, er verstehe nun: "Nicht alles, was gestern üblich war, ist heute noch akzeptiert." Er entschuldige sich bei seinen Mitbürgern.
  • Gravierendes Fehlverhalten? Machen die anderen. Fillon entschuldigte sich zwar für Fehler, aber den Vorwurf eines Gesetzesverstoßes wies er erneut zurück. Die Beschäftigung seiner Frau Penelope als parlamentarische Mitarbeiterin sei "legal und transparent" gewesen. Die politischen Gegner und vor allem die Presse hätten aber versucht, ihn vor ein "mediales Tribunal" zu zerren. An die Adresse der Medien ging der Vorwurf der "politischen Lynchjustiz".
  • Debatte auf die politische Ebene verlagern. Es gibt keine Alternative zu mir, machte Fillon deutlich. Nur mit ihm sei den Konservativen ein Sieg an der Urne möglich. Und an die Rivalen in den eigenen Reihen gerichtet sagte er: "Ich bin nicht der Kandidat der Partei, sondern aller Franzosen."

Fillons "Operation Überleben" (Zitat "Le Monde") war überfällig. Denn während der Affäre, aufgedeckt vom investigativen Wochenblatt "Le Canard Enchaîné", hatte er sich in Widersprüche verstrickt. Und die Erkenntnisse über die üppige Entlohnung für Frau und Kinder über rund eine Million Euro brachte Fillon vor allem bei der eigenen Klientel im Verruf - unter Senioren, Wertkonservativen und Katholiken.

Penelope und François Fillon
AFP

Penelope und François Fillon

Doch die perfekt formulierte Ehrenerklärung in eigener Sache, bei der Fillon die Finanzen des Ehepaars ins Detail aufrollt (Sparbücher, Hausbesitz, Lebensversicherungen), schafft nicht alle Fragen aus der Welt. Auch wenn Fillon das Gehalt seiner Frau geschickt auf einen "Nettolohn von monatlich 3500 Euro" herunterrechnet. Auch wenn Fillon als zusätzliche Geste seine Vermögensverhältnisse im Internet ausbreiten will.

Er präsentiert zu einfache Erklärungen für offene Fragen. Die Äußerungen von Madame Fillon in einem britischen Interview, wonach sie nie die Assistentin ihres Mannes war? "Aus dem Zusammenhang gerissen." Worin denn ihre Arbeit als Assistentin bestand? "Penelope hat meinen Kalender geführt, die Post gemacht, mich bei Vereinen vertreten." Nachprüfbar ist das nicht.

Die Tätigkeit der beiden Kinder als Zuarbeiter ihres Vaters, bezahlt mit 84.000 Euro? Sohn Charles hat sich mit juristischen Fragen beschäftigt, Tochter Marie Material für ein Buch gesammelt. "Alles legal." Und überhaupt: "Es steht allein dem Abgeordneten zu, wie, wo und wann er seine Assistenten einsetzt."

Sind damit alle Zweifel beseitigt? Die Justiz fürchtet Fillon offenbar nicht: "Wir haben den Ermittlern gegenüber alles offengelegt."

Die Partei fügt sich - noch

Fillons großer Vorteil ist jedoch, dass er trotz der Affäre unter den Republikanern ohne Alternative ist: Die Parteigremien konnten sich unter dem halben Dutzend möglicher Anwärter auf keine Ersatzkandidatur einigen. Alain Juppé, Bürgermeister von Bordeaux und Rivale Fillons bei den Vorwahlen, hat ohnehin abgewunken. "Ich stehe nicht für einen 'Plan B' zur Verfügung."

Ob der Auftritt vom Montag und die Neuinszenierung als Saubermann genügen, bleibt abzuwarten. Bei einer Umfrage vom Wochenende sprachen sich zwei Drittel der Franzosen gegen Fillons Kandidatur aus. Zwei Drittel der Anhänger seiner Partei "Les Républicains" allerdings unterstützten ihn. Die parteiinterne Kritik ist vorerst verstummt. Fillon tönte zuversichtlich: "Jetzt beginnt eine frische Phase der Kampagne."

Allerdings gibt es weitere Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Ermittler der Kripo gehen derzeit der Frage nach, ob der Kandidat sich der Vorteilsnahme schuldig gemacht hat: Gab es einen Zusammenhang zwischen der Verleihung des Großkreuzes der Ehrenlegion an den Unternehmer Marc Ladreit de Lacharrière 2010 und der Anstellung von Madame Fillon zwei Jahre später bei einer literarischen Revue, die im Besitz des Milliardärs ist?

Vielleicht hält es François Fillon mit der Weisheit, die er im Juni 2016 beim Besuch der kurdischen Rebellenhochbuch Erbil Journalisten anvertraute: "Der Unterschied zwischen einem Held und einem Schurken ist manchmal schwierig. Das hängt vom Ausgang ab. Nur der Sieg ist schön."

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Sandlöscher 06.02.2017
1. Totengräber der Demokratie
Herr Fillion will doch den Franzosen eine Agenda 2010 für Frankreich verordnen. Verzichten sollen in diesem System bekanntlich immer die Schwächsten. Für sich und seine Familie hat er glänzend den Steuerzahler zahlen lassen. Damit passt er fantastisch in diese Ideologie. Kein Wunder, dass der Front National immer stärker wird.
St.Baphomet 06.02.2017
2. Kalender führen und die Post machen
für 3500 Euro Netto? Ist voll mein Job. Nur dass ich bei der Arbeit absolut nicht gesehen werden darf ist das Problem, dafür muss man Spezialist sein. Solche bekommen dann locker auch 800000 Euro. Als Nicht-Anwesenheitsprämie. M.E ist Fillon erledigt. Nichts ist schlimmer als verlogene Moralapostel.
crewmitglied27 06.02.2017
3. Genau deswegen,
wegen dieser Mentalität vieler Politiker der etablierten Parteienlandschaft wird es in diesem Jahr wohl in drei europäischen Staaten ein politisches Erdbeben bei den Wahlen geben. Monsieur Fillion findet es richtig, seine Frau mit Steuergeldern in dieser Höhe zu alimentieren. Wenn die Presse etwas mehr Recherche betreiben würde hätte Herr Schulz das gleiche Problem wie der Franzose. Wenn dann noch ein paar fundierte Artikel über die Verfassungs- und sonstigen Rechtsbrüche von Frau Merkel dazu kämen, dann würde es bei den Wahlen aber richtig scheppern. Ich finde es gut, dass sich die französische Presselandschaft dieses Themas ausgiebig annimmt, ohne auf die zu erwartenden Folgen bei den Wahlen Rücksicht zu nehmen. Hier sind wir wohl noch nicht so weit. Ist es, weil Ihr das Ergebnis nicht wollt? Die schlimmen "Populisten" kommen. So, oder so. Oder ist es weil Ihr vielleicht doch ein ganz kleines Bisschen von oben....aaach, das kann ja bei deutschen Qualitätsjournalisten nicht sein.
licorne 06.02.2017
4.
Er hat ein bisschen bei Trump abgeschaut: Journalisten- und Gegnerschelte. Warum entschuldigt er sich eigentlich, wenn alles eine Verschwörung sein soll? Es geht ja fasr gar nicht mehr darum, ob seine Familienmitglieder für ihn gearbeitet haben. Es geht schon allein um um freche Höhe der Bezüge. Dann betont er noch, dass niemand dem Abgeordneten reinreden dürfe, welche Gehälter er zahle, obwohl es um Steuergelder geht. Er hat auch betont, dass keine Rechenschaft über den Arbeitsplatz gegeben werden müsse. Damit kann er dann behaupten, seine Frau habe von Haus aus gearbeitet.
rainer82 06.02.2017
5. Fillon und Le Pen in finanziellen Verstrickungen
durch illegale Verwendung staatlichen Geldes. Le Pen finanzierte so ihre rechtsextreme Partei, Fillon seine Familie. Die Sozialisten dürfen jubeln.
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