Frankreichs Begeisterung für von der Leyen Ist es Liebe?

In keinem Land blicken die Menschen positiver auf eine Deutsche an der EU-Spitze als in Frankreich. Ursula von der Leyen profitiert dabei vor allem vom hohen Ansehen Angela Merkels.

Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron (Archiv)
Benoit Tessier/ DPA

Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron (Archiv)

Von , Paris


Plötzlich reden viele Franzosen von ihr. "Ist sie nicht eine Freundin von Merkel?" will der Tresen-Nachbar im Pariser Eck-Café "L'autobus" wissen. Und behauptet bei einem Glas Rosé: "Ich glaube, sie ist eine Kopie Merkels."

Es geht um Ursula von der Leyen. Bisher kannte kaum ein Franzose ihren Namen. Wer in Deutschland kennt schon die französische Verteidigungsministerin Florence Parly? Genauso war es auch umgekehrt. Bis die Deutsche vor zehn Tagen von den europäischen Staats- und Regierungschefs zur Kandidatin für die Präsidentschaft der EU-Kommission ausgewählt wurde.

"Die Mehrheit der Franzosen sieht in Ursulas Nominierung einen Sieg Macrons", sagt der Pariser Außenpolitik-Experte Dominique Moisi, der von der Leyen seit vielen Jahren persönlich kennt. Doch während Moisi das Postengeschacher in Brüssel im Detail verfolgt und von der Leyen skeptisch eine "deutsch-französische Kompromisskandidatin" nennt, machen sich Medien und Öffentlichkeit in Frankreich selten diese Mühe. Sie sehen nur zwei neue, sehr seriöse Frauen an der Spitze Europas, die eine Französin - da bekommt auch die Zweite jede Menge Vorschusslorbeeren.

"Von der Leyen, das ist er!" sagt Sébastian Maillard, Leiter des Pariser Jacques-Delors-Instituts, über den französischen Hype um von der Leyen und die französische Anwärterin auf den Chefposten der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. Er, das ist natürlich Macron. Tatsächlich hat sich die Geschichte, dass es kein anderer als der französische Präsident war, der von der Leyen ins Rennen schickte, in Frankreich gut verkauft.

Der vielleicht bestmögliche Merkel-Ersatz

"Merkel wollte den Franzosen Barnier nicht als Kommissionschef, und Macron nicht den Deutschen Weidmann als europäischen Zentralbankchef", resümiert Maillard. So ähnlich hört man das auch am Café-Tresen, wo Personalpolitik in Frankreich immer besonders gern diskutiert wird. Jedoch nie, ohne Merkel zu erwähnen, wenn es um Europa geht. Denn ihr Zittern bereitet auch vielen Franzosen Sorgen, die ihr nicht selten mehr vertrauen als allen französischen Politikern. Und die jetzt gern glauben wollen, dass sie mit von der Leyen den vielleicht bestmöglichen Merkel-Ersatz für den Spitzenposten in Brüssel bekommen: solide, kompromissfähig, korruptionsfrei.

Schon vergleichen die Pariser Medien von der Leyens mögliche Wahl mit der des seinerzeit hochgeschätzten französischen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors, der das Amt von 1985 bis 1995 innehatte. Wer nach Delors kam - Luxemburger, Italiener, Portugiese - blieb im französischen Bewusstsein kaum haften. "Von der Leyen kann das ändern", sagt Maillard.

Dabei schwingt auch der alte Pariser Traum von einer starken deutsch-französischen Führung in Brüssel mit. Schon nach dem britischen Brexit-Votum war deutlich: Während Berlin trauerte, wollte Paris im Rückzug der Briten die Chance für ein Zusammenrücken von Deutschen und Franzosen erkennen. Genau das schien dann Macron in seinen beiden ersten Amtsjahren nicht zu gelingen. Die geschätzte Merkel, so entstand in Frankreich der Eindruck, ließ ihn auflaufen.

Doch dieses Mal war endlich alles anders. Macron schlug ja ihre Freundin Ursula vor. Da konnte Merkel nicht Nein sagen. Und weil sich das alles so gut und glaubwürdig erzählen ließ, entwickelte sogar die im Ton sonst so zurückhaltende Pariser Zeitung "Le Monde" eine regelrechte Emphase in Sachen von der Leyen und Lagarde: "Den beiden Frauen eilen nicht nur günstige Urteile vorweg, sie müssen das unvermeidliche Misstrauen überwinden, doch daran, das muss man ihnen lassen, sind sie gewöhnt."

"Frucht des deutsch-französischen Einverständnisses"

Sogar Provinzblätter wie "Ouest-France", die sonst keinesfalls Macron-hörig sind, brachten große Bilder von der Leyens und lobten ihre Kandidatur als "Frucht des deutsch-französischen Einverständnisses".

Dabei musste man die Sache eigentlich auch aus französischer Sicht viel kritischer sehen. Macrons Anspruch war es gewesen, nur die jeweils Besten für die europäischen Topjobs durchzusetzen. Das war, erinnert der ehemalige Harvard-Professor Moisi, aus Sicht fast aller Experten die Dänin Margrethe Vestager als Kommissionspräsidentin. Und auch keinesfalls Lagarde für die Zentralbank, weil diese weder Ökonomin ist noch Zentralbankerfahrung mitbringt. "Ihr fehlt die technische Intuition, die in diesem Amt von zentraler Bedeutung sein kann", kritisiert Moisi. Genauso wie er bei von der Leyen als besondere Qualifikation nur erkennt, dass sie Deutsche, CDU-Mitglied und bisher Ministerin ist. "Je europäischer ein Franzose denkt, desto weniger kann er sich für von der Leyen begeistern", sagt Moisi.

Genau das aber erklärt die Begeisterung der übrigen Franzosen für die deutsche Kandidatin. Sie sehnen sich schon lange nach einer starken europäischen Führung. Und ja, tatsächlich auch nach deutscher Führung.

insgesamt 54 Beiträge
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Gluehweintrinker 15.07.2019
1. Keine großen Chancen
Wer die Äußerungen aus den EU-Fraktionen registriert und das angekündigte Abstimmungsverhalten für real hält, der muss mit dem Durchfallen VDLs rechnen. Der Apparat funktioniert mehr schlecht als recht, und es wird höchste Zeit, dass man die Wahlverfahren und EU-Meinungsfindungen auf neue Beine stellt. In Zeiten, da erklärte EU-Zerstörer kein Interesse an einer gedeihenden EU haben, muss man sich ohnehin von dem Idealzustand "Einigkeit" verabschieden. Der Mehrheitsbeschluss in jeder Form muss zum Normalfall werden, ansonsten riskieren wir den Zerfall der EU, und das kann nicht gut sein. Gut wäre das für China, Russland, die USA.
Bonnefortune 15.07.2019
2. Dezente Nachfrage
Könnte bitte irgendjemand wahrheitsgemäß und nachvollziehbar darlegen, welche besonderen Verdienste sich Frau Urula von der Leyen in den drei Ministerämtern erworben hat, die sie in den vergangenen Jahren innehatte? Vergessen wir mal für einen Moment die Loyalität zwischen UvdL und Kanzlerin, daß sie eine Deutsche ist ( ... wir sind Kommissionspräsidentin...) und eine Frau, dann bleibt an sich wenig, was sie besonders für diesen Posten auszeichnet. Menschlich gönne ich ihr diese Abrundung ihrer Karriere, aber in einem von Fliehkräften und Unterminierung geplagten Europa wünsche ich mir eher eine Margrethe Vestagher. Und: nein- ich bin nicht rechtsradikal, kein Wutbürger, war jahrzehntelang CDU-Wähler und bin noch nicht zu müde , um ein paar Dinge, die im Politgeschwätz vernebelt werden, zu hinterfragen.
brux 15.07.2019
3. Vestager
Der Vestager Hype ist ziemlich daneben. Die Generaldirektion Wettbewerb der Kommission ist stark, weil der EU Vertrag ihr viel Macht gibt. Da muss man fast keine Kompromisse eingehen, das meiste wird formaljuristisch durchgezogen. Folglich sieht die Kommissarin immer gut aus. Wo ernsthafte ökonomische Analyse notwendig war um Fälle zu begründen, ist man recht häufig auf die Schnauze gefallen. Auch der Fall Apple/Irland ist vor Gericht noch nicht durch, d.h. die grossen Leistungen Vestagers stehen bislang nur auf dem selbst geschriebenen Papier. Übrigens gibt es einen guten Grund eine Dänin als Kommissionspräsidentin zu vermeiden: Dänemark ist nicht im Euro und optiert oft aus EU Gesetzen heraus (z.B. bei der Verteidigungspolitik). Die Dänen haben in Brüssel den Ruf sich für etwas besseres zu halten und haben auch einen gewissen Drang, das alle wissen zu lassen.
mrwatson 15.07.2019
4. Franzosen freuen sich
Sind da etwa Wirtschaftsberater mit gemeint ? Ironie aus !
gersois 15.07.2019
5. Starke Führung?
Wie um Himmels Willen kommt darauf, dass Frau VDL eine starke Führungspersönlichkeit sei? Ihre Nominierung ist ein Sieg Macron, der Frau Lagarde durchsetzte und mit Frau VDL eine SCHWACHE Kommissionspräsidentin vorschlug. Gerade Macron mit seinen Großmachtträumen braucht keine starke EU-Kommission, um sich als Führungspersönlichkeit in Europa zu etablieren. Und Deutschland braucht dringend eine starke Regierung, um dagegen zu halten, und keine ausgebrannte, passive Bundeskanzlerin.
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