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29. April 2016, 19:01 Uhr

Randale in Frankreich

"Die wollen sich nur prügeln"

Von , Paris

Es sollten Demos gegen die Reform des französischen Arbeitsrechts sein - es wurden brutale Ausschreitungen. Politiker rätseln über die Hintergründe. Und am 1. Mai droht neuer Krawall.

Geplant war eine Mobilisierung der Gewerkschaften gegen die Reform des Arbeitsrechts, doch am Ende überwog der Schrecken über die Ausschreitungen - eingeworfene Schaufenster, zerstörte Läden, ausgeräumte Auslagen in Frankreichs Metropolen: Die Organisatoren beklagen brutale Übergriffe der Sicherheitskräfte, die Polizei 74 verletzte Polizeibeamte. Es gab 213 Festnahmen, mehr als hundert Demonstranten sind in Haft.

Am Tag danach suchen Politik und Organisatoren nach Erklärungen für den Gewaltausbruch. Warum wurde aus dem politischen Protest der Gewerkschaftsfront eine solch brutale Konfrontation?

Denn nicht nur in der Hauptstadt, auch in der Provinz endeten die Aufmärsche bei der landessweiten Kundgebung gegen das "Gesetz El Kohmri" - so benannt nach der zuständigen Ministerin für die Reform des Arbeitsrechts -, in Straßenschlachten. Zoff gab es in Marseille, Nantes und Rennes, an der Austerlitz-Brücke in Paris flogen Pflastersteine, die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die vermummten Demonstranten vor. Ein Beamter wurde schwer am Kopf verletzt.

Premier Manuel Valls twitterte über eine "Minderheit von Unverantwortlichen" und versprach: "Sie werden vor der Justiz Rechenschaft ablegen müssen." Jean-Claude Mailly, Boss der Gewerkschaft "Force ouvrière", verurteilte seinerseits die Übergriffe, aber versicherte auch: "Sie haben am Rand, außerhalb unserer Kundgebungen stattgefunden."

Das stimmt freilich nicht mit den Beobachtungen von mitmarschierenden Arbeitern und Studenten überein. Tatsächlich waren es Gruppen, vermummt mit Motorradhelmen, Karnevalsmasken oder schwarzen Tüchern, die aus der Mitte friedlicher Demonstranten die Polizeikräfte attackierten, Geschäfte zerstörten oder Autos in Flammen aufgehen ließen.

Attacke gegen die Symbole des Kapitalismus

Für Polizeipräfekt Michel Cadot sind die rücksichtslosen Gewalttaten gegen die Ordnungskräfte keine spontanen Ausbrüche protestierender Arbeiter oder Studenten. Er vermutet dahinter "äußerst gut organisierte Gruppen von Randalieren". Aufrührer aus Organisationen wie dem "schwarzen Block", mehr oder minder politisch motivierte Außenseiter mit Spaß am Krawall. Sie nutzen Streiks, Protestmärsche oder Umwelt-Demos zu geplanten Provokationen. "Die wollen sich nur prügeln", sagt Rocco Contento von der Pariser Polizeigewerkschaft SGP, "Ihr Ziel ist simpel: den Bullen die Fresse polieren."

"Bei diesen Militanten handelt sich um kleine Gruppen von Extremisten, die auf bewusste Sabotage aus sind und etwa Bankfilialen attackieren - Symbole des Kapitalismus", sagt Eddy Fougier, Politologe am "Institut für Internationale und Strategische Angelegenheiten", (IRIS) im Interview mit BFM-TV. "Daneben gibt es freilich auch unter friedlichen Demonstranten wie den Jugendlichen der Bürgerbewegung 'Nuit Debout' die Versuchung zur Radikalisierung."

Und Fougier warnt vor einer Eskalation bei den bevorstehenden Kundgebungen am 1. Mai. "Man stelle sich vor, wenn es bei den Demonstrationen einen Toten gäbe."

Neben den Angehörigen dieses verschwommenen Bündnisses von radikalen Autonomen oder selbsternannten Antifaschisten, kommen noch die Profiteure der Krawalle, die im Schatten der Zusammenstöße Läden ausräumen oder Auslagen plündern. "Es gibt da eine Menge Jugendliche, die das Durcheinander nutzen, um zu klauen", so Politologe Fougier.

Manchmal stellen sich die Trittbrettfahrer der Ausschreitungen allerdings ziemlich dümmlich an. So der Jugendliche aus Rennes, der sich in einem Internetvideo brüstete, er habe während einer Kundgebung ein paar teure Turnschuhe geklaut. Er wurde prompt überführt - die exklusiven Treter fand die Polizei bei ihm zu Hause.

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