Pressestimmen zur Frankreichwahl "Es reicht für Macron nicht, nett zu wirken"

Emmanuel Macron hat beste Chancen auf das französische Präsidentenamt. Doch die internationale Presse warnt: Noch ist der Sieg nicht sicher - und auch als Staatschef würde es für ihn nicht einfach.
Emmanuel Macron

Emmanuel Macron

Foto: ERIC FEFERBERG/ AFP

Er war einer der großen Favoriten auf den Einzug in die Stichwahl. Jetzt hat es Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron bei der ersten Abstimmungsrunde in Frankreich sogar auf Rang eins geschafft - noch vor Rechtspopulistin Marine Le Pen. Das war nicht unbedingt vorherzusehen und ist ein großer Erfolg für den Mitte-links-Politiker.

Und jetzt?

Zurücklehnen kann sich Macron nicht. Darin ist sich die internationale Presse weitgehend einig. Zwar habe er nun große Chancen auf das Präsidentenamt, so der Tenor, doch Le Pen sei noch lange nicht besiegt. Und auch im Falle eines Sieges warten auf Macron gewaltige Aufgaben.

Die Pressestimmen im Überblick:

"Libération", Frankreich: "In der Stichwahl stehen sich der Sozialliberalismus von Emmanuel Macron und der Nationalismus von Marine Le Pen gegenüber, die Öffnung steht gegen die Abschottung, das vereinte Europa gegen ein isoliertes Frankreich. Im Prinzip sollte es der junge Sieger der ersten Runde mithilfe der republikanischen Kräfte aller Parteien schaffen, die böse Stiefmutter zu schlagen. Allerdings hat der Front National von Marine Le Pen das beste Ergebnis seiner Geschichte bei einer Präsidentschaftswahl erzielt. Le Pen könnte es nun auf einen Kampf zwischen 'Volk' und 'Eliten' anlegen. In dieser neuen politischen Kulisse ist alles möglich."

"Le Monde", Frankreich: "Es ist historisch: Seit den Anfängen der Fünften Republik spielte sich das politische Leben Frankreichs um zwei große Parteien ab, eine links und eine rechts. Das Jahr 2017 ist in dieser Hinsicht eine Ruptur: Niemals in der Geschichte haben die beiden Hauptformationen unseres politischen Lebens zusammengerechnet ein so schwaches Ergebnis eingefahren."

"Times", Großbritannien: "Emmanuel Macron ist eine weitgehend unbekannte Größe, sieht man von seiner europafreundlichen Haltung und der Zustimmung der Wirtschaftselite für ihn ab. Sollte er die Gründe für Europas langanhaltende wirtschaftliche Stagnation nicht klar erkennen, könnte er in der Zukunft noch mehr Probleme anhäufen.

In Frankreich werden keine echten Reformen möglich sein, ohne dass die Wochenarbeitszeit von 35 Stunden und das Rentenalter angehoben sowie Hunderte in Ehren gehaltene Sozialprogramme verschrottet werden. Der neue Präsident wird Nerven aus Stahl brauchen, um sich den unvermeidlichen Streiks und Autobahnblockaden zu stellen. Macron wird rasch lernen müssen, dass marktwirtschaftliche Reformen zwar sehr wichtig, aber sehr schwer umzusetzen sind."

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz: "Die Präsidentenwahl in Frankreich wird zum Plebiszit über die Europäische Union. In der Stichwahl stehen sich die furiose EU-Gegnerin Marine Le Pen und der euphorische EU-Befürworter Emmanuel Macron gegenüber. Für die zweite Runde der Präsidentenwahl am 7. Mai sagen die Meinungsumfragen eine klare Niederlage für Le Pen voraus. Aber auf den "Front républicain" gegen die extreme Rechte ist kein Verlass mehr, ein Wahlsieg Le Pens liegt im Bereich des Möglichen - falls genügend enttäuschte Bürgerliche zu ihr überlaufen und genügend enttäuschte Linke sich der Stimme enthalten. Um Le Pen überzeugend zu schlagen, wird Macron sein Profil schärfen müssen. Es reicht nicht, nett zu wirken."

"New York Times", USA: "Das gute Abschneiden von Frau Le Pen - die ein Referendum über das Verbleiben Frankreichs in der EU versprochen hat - ist ein weiteres Warnsignal für die steigende Gefahr durch populistische rechte Politiker, in Europa und auf der ganzen Welt. Ihr fremdenfeindlicher Front National wird stark bleiben, solange die Arbeitslosenrate in Frankreich im zweistelligen Bereich bleibt und die vielen Franzosen, die glauben, dass die globalen Eliten sie fallen gelassen haben, nirgendwo anders Hoffnung finden.

Aber am Sonntag haben die Wähler gezeigt, dass sie der hoffnungsvollen Botschaft von Herrn Macron gegenüber aufgeschlossen bleiben, einschließlich seiner Offenheit gegenüber Einwanderern und der Multikulturalität."

"Washington Post", USA: "Was auch immer das Endergebnis sein wird, Le Pen und ihre Partei werden nicht verschwinden. Sie stehen für Gefühle, die real sind, die in jedem westlichen Land existieren, und die nun am besten offen, Punkt für Punkt, Argument für Argument, bekämpft werden müssen - denn sie stellen eine echte und große Bedrohung für die liberale Demokratie dar, wie wir sie kennen."

"Sydney Morning Herald", Australien: "Nehmen wir einmal an, dass Macron Präsident wird: Dann hätte er eine Aufgabe vor sich, die dem Mount Everest gleicht: seine Bewegung 'En Marche!', die es vor einem Jahr noch gar nicht gab, in eine Partei zu verwandeln, die in der Lage ist, im ganzen Land Wahlkreise zu gewinnen. Deshalb scheint es wahrscheinlicher zu sein, dass die Republikaner die Kontrolle in der Nationalversammlung und damit auch das Amt des Premierministers gewinnen werden.

Dies würde einen Machtkampf zwischen zwei (wahrscheinlich) Männern bedeuten. Einen Kampf, der damit enden könnte, dass Macron in internationalen Angelegenheiten bestimmt, der Premierminister aber in der Innenpolitik. Man kann sich bei den Franzosen darauf verlassen, dass sie die Dinge kompliziert machen."

"Gazeta Wyborcza", Polen: "Le Pen bleibt im Spiel. Sicher verliert sie gegen Macron den Kampf um die Präsidentschaft. Aber sie wird in den Wahlen im Juni eine große Gruppe von Abgeordneten ins Parlament führen. Denn die Niederlage des Kandidaten der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon, und die Niederlage von François Fillon, dem Vertreter der republikanischen Rechten, bestätigen die Krise der traditionellen Parteien in Frankreich.

Der neue Präsident muss es mit dem angreifenden Front National aufnehmen und mit der unerträglichen Last der nicht funktionierenden demokratischen Institutionen. Aber für den Moment sollten wir uns freuen, dass die Demokratie in Frankreich gerettet wurde. Ohne Frankreich wären von der EU nur Schutt und Asche übrig."

kev/dpa
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