Soziale Proteste in Frankreich Grün gegen Gelb

Klimaschützer gegen Gelbwesten: In Frankreich streiten zwei soziale Bewegungen immer offener miteinander. Droht der Konflikt, das Land und Europa zu spalten?

Gelbwesten-Demonstrant beim Klimaprotest in Paris: Ungefragt angeschlossen
Lucas Barioulet / AFP

Gelbwesten-Demonstrant beim Klimaprotest in Paris: Ungefragt angeschlossen

Von , Paris


Vergangenen Freitag näherte sich ein mit gelber Weste und Gitarre ausgestatteter Mann dem Demonstrationszug von "Fridays for Future" auf dem Pariser Boulevard Diderot. Er blieb auf dem Bürgersteig stehen und sang selbstgedichtete Lieder, zu denen er auf der Gitarre spielte: "Ihr seid die grünen Westen, wir sind die gelben Westen, lasst uns zusammen marschieren!", stimmte er an. Viele konnten es hören. Doch von den jungen Klimaschützern sang keiner mit. Leicht genervt schauten die meisten von ihnen weg.

"Es wäre unehrlich, die Gelbwesten zu Gegnern des Klimaschutzes zu erklären", hat der französische Präsident Emmanuel Macron gerade in einem Interview mit der Zeitung "Le Parisien" gesagt. "Es sind Leute, die ihr soziales Leid ausdrücken, die aber oft auch ein echtes ökologisches Bewusstsein haben", so Macron. Will er die Dinge schönreden?

Immer deutlicher tritt dieser Tage in Frankreich der Konflikt zwischen zwei sozialen Bewegungen hervor: der neuen Klimaschutzbewegung und der auch erst ein Jahr alten Gelbwestenbewegung. In Paris war er am Wochenende mit Händen greifbar. "Gewalt brach an der Spitze des Zuges aus, die nicht von den Demonstranten für Klimaschutz kam", berichtete Jean-Francois Julliard, Direktor von Greenpeace in Frankreich, der Zeitung "Le Monde".

Tatsächlich hatten sich Gelbwesten und einige Autonome ungefragt einer zweiten Klima-Demonstration am Samstag angeschlossen. "Die Polizei warf Tränengas und verhinderte anschließend, dass Eltern mit ihren Kindern den Zug verlassen konnten", erzählte Julliard. "Mir kam das wie ein großer Rückschlag vor, zu einem Zeitpunkt, wo wir die Mobilisierung der Leute wirklich brauchen." Werden also Grün und Gelb demnächst nur noch getrennt marschieren? Oder vielleicht sogar gegeneinander?

Daniel Cohn-Bendit, Grünen-Politiker und Held der französischen 68er-Bewegung, würde das nicht wundern: "Die Anhänger der Gelbwesten haben in Frankreich bei den Europawahlen zu 70 bis 80 Prozent die Rechtsextremistin Marine Le Pen gewählt. Ihnen Nähe zur Klima-Bewegung nachzusagen, ist eine schiere Behauptung", sagte Cohn-Bendit dem SPIEGEL. Er verweist auf die Ursprünge der Gelbwesten: Ihr Protest habe sich in Frankreich an der Erhöhung des Benzinpreises und einem Tempolimit von 80 km/h auf Landstraßen entzündet. Genau solche Maßnahmen aber forderten die Klimaschützer. "Stattdessen fühlen sich die Gelbwesten vom Staat gemolken."

Alte Wunden

Der Gegensatz zwischen Gelb und Grün aber tritt nicht nur auf den Straßen von Paris zutage. Mit etwas Abstand betrachtet, prägt er ganz Europa und zeichnet einen Graben zwischen Frankreich und Deutschland. Rechts vom Rhein zogen die Klima-Demonstrationen in den letzten Tagen Hunderttausende an, in Frankreich dagegen nur Zehntausende. "10.000 in Paris, das ist nichts", urteilt Cohn-Bendit über die Pariser Klima-Demonstration vom Wochenende. Dafür aber demonstrierten im vergangenen Jahr in Frankreich Hunderttausende mit den Gelbwesten, mit denen sich in Deutschland nur wenige solidarisierten. "In Frankreich wird über die Rente mehr als über das Klima diskutiert. Das ist ein Riesenproblem", sagt Cohn-Bendit.

Solche Vergleiche reißen alte Wunden auf. Schon in der Achtzigerjahren gingen viele junge Deutsche im Zuge der Öko- und Friedensbewegungen gegen Atomkraftwerke und Atomwaffen auf die Straße, während es in Frankreich relativ ruhig blieb. Der französische Außenpolitik-Experte Dominique Moisi, Gründer des Französischen Instituts für Internationale Beziehungen (IFRI) in Paris, erinnert an einen Ausspruch Cohn-Bendits von damals: "Hätte Hitler sechs Millionen Bäume gefällt, hätten die Deutschen protestiert", zitiert Moisi.

Zu dieser Aussage steht Cohn-Bendit immer noch. Moisi aber glaubt, dass Franzosen und Deutsche inzwischen weiter sind: "Frankreich hat viel aufgeholt. Die jungen Franzosen sind heute genauso umweltbewusst wie die jungen Deutschen", sagt er. Die Gelbwesten sieht er dagegen als französische Eigenart.

Ganz anderer Meinung ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. "Wir haben in Frankreich gesehen, wohin das führt, die Erhöhungen werden zurückgenommen", sagte Altmaier am Sonntag mit ausdrücklichen Bezug auf die Gelbwesten im ARD-Talk bei Anne Will, als er die geringen Energiepreiserhöhungen des Klimapakets der Großen Koalition rechtfertigen musste. So wollte Altmaier Grün und Gelb, Deutschland und Frankreich, auf eine Linie bringen.

Nichts anderes versucht auch Macron. Doch der Konflikt zwischen den sozialen Bewegungen könnte tiefer gehen, als es die Regierungen in Paris und Berlin wahrhaben wollen. Noch gab es zwischen Gelbwesten und Klimaschützern keine Prügeleien. Auch dem Gelbwestensänger in Paris passierte nichts. Das muss nicht so bleiben.

insgesamt 27 Beiträge
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DieterZuckermann 24.09.2019
1.
Man muss auf die Unterschiede aber jetzt nicht unbedingt aufmerksam machen. Damit provoziert man nur Probleme. Oder ist das gewollt um die Demonstranten unter Kontrolle zu kriegen? Die werden sicher selber merken, dass die beiden Gruppen sehr unterschiedlich sind. Trotzdem sollte man die Aufmerksamkeit nicht noch Extra auf diese Unterschiede lenken.
qualidax 24.09.2019
2. Das kommt doch wie gerufen ...
So kann man wunderbar staatskritische Bewegungen gegeneinander ausspielen, was Besseres konnte der Bourgeosie doch garnicht passieren. Man wird in Zukunft vor Allem und ganz besonders häufig von den (vermeintlichen) Gegensätzen hören, die werden die Hauptrolle in jeder TV-Diskussion zu dem Thema spielen.
freigeistiger 24.09.2019
3. Es sind zwei Gruppen mit zwei Zielen
Beide Gruppen haben jeweils ein Thema für sich. Die stehen nicht im Gegensatz zueinander. Haben aber auch direkt keine großen Gemeinsamkeiten. Aufgabe der Politik ist es, die Interessen einer möglichst großen breite der Bevölkerung zu berücksichtigen. In diesem Fall, ökologische und soziale Aspekte in Einklang zu bringen.
timtimtam 24.09.2019
4. Das muss nicht so bleiben?
Ist der Schlusssatz als Aufforderung gedacht? Lassen Sie mal in Deutschland pegida und die "wir sind das Volk" auf die fff "wir sind das Volk" irgendwo zusammentreffen.... Da wird es auch elektrisch in der Luft, aber nicht aus Liebe sage ich jetzt mal. Autonome? Und Gelbwesten? Zusammen gegen Klimaaktivisten? Das klingt jetzt aber wirklich bizarr. Wohl eher Autonome bei den fff, macht mehr sinn und erklärt wieso Stress in der Luft lag. Autonome auf einer Demo ist wie Hooligans irgendwo mit Fussball.... Es riecht nach Gewalt, egal wo, warum und um welchen Preis. Ich glaube der letzte Satz von Ihnen ist leider ein Blick in die wahrscheinliche Zukunft MfG
brux 24.09.2019
5. Immer wieder Blume
Na ja. Beide Bewegungen sind in Frankreich sehr minoritär. Die Gelbwesten hatten ja zwei eigene Liste bei den Europawahlen und die kamen auf satte 0.54 und 0.65%. Das ist einfach nur ein gewaltbereiter Pöbel ohne Führung oder Programm. Die Grünen kamen auf knapp 14%, was erst einmal gut klingt. Politisch relevant sind die Grünen in Frankreich aber nicht, denn sie sind über das Müsli-Niveau noch nicht heraus gekommen. Das ist eher unpolitische Graswurzelei in Latzhosen, also das, was die deutschen Grünen in den 80er Jahren gemacht haben. Und deshalb gewinnen die Grünen in Frankreich keine Posten, wo sie etwas bewegen könnten (also Bürgermeister oder Regionalpräsidenten). Auf dem Land sind die Grünen nicht einmal sichtbar. Insofern übertreibt Blume mal wieder.
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