Frankreich-Krawalle Wer Angst sät, wird bestraft werden

Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates kündigte Präsident Jacques Chirac, der in Bezug auf die Krawallnächte bislang auffällig stumm geblieben war, einen harten Kurs gegen die randalierenden Jugendlichen an. In der Nacht kam es zum elften Mal in Folge zu schweren Ausschreitungen.


Paris - Die Priorität seiner Regierung sei die Wiederherstellung der Sicherheit und der öffentlichen Ordnung in den Vorstädten, sagte Chirac nach der Sitzung des Rats für Innere Sicherheit in Paris. "Jene, die Gewalt oder Angst säen wollen, werden gefasst, verurteilt und bestraft." Chirac betonte, er verstehe, dass die Lage auch "den Respekt jedes Einzelnen, Gerechtigkeit und Chancengleichheit" gebiete. Seine Regierung sei entschlossen, auch auf diesem Weg weiterzugehen. Voraussetzung sei allerdings zuvor die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung.

Noch während das Sicherheitskabinett tagte, gingen die Brandanschläge am Sonntagabend weiter. In Grigny im Großraum Paris wurden etwa 30 Polizisten verletzt, als Jugendliche mit Schrotkugeln auf sie schossen. Zwei der Beamten erlitten schwere Verletzungen. In Savigny-sur-Orge ebenfalls im Großraum Paris wurde nach Behördenangaben eine Schule in Brand gesteckt. Auch in einer Vorstadt von Toulouse kam es zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. In den Städten Nantes, Orléans und Rennes setzten Jugendliche zahlreiche Autos in Brand.

Premierminister Dominique de Villepin kündigte eine Aufstockung der Sicherheitskräfte an. "Wir können keine rechtsfreien Zonen akzeptieren", sagte Villepin. Außerdem sollten festgenommene Jugendliche künftig schneller vor Gericht gestellt werden. Der Premierminister will sich am Montag in einer Fernsehansprache an das französische Volk richten. Dabei will er einen Aktionsplan für besonders vernachlässigte Vorstädte vorstellen.

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Für gewöhnlich werden Treffen des Sicherheitsrates in Frankreich nicht an die große Glocke gehängt. Mit der Ankündigung des Treffens am Sonntagabend wollte das Präsidentenamt offenbar den Handlungswillen Chiracs unterstreichen. Schließlich hatte sich der Präsident bislang nur einmal zu den gewalttätigen Ausschreitungen geäußert. Dafür war er auch in der eigenen Partei kritisiert worden. Zuletzt hatte Chirac den Rat für innere Sicherheit nach den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli zu einer Sondersitzung einberufen.

Sozialistenchef François Hollande warf dem konservativen Innenminister Sarkozy vor, er trage durch seine "verbalen Provokationen" einen "großen Teil Mitverantwortung an der Eskalation". Sarkozy hatte die Randalierer als "Schurken" und "Gesindel" bezeichnet. Nach einem Krisentreffen mehrerer Minister bei Premierminister Villepin gestern bekräftigte Sarkozy den harten Kurs: "Der Staat kann die Gewalt nicht akzeptieren."

Ausschreitungen erreichen Pariser Innenstadt

In der Nacht zum Sonntag waren in Innenstadtbezirken nach Polizeiangaben 32 Autos in Brand gesetzt worden, landesweit waren es 1295 und damit nochmals mehr als in den vorangegangenen Krawallnächten. Autos wurden unter anderem in Toulouse, Bordeaux, Montpellier, Rennes und Nantes, Lille, Mülhausen und Straßburg in Brand gesetzt. Im Département Essonne im Großraum Paris wurden ein Kindergarten und eine McDonald's-Filiale durch Brandstiftung zu großen Teilen zerstört. Die Polizei nahm rund 500 Verdächtige fest.

Im dritten Pariser Stadtbezirk, nahe dem Platz der Republik, warfen Randalierer einen Brandsatz auf vier Fahrzeuge. Auch im 17. Arrondissement im reichen Pariser Westen gingen zahlreiche Autos in Flammen auf. Nach Angaben des Justizministeriums wurden seit Beginn der Ausschreitungen 20 Beteiligte zu Haftstrafen ohne Bewährung von einer Dauer bis zu einem Jahr verurteilt. Bei rund hundert ausstehenden Verfahren, von denen die Hälfte Minderjährige betraf, sollte den Beschuldigten zunächst Zeit für die Vorbereitung ihrer Verteidigung eingeräumt werden.

In der Pariser Vorstadt Aulnay-sous-Bois demonstrierten gestern mehr als 500 Einwohner mit einem Schweigemarsch gegen die Gewalt. Auch in Sevran, ebenfalls im Département Seine-Saint-Denis, protestierten 150 Menschen gegen die Unruhen. Russland und die USA haben ihre Bürger gewarnt, sich in Pariser Vororte zu begeben. Auslöser der Krawalle war der Tod zweier Jugendlicher in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois am Donnerstag vergangener Woche gewesen. Die Jungen hatten sich vor der Polizei in einem Transformatorenhäuschen versteckt und dort tödliche Stromschläge erlitten. Die Eltern der getöteten Jugendlichen riefen am Samstag zur Ruhe auf.



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