Frankreich Le Pen befürchtet "massiven Wahlbetrug"

Jean-Marie Le Pen scheint seine Anhänger auf eine Niederlage bei der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich vorbereiten zu wollen. Gegen ihn werde ein "massiver Wahlbetrug" vorbereitet, behauptete der rechtsradikale Gegenkandidat von Amtsinhaber Jacques Chirac.


Der Außenseiter: Präsidentschaftskandidat Le Pen
REUTERS

Der Außenseiter: Präsidentschaftskandidat Le Pen

Saint Cloud/Paris - Le Pen, Chef der Nationalen Front (FN), nannte auf einer Pressekonferenz in seiner Wahlkampfzentrale im Pariser Vorort Saint Cloud keine Einzelheiten zum Vorwurf, gegen ihn gebe es in "massivem Umfang Vorbereitungen für einen Wahlbetrug." Das ganze Land sei von einem "totalitären Klima" erfasst, behauptete er wegen der jüngsten Massendemonstrationen, auf denen vor einem Ruck nach Rechts gewarnt und für den neogaullistischen Amtsinhaber Chirac als das "kleinere Übel" geworben wurde. "Alles ist darauf ausgerichtet, Le Pen loszuwerden", beklagte sich der 73-Jährige, der im Wahlkampf massiv gegen die Europäische Union (EU) und die in Frankreich lebenden Ausländer Stimmung gemacht hatte.

Das Innenministerium, das für die Veröffentlichung der Abstimmungsergebnisse verantwortlich ist, äußerte sich zu dem Betrugsvorwurf Le Pens zunächst nicht. Le Pen hatte im ersten Wahlgang überraschend 17 Prozent der Stimmen erzielt und damit den sozialistischen Bewerber, Lionel Jospin, aus dem Rennen geworfen. Chirac hatte mit knapp 20 Prozent ein relativ schwaches Ergebnis erzielt. Meinungsforscher sagen ihm allerdings für die Stichwahl am Sonntag zwischen 75 und 82 Prozent voraus.

Noch am Donnerstag hatte sich Le Pen vor Anhängern im nur halb gefüllten Stadion von Marseille siegesgewiss gezeigt. Ein relativer Erfolg Le Pens am Sonntag könnte der zersplitterten französischen Linken Auftrieb für die im Juni anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung geben. "Wir müssen dann den Sieg vervollkommnen - oder die Niederlage kompensieren", erklärte Le Pen seinen Anhängern.

Mit scharfen und deutlichen Worten ging Staatschef Chirac zum Abschluss der Wahlkampagne auf seinen Widersacher ein. Im Sender "France Inter" nannte Chirac die von Le Pen angestrebte Aufkündigung des Maastricht-Vertrags und die Wiederherstellung des Francs "verrückt". Außerdem griffen die Rechtsradikalen den Euro und die Europäische Union (EU) doch wohl nur an, um Stimmung zu machen und die Demokratie zu untergraben. Die gemeinsame Europa-Währung habe mit dafür gesorgt, dass die Zinsen in Frankreich niedriger seien, und überdies biete der Euro-Mechanismus Schutz vor Abwertungen, wie sie Frankreich in den 80er Jahren erlebt habe, sagte Chirac.



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