Kirchenattentäter mit Fußfessel Frankreichs Regierungschef räumt "Versagen" der Justizbehörden ein

Der Kirchenattentäter von Saint-Etienne-du-Rouvray trug eine elektronische Fußfessel, er war als radikaler Islamist bekannt - trotzdem konnte er Geiseln nehmen. Frankreichs Regierungschef kritisiert dafür nun die Justiz.

Manuel Valls
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Nach dem islamistischen Anschlag auf eine Kirche in Nordfrankreich hat Premierminister Manuel Valls Verfehlungen der französischen Justizbehörden eingeräumt.

Einen der beiden Attentäter mit einer elektronischen Fußfessel in den Hausarrest zu entlassen, sei "ein Fehler" gewesen - "das sollten wir anerkennen", sagte Valls der Zeitung "Le Monde". Die beteiligten Richter dürften aber "nicht für diesen Terroranschlag verantwortlich gemacht werden".

Trotzdem müssten die Justizbehörden ihren Umgang mit mutmaßlichen Dschihadisten ändern und künftig "von Fall zu Fall" entscheiden, sagte Valls der Zeitung. Der Premierminister sprach sich zudem dafür aus, Moscheen zumindest für eine bestimmte Zeit zu verbieten, Geld aus dem Ausland anzunehmen. Imame sollten künftig in Frankreich ausgebildet werden. Auch das Verhältnis zum Islam insgesamt müsse überdacht werden, um "eine neue Beziehung" aufzubauen.

IS veröffentlicht weiteres Drohvideo des getöteten Attentäters

Seit Donnerstag ist klar, dass beide Angreifer auf die Kirche in Nordfrankreich den französischen Sicherheitsbehörden bekannt waren. Einer von ihnen, der 19-jährige Adel Kermiche, war wegen zwei fehlgeschlagener Reisen in das syrische Kriegsgebiet in Untersuchungshaft. Er wurde aber im März mit einer elektronischen Fußfessel in den Hausarrest entlassen.

In Frankreich gibt es bereits seit den Attentaten von Nizza am 14. Juli eine heftig geführte politische Debatte um Sicherheitsfragen. Sie hat sich nun durch die Aussagen Valls verschärft.

Kermiche und der ebenfalls 19-jährige Abdel Malik Petitjean hatten am Dienstag fünf Geiseln in der Kirche genommen. Sie töteten einen hochbetagten Priester und verletzten einen Gottesdienstbesucher schwer, bevor sie von Polizisten erschossen wurden. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) beanspruchte den Anschlag für sich. Die IS-nahe Agentur Amaq veröffentlichte ein Video, in dem die Kirchenangreifer IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi die Treue schwören.

In einem weiteren Video, das Petitjean zeigt und welches ebenfalls von Amaq veröffentlicht wurde, ruft er zu weiteren Attentaten in Frankreich auf. Petitjean spricht in dem knapp zweieinhalbminütigen Video Französisch und Arabisch. Er droht Frankreich, wobei er Präsident François Hollande und Premierminister Valls teilweise direkt anspricht.


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cht/AFP

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