Terroranschlag nahe Lyon Schon wieder Frankreich

Mit dem brutalen Anschlag bei Lyon ist Frankreich erneut Opfer islamistischen Terrors geworden - nur sechs Monate nach den Attacken in Paris. Präsident Hollande gelobt hartes Durchgreifen und fordert Solidarität.
Präsident Hollande: "Emotionen können nicht die einzige Antwort bleiben"

Präsident Hollande: "Emotionen können nicht die einzige Antwort bleiben"

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Kreisende Hubschrauber, Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei in Kompaniestärke vor den öffentlichen Gebäuden in der Region Rhône, Sondersendungen im Radio und TV: Nach dem Attentat auf eine Fabrik für Industriegase in Saint-Quentin-Fallavier befindet sich Frankreich im Ausnahmezustand.

Schon wieder.

Nur sechs Monate nach den Pariser Anschlägen auf die Zeitung "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt ein erneuter, brutaler Schock. Die Exekutive reagierte mit einer umfassenden Mobilmachung der Sicherheitskräfte. Premier Manuel Valls brach seine Südamerikareise ab und flog nach Paris zurück. Präsident François Hollande, der sich beim EU-Gipfel in Brüssel aufhielt, berief für den Nachmittag den nationalen Verteidigungsrat zur Krisensitzung ein.

Gewiss, die Regierung hatte stets vor Attentaten gewarnt, seit Januar gilt die höchste Terrorwarnstufe. Polizei und Militär patrouillieren vor Ministerien, öffentlichen Gebäuden, Flughäfen und Bahnhöfen. Zudem werden Kirchen, Moscheen, Synagogen, Schulen, Museen und Fernsehstudios überwacht.

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Mann enthauptet: Anschlag erschüttert Frankreich

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Gerade die Dauerpräsenz der Sicherheitskräfte hatte jedoch die Angst zum Alltagsphänomen schrumpfen lassen. Nur Tage vor der zweimonatigen Sommerpause dominierten in den Medien Themen wie Griechenland, Flüchtlingselend, Arbeitslosigkeit. Islamistischer Terror? Der fand allenfalls in Syrien, im Irak oder in Mali statt, wo Frankreich an der Seite der USA im Kampf gegen al-Qaida oder die Fanatiker des "Islamischen Staates" (IS) im Einsatz ist.

Bis zu dem Anschlag heute Morgen.

Gegen zehn Uhr hatte sich ein Kleinlaster mit zwei Insassen offenbar mit einem elektronischen Ausweis den Zugang zum Firmengelände von Air Products verschafft. Dann war der Wagen in der Industriezone unweit des Flughafens Saint-Exupéry auf Gasflaschen gerast und hatte sie zur Explosion gebracht. Zwei Menschen wurden verletzt. Ein 54-jähriger Mann enthauptet. Bei dem Getöteten soll es sich um den Chef des mutmaßlichen Attentäters gehandelt haben, sein abgetrennter Kopf soll in ein Transparent mit arabischen Schriftzeichen gehüllt gewesen sein. "Der islamistische Terror hat erneut in Frankreich zugeschlagen, die Last liegt schwer auf unserem Land", kommentierte Premier Valls - es war das erste Mal, dass auf dem Boden der Republik ein Opfer so barbarisch ermordet wurde.

Hollande warnt vor unüberlegten Reaktionen

Der Staatschef, der in Brüssel im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel die ersten Bilder vom Vorfall in Lyon verfolgte, sprach von einem Versuch, die Fabrik in die Luft fliegen zu lassen. Er ordnete umgehend an, Industrieanlagen der "Seveso-Klasse", also Fabriken mit gefährlichen Produktionen, in der Region zusätzlich zu schützen.

Zugleich wandte sich Hollande beruhigend an seine Landsleute: "In solchen Momenten ist Solidarität geboten. Es ist Zeit für Gefühle, aber Emotionen können nicht die einzige Antwort bleiben. Handeln, Prävention und Abschreckung sind angesagt, zugleich aber auch die Notwendigkeit, unsere Werte hochzuhalten und nicht der Furcht nachzugeben."

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Während beinahe gleichzeitig die ersten Horrormeldungen über den Anschlag auf ein Ferienhotel in Tunesien über die Fernsehschirme liefen, warnte Hollande aber auch vor unüberlegten Reaktionen. "Es darf keine unnötigen Spaltungen und Verdächtigungen geben", sagte der Präsident und stellte fest: "Wir müssen unsere Arbeit machen, die Franzosen beschützen, die Wahrheit herausfinden und die Gruppen und Individuen verfolgen, die verantwortlich für derartige Taten sind."

Verfahren wegen versuchten Mordes eröffnet

Einer der beiden mutmaßlichen Straftäter wurde noch am Tatort von einem Feuerwehrmann gestellt. Es handelt sich, so Innenminister Bernard Cazeneuve, um Yassin S.: Der 35-Jährige war bei der Polizei 2006 wegen seiner Sympathien für Salafisten von den Behörden erfasst und in der Kategorie "S" (wie Surveillance, auf Deutsch: Überwachung) eingestuft worden. Nach zwei Jahren wurde diese Klassifizierung des Vaters von drei Kindern aus Saint-Priest aufgehoben - S. galt nicht als vorbestraft. Ein Vorgehen, das laut Experten Fragen nach der Art der Klassifizierung stellt.

"Ich weiß nicht, was vorgeht. Er ist ganz normal zur Arbeit gegangen. Ein Terrorakt, unmöglich, wir halten den Ramadan ein und leben wie eine ganz normale Familie", sagte seine Frau im Radiosender Europe1. Sie und zwei andere Personen wurden in Haft genommen, die Pariser Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren wegen versuchten Mordes.

Die Opposition zeigte sich solidarisch mit der Regierung, nutzte den Anschlag jedoch auch für Kritik an den Sozialisten: "Wir fordern die Regierung auf, die Umstände dieses Angriffes in allen Einzelheiten aufzuklären", so Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Und der Chef der Republikaner mahnte: "Es gilt unbedingt, alle Lehren aus diesem neuerlichen Attentat zu ziehen und den Stand der Wachsamkeit zu erhöhen."

"Nie wieder Zugeständnisse"

Sein innerparteilicher Rivale Alain Juppé mochte da nicht zurückstehen und beharrte seinerseits auf der "Intensivierung aller unserer Mittel im Bereich der Geheimdienste". Ein Kommuniqué der Parteispitze legte noch einmal nach: "Eine starke Antwort ist fällig, ohne Konzessionen, und es darf - angesichts des zunehmenden tödlichen Islamismus - nie wieder Zugeständnisse geben."

Darauf verständigten sich auch Hollande und der eilig einberufene Verteidigungsrat - für die Region Rhône-Alpes wurde für drei Tage die höchste Terrorwarnung ausgegeben. Darüber hinaus blieb der Präsident mit seinen Ankündigungen vage: "Wir müssen überall in der Welt gegen den Terror kämpfen", so ein sichtlich erschütterter Hollande, "er schlägt überall zu, in Tunesien, in Kuwait, in Frankreich."

Zugleich mahnte er auf den Stufen des Élysée zum Schulterschluss aller Bürger, ein Aufruf gerichtet auch an die Opposition: "Lassen wir uns nicht durch unnützes Gezänk auseinanderdividieren. Worauf es in Momenten wie diesen ankommt, angesichts solcher Prüfungen, Risiken und Bedrohungen, ist die Einheit, das Zusammenstehen der ganzen Nation, um mit größter Wirkung dem Terror zu begegnen."

Im Video: Polizei verhaftet Verdächtige

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