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Stichwahl in Frankreich Sarkozy wildert in Le Pens Revier

Um den Sozialisten Hollande noch schlagen zu können, braucht Sarkozy in der Stichwahl die Stimmen aus dem rechtsextremen Lager. Dafür geht der Präsident auf Stimmenfang beim Front National, mit den Parolen von Marine Le Pen. Der Erfolg ist fraglich.

Gepflegte Reihenhäuser zwischen städtischem Grün, Hochhauszeilen, ein verschachteltes Einkaufszentrum: Hier in Longjumeau, im Vorstadtgürtel von Paris, tritt Nicolas Sarkozy mit kratziger Stimme vor biederem Publikum auf, in einem kleinen trikolorengeschmückten Theater mit weichen Sesselreihen. Zuvor hatte er für die TV-Bilder ein Café besucht, Hände geschüttelt, Kinder geherzt. Und dann umwirbt er mit einer Ansprache "an alle Franzosen" die Wähler von Marine Le Pen.

Mit knapp 18 Prozent im ersten Wahlgang hatte sich die Spitzenfrau des Front National (FN) im Kandidatenfeld auf Platz drei vorgeschoben, ein historisches Rekordergebnis - besser noch als der Erfolg von Vater Jean-Marie Le Pen 2002. Die Haltung der 6,4 Millionen FN-Wähler wird am 6. Mai darüber entscheiden, wer als nächster Präsident in den Elysée einzieht - und damit über die politische Zukunft von Sarkozy und Sozialist François Hollande.

Die Jagd auf die Stimmen ist eröffnet, und Sarkozy wildert im rechtsextremen Revier des Front National. Nachdem er bei der ersten Runde knapp hinter seinem sozialistischen Konkurrenten lag, bleibt dem Kandidat der Konservativen Regierungspartei (UMP) jetzt nur die Möglichkeit, sich als wackerer Vertreter des Vaterlandes zu profilieren. In der Konfrontation "Kandidat gegen Kandidat" und "Projekt gegen Projekt" greift Sarkozy zu unverhohlenen Anleihen bei den Parolen des Front National, die in Longjumeau beachtliche 15 Prozent einfuhren.

Mit einem rhetorischen Trick stellt er sich als Opfer und Sieger zugleich dar: Alle waren sie gegen ihn, "die Medien und Spezialisten", und trotzdem ist er nicht beiseite gefegt worden, trotz "der Lügen, der Tricks". Seine Erklärung für den Erfolg der Rechtsextremisten: Es war eine "Abstimmung der Krise", die FN-Stimmen seien genauso "Ausdruck der Demokratie" wie die Stimmen der Linken, "um die Hollande betteln geht". Mehr noch, der Wahlgang war ein "Votum des Leidens", weiß der Präsident und versichert seinen Zuhörern: "Ich habe euch gehört."

"Ich will zu den Kleinen reden, zu denen ohne gesellschaftliche Stellung", hatte er bereits am Vortag verkündet, "zu den Rentnern, zur Landbevölkerung, zu den Arbeitern."

Poetisch spricht er vom "Frankreich der Arbeit", von "euch, die ihr das ganze Leben gearbeitet habt". Am 1. Mai will er das Bürgertum in Paris zum symbolischen Massenaufmarsch am Eiffelturm versammeln - ein propagandistischer Geniestreich, um den Sozialisten und Gewerkschaften ausgerechnet am traditionellen "Festtag der Arbeit" die ideologische Oberhoheit streitig zu machen. "Der 1. Mai", höhnt Sarkozy, "ist nicht das Privateigentum der Sozialisten."

Und dann arbeitet er sich durch den Kanon der patriotischen Themen: Das Europa der angeblich viel zu offenen Grenzen, die Werte der Republik, die christlichen Wurzeln der nationalen Identität, Ehe, Familie, Erziehung. Er wettert gegen die unkontrollierte Immigration, die Verschleierung oder den getrennten Schwimmunterricht für Jungen und Mädchen.

Doch ob Sarkozys Plan aufgeht? Marine Le Pen, die Königsmacherin der nächsten Wahlrunde, bestreitet, dass die Stimmen ihres Lagers bloße Protestreaktion seien. "Es ist ein Votum der Zustimmung", kommentierte sie den ersten Wahlgang. Sie sieht sich als einzige Vertreterin der Opposition gegen das System und wirft Sozialisten (PS) in denselben Topf wie die Regierungspartei (UMP): Es sind die Etablierten "der UMPS", höhnt sie.

Mit Ironie über den Gegner herziehen

Weil sie von einem Wahlsieg des Sozialisten Hollande profitiert, will Le Pen keine Empfehlung für Sarkozy abgeben. Dahinter steckt das Kalkül, dass die Regierungspartei nach einer Niederlage auseinanderbrechen könnte - zum Nutzen des Front National bei der Parlamentswahl im Juni. Offen bekennt sie sich nicht zu dieser Strategie; immerhin neigen 60 Prozent ihrer Anhänger für den zweiten Wahlgang zu Sarkozy.

Auf dieses Potential hofft der angezählte Präsident. Mit Ironie zieht er über Hollande her, den er zum Mehrfach-Duell herausgefordert hat. "Die Franzosen haben ein Recht auf Wahrheit, nur so respektieren wir unsere Bürger."

Schließlich verabschiedet er sich mit einer Prise Nachdenklichkeit: "Ich habe lange überlegt, ob ich noch einmal antreten soll", sagte er im Ton intimer Vertraulichkeit, "ich kenne die Last des Amtes, das ich fünf Jahre unter den schlimmsten Bedingungen ausgeübt habe."

Nein, er kandidiert nicht um seinetwillen, sondern für die Nation. "Ich tue das für die Idee, die ich von meinem Land habe", ruft er dem Fahnen schwenkenden Publikum zu. "Ich habe unser Land geschützt, eure Vermögen, eure Renten", erinnert Sarkozy: "Frankreich hat kein Recht auf einen Fehler."