Provokation eines Sarkozy-Beraters Hymne auf die Deutschen

Deutschland? Ein Wunderland, ein Muster für Wandel und Reformen, das demokratischste Land Europas: Alain Minc, einst Berater von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, empfiehlt in einem Buch Deutschland als Vorbild für die Franzosen. Es ist eine Provokation.

Autor Minc: Leben wie Gott in Deutschland
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Autor Minc: Leben wie Gott in Deutschland

Von , Paris


Welch ein Land: Die Nation verankert in Sprache, Kultur, Erinnerung und Ethnie, die Republik verpflichtet einem gemeinsamen "Volksgeist". Eine Konsensgesellschaft mit funktionierender Ökonomie, die ihr einen Aufschwung mitten in den Stürmen der Globalisierung beschert - kurz: "ein Beispiel für Europa". Das real existierende Wunderland ist die Bundesrepublik, und selig ist, wer zu seinen Bürgern zählt. Soviel Glück kann nur in die Formel gegossen werden: "Leben wie Gott in Deutschland".

"Vive l'Allemagne" heißt der 156-Seiten-Essay über die famosen Nachbarn, der Titel ist Programm. Verblüffend: Das hohe Lied auf die deutschen Tugenden stammt von Alain Minc, dem Chef einer Consulting-Firma. Während der Finanzkrise hatte er die Deutschen noch für den Crash der Börse verantwortlich gemacht. Der Autor und Vielschreiber (wegen Plagiats verurteilt) war ein Intimus des damaligen Staatschefs Nicolas Sarkozy. Als "nächtlicher Gast" beglückte er den Hausherrn im Elysée mit Ratschlägen und seinen Ansichten über Deutschland, einem "Muster für Wandel und Reformen", wie er 2012 in einem SPIEGEL-Gespräch erklärte.

Sarkozy machte die Deutschen daraufhin im Wahlkampf zum Vorbild für die schwächelnde Nation. Ein Fehler, denn er sorgte damit für reflexartige Ausbrüche von Germanophobie: Gegner machten "imperiale Gelüste" in Berlin aus, Linke orakelten von der Wiederkehr eines "deutschen Nationalismus", und Kanzlerin Merkels beinharte Interessenpolitik wurde verglichen mit einer "Politik à la Bismarck". Obendrein verprellte das Loblied Sarkozys auf die Bundesrepublik Nationalisten im eigenen Lager.

Der Nationalsozialismus als Ufo

Die Hymne auf die Deutschen kommt daher mit Hintergedanken: Minc, seit dem Regierungswechsel in den TV-Runden weniger gefragt, veröffentlicht sein Buch zu den Jubelfeiern zum 50. Geburtstag des deutsch-französischen Elysée-Vertrags - um sich mit der publizistischen Provokation als rechter Intellektueller zurückzumelden. Doch im Vergleich zu den vielen akademischen Würdigungen der bilateralen Bilanz - etwa von Deutschland-Kenner Alfred Grosser - wirkt Mincs Darstellung ziemlich eindimensional.

Das Buch ist bisweilen ein historischer Parforceritt: Bismarck, ein Mann "bewundernswürdig intelligent". Hitler, ein Fehltritt der Geschichte. Der Nationalsozialismus, eine Ausnahmeerscheinung, ein "Ufo" jenseits aller deutschen Traditionen. Die Machtergreifung? "Ein ungelöstes Mysterium". Und der Wiederaufbau nicht nur ein Wirtschafts-, sondern auch ein "demokratisches Wunder". Denn dank Marshall-Plan und Umerziehung schaffen die Deutschen die Volte zur politischen Runderneuerung, dem Grundgesetz - einer "intelligenten Verfassung". Tusch, Fanfare: "Eingebettet im Herzen des Westens, tief antikommunistisch, philosemitisch, ausgesöhnt mit seinen historischen Feinden: Deutschland ist hinfort das demokratischste Land Europas."

Ob Institutionen, Wahlrecht, Mitbestimmung - von den Deutschen, suggeriert Minc, können sich seine Landsleute ein Beispiel nehmen. Mag sein, dass die Nachbarn ein bisschen langweilig vorhersehbar sind, aber ausgestattet sind sie mit dem "methodischen Zweifel, dem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber allen Formen der Politik", einer rühmlichen Haltung, der alle Deutschen verpflichtet sind: "Vom Schicksten bis zum ganz schlicht Gestrickten".

Am deutschen Wesen soll Frankreich also genesen? Ökonomen sind kritischer. Guillaume Duval etwa, Chef des angesehenen Wirtschaftsmagazins "L'Alternative Economique", würdigt durchaus die Leistungen von Exportwirtschaft und Mittelstand. In seinem Buch "Made in Germany - Das deutsche Modell jenseits der Mythen" beschreibt er aber gleichermaßen die gesellschaftlichen Kollateralschäden der Hartz-Reformen.

Deutschland als große Schweiz

Selbst Minc mischt seiner Vision vom Wunderland eine Prise Pessimismus bei und prognostiziert dem wirtschaftlichen Tausendsassa einen "begrenzten Niedergang" mancher Erfolgsbranchen. Balsam für von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Landsleute: "Der deutsche Erfolg ist weder irreversibel noch bedrohlich." Mag sein, dass die Bundesrepublik gegenüber dem "Faulpelz Frankreich" bei vielen internationalen Rankings die Tabelle anführe, aber die Nation verfügt über eigene Trümpfe: Bei der Demografie etwa liegen die gebärfreudigen Franzosen unschlagbar vorn.

Schließlich bleibt der politische Vorteil der Atom- und ehemaligen Weltmacht gegenüber dem ökonomischen Riesen jenseits des Rheins: "Da die Deutschen unglücklicherweise nach nichts anderem streben als eine 'große Schweiz' zu sein, blühend und friedsam, kommt uns, den Franzosen, eine ebenso paradoxe wie noble Aufgabe zu", resümiert Minc: "Wir müssen Deutschland dazu bringen, nicht nur als zahnloser Akteur zu handeln, sondern jenes Maß von Macht auszuüben, das Deutschland zukommt."


Minc, Alain: "Vive L'Allemagne", Paris: Grasset, 2013; 10 Euro

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larrygaga 07.11.2013
1.
Deutschland, das demokratischste Land Europas? Norwegen, Schweden, Island, Dänemark, die Schweiz, Finnland, die Niederlande, Luxemburg, Österreich und Irland rangieren im Demokratieindex vor Deutschland!
cassandra106 07.11.2013
2.
Zitat von sysopAFPDeutschland? Ein Wunderland, ein Muster für Wandel und Reformen, das demokratischste Land Europas: Alain Minc, einst Berater von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, empfiehlt in einem Buch Deutschland als Vorbild für die Franzosen. Es ist eine Provokation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-sarkozys-berater-minc-ueber-das-vorbild-deutschland-a-932142.html
Ein Rechter empfehlt ein rechtes Land? Ui. Da ist man aber überrascht. Natürlich ist Deutschland das perfekte Vorbild für eine (ex-)Demokratie, die nach und nach an Banken und Sklavenhalter verscherbelt wird. Dass die Rechten immer wieer versuchen werden, die Demokratie aufzulösen und zurück zu alten Formen der verschiedensten Formen von Despotie und rechtlosen Massen zurückzukehren, egal mit welchen Mitteln, ist klar. Nur gerade in Frankreich wird man damit wohl garantiert keine Chance haben. Wenn Frankreich eine Agenda 2010 einführt, brennt da ganz Paris.
Kohle&Reibach 07.11.2013
3. Reformen?
Zitat von sysopAFPDeutschland? Ein Wunderland, ein Muster für Wandel und Reformen, das demokratischste Land Europas: Alain Minc, einst Berater von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, empfiehlt in einem Buch Deutschland als Vorbild für die Franzosen. Es ist eine Provokation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-sarkozys-berater-minc-ueber-das-vorbild-deutschland-a-932142.html
oder tiefster schwarzer Kapitalismus.
Artgarfunkel 07.11.2013
4. optional
Nun, ein Autor, der sein Fähnchen nach dem Wind dreht und das schreibt, was provoziert und daher Auflage bringt. Nichts anderes. Dass Frankreich allerdings in den letzten 20 Jahren blinden Auges notwendige Reformen verschlafen und niedergestreikt hat, ist zunehmend sichtbar. Nun, mit der SPD, die wieder auf links macht, und der Merkel, die ebenfalls auf links macht, wird vom deutschen Wunder bald nicht mehr viel übrig bleiben.
raber 07.11.2013
5. Provokation ist auch Meinungsfreiheit
Warum sollte es ein Fehler sein Deutschland als Vorbild für die schwächelnde Nation darzustellen? Reaktionen kommen so oder so. Das ist wie Deutschland mit den USA oder Deutschland mit Frankreich wie schon die Behauptung des Herrn Simons mit "Minderwertigkeitskomplexen geplagte Landsleute" beweist. Die Verhältnisse mit Nachbarländern sind bekannterweise meistens schwieriger als die mit weiter entfernten Ländern. Ausserdem: es lebe die Meinungsfreiheit, und die hat in Frankreich eine grössere Tradition als in Deutschland.
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