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27. Dezember 2017, 09:18 Uhr

Frankreichs Sozialisten

"Die Lage ist übel"

Von , Paris

Frankreichs Sozialisten blicken in eine düstere Zukunft: Nach dem Debakel bei den Präsidentschafts- und den Parlamentswahlen zerlegt sich die Partei. Ein paar Unerschütterliche versuchen den Neuanfang.

Zum Verkauf: Historisches Stadtpalais in bester Lage, 3389 Quadratmeter, zuzüglich Nebengebäuden, "derzeit genutzt für Büros, Archive und technische Räume". Ein "außergewöhnliches Ensemble im 7. Arrondissement von Paris", abzugeben im "gegenwärtigen Zustand".

Die Kleinanzeige im Wirtschaftsblatt "Les Echos" glich einem Nachruf: Denn das Objekt in der Nummer 10 Rue Solférino ist nicht irgendeine Luxusimmobile unweit des Musée d'Orsay, der Seine und der Nationalversammlung. Vielmehr war der Komplex - Verkaufspreis 45,5 Millionen Euro - jahrzehntelang das Hauptquartier der Sozialistischen Partei (PS). "Solférino", erworben 1981, galt als Synonym für die PS.

Nun haben sich die Genossen nach 37 Jahren von ihrem Stammsitz getrennt. Denn nach der Niederlage ihres Kandidaten Benoît Hamon, der im April beim ersten Durchgang zur Präsidentenwahl mit 6,36 Prozent abgestraft wurde, fuhr die Partei auch bei den Parlamentswahlen das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Nur noch 31 PS-Abgeordneten sitzen im Palais Bourbon - zuvor waren es 284.

Dem politischen Kollaps folgte die finanzielle Katastrophe. Vor allem die Kürzung öffentlicher Mittel ließ den Parteihaushalt von rund 27 Millionen auf knapp sieben Millionen Euro schrumpfen. Vom Bankrott bedroht beschloss die Führung Mitte September daher den Verkauf ihrer traditionsreichen Parteizentrale.

Abgewickelt wird aber nicht nur ein Gebäude, sondern Geschichte: die Ära einer linken Volkspartei mit dem Emblem von Rose und Faust. Es ist der Abschied von einer Bewegung, die sich von einer klassenkämpferischen Formation zur sozialistischen Partei und dann zum sozialdemokratischen Honoratiorenverein wandelte und der V. Republik zwei Präsidenten bescherte: François Mitterrand (1981-1995) und François Hollande (2012-2017).

Vorbei. Seit dem Debakel an der Urne sind die ideologischen Linienkämpfe wieder aufgebrochen. Während eine Riege PS-Promis ins Lager von Staatspräsident Emmanuel Macron wechselte, andere Genossen sich aus Partei und Politik zurückzogen, zerlegte sich der Rest der Partei in Strömungen, Clubs und Cliquen:

"Ja, die Lage ist übel", gesteht Emmanuel Maurel, Mitglied der kommissarischen Parteiführung und fordert eine Generalüberholung von "Werten und Visionen". Vor allem will der Europaabgeordnete - selbst Favorit unter einem halben Dutzend Anwärtern auf den PS-Chefposten - die Kluft zwischen einer "Fundamentalkritik am Kapitalismus" und einer "pragmatischen Sozialdemokratie in einer modernen Welt" überwinden.

Sollte der "inhaltliche Umbau" gelingen, rund um Kernthemen wie "soziale Gerechtigkeit, Feminismus und Ökologie", sieht Maurel für die Partei eine "historische Chance".

Mit seinem Optimismus ist er freilich ziemlich allein. In einer jüngsten Erhebung für Radio "franceinfo" und die Tageszeitung "Le Figaro" halten 74 Prozent der befragten Franzosen den Untergang der Sozialistischen Partei für denkbar. Schlimmer: Selbst für 63 Prozent der PS-Sympathisanten hat die Partei keine Zukunft.

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