Wahl des neuen UMP-Chefs in Frankreich Spektakel zwischen Farce und Fiasko

Die Wahl von Frankreichs neuem Oppositionschef gerät zum Desaster: Nach mehrstündigen Querelen erklärten sich die beiden Kontrahenten in der Nacht zum Sieger - und offenbaren, wie tief die konservative UMP gespalten ist.
Ex-Premier Fillon, Bewerber um die Oppositionsführung: "Ich verzichte auf nichts"

Ex-Premier Fillon, Bewerber um die Oppositionsführung: "Ich verzichte auf nichts"

Foto: Etienne Laurent/ dpa

Die Wahlen zum neuen Chef der konservativen Opposition in Frankreich - sie sollten ein Vorzeigeereignis der UMP werden, die sich in der Eigenwerbung gern als "erste Partei Frankreichs" bezeichnet. Aber sie endeten in einer chaotischen Hängepartie, die weit in die Nacht zum Montag hineindauerte und vorläufig ohne Ergebnis blieb.

Gegen 1.30 Uhr am frühen Morgen, nach stundenlangen gegenseitigen Vorwürfen um manipulierte Urnen, gefälschte Stimmzettel oder seltsame Auszählungsergebnisse, geriet die Übung in Basisdemokratie zum öffentlich zelebrierten Zweikampf zwischen den Spitzenkandidaten. Der Schlagabtausch zwischen Ex-Premier François Fillon und dem amtierenden UMP-Generalsekretär Jean-François Copé hat die die konservative Partei bis an den Rand eines Desasters geführt. Das Magazin "Le Nouvel Observateur" spricht von "Anarchie", die linke Tageszeitung "Libération" bezeichnet die Querelen als "Krieg der Chefs", "Le Monde" schreibt von "einer Nacht der Verrücktheiten."

Dabei hatte alles durchaus ordentlich begonnen. Die rund 280.000 Mitglieder der UMP, die am Sonntag aufgerufen waren, einen Nachfolger für Nicolas Sarkozy an die Spitze der Partei zu berufen, waren in Scharen in den 650 Wahlbüros erschienen. An manchen Urnen war der Andrang so groß, dass die UMP-Anhänger stundenlang auf die Stimmabgabe warten mussten. Das Interesse war groß, weil es nicht allein um die Neubesetzung des Chefpostens geht. Die Bestallung gilt auch als Vorentscheidung für die Präsidentschaftswahl 2017 - personell wie programmatisch.

Showdown zwischen dem Agitator und dem Staatsmann

Doch sechs Monate nach der Niederlage gegen den Sozialisten François Hollande zeigt die chaotische Wahlnacht, wie sehr die Kampagne um die Nachfolge des Ex-Präsidenten zum bitteren Duell zwischen zwei Politikern geraten ist. Das Schauspiel zwischen Farce und Fiasko geriet zum Showdown zwischen zwei Personen, zwei Führungsstilen, zwei Strategien: Jean-François Copé oder François Fillon, Agitator oder Staatsmann?

Auf der einen Seite der 58-jährige Fillon, der sich im Zweikampf mit seinem Gegner Copé stets als versöhnlicher Landesvater, als "Mann der Einheit" empfohlen hatte. Vom Temperament eher zurückhaltend, avancierte der Vater von fünf Kindern, der seine politischen Anfänge 1981 als Parlamentarier in der ländlichen Sarthe machte, während der Kampagne zum ambitionierten Politiker. Bewusst unterstrich der ehemalige Ministerpräsident seine Erfahrung als mehrfacher Minister (Erziehung, Soziales) und Regierungschef unter Nicolas Sarkozy.

Auf der anderen Seite der 46-jährige Copé, amtierender Generalsekretär der UMP, der angetreten war als offensiver Vertreter einer "Rechten ohne Komplexe". Während seiner Kampagne, definiert als "Bewegung des Widerstands", gab er den lautstarken, aggressiven Führer: Provokativ bis an die politische Schmerzgrenze fungierte er als selbsternannter Gegner aller "Tabus" und ging mit Ausfällen gegen Immigranten und Muslime auf harten Rechtskurs - nahe an den Parolen des "Front National". Der ehrgeizige UMP-Boss gab den unverbrüchlichen Gefolgsmann des Ex-Präsidenten, in Diktion und Auftreten bisweilen Karikatur oder Klon seines Vorbildes Sarkozy.

Beide Lager verkünden den Sieg ihres Kandidaten

Der erste Schuss in dem Machtkampf fiel aus dem Lager Fillon, als einer dessen Gefolgsleute schon gegen 19.30 Uhr den Sieg des Ex-Premiers verkündet. Rund 1000 Stimmzettel sollte der Vorsprung betragen. Kurz darauf teilen die Copé-Anhänger mit, der amtierende UMP-Boss läge bei der Auszählung mit 500 Voten vorn.

Dann wird es heftig. Nach ersten Berichten über Manipulationen an der Urne im Süden der Republik, teilt das Copé-Lager mit, es werde die Kontrollkommission der UMP anrufen; prompt reagieren die Fillon-Fans mit Anwürfen gegen die Auszählung im Departement Bouches-du-Rhône oder in Wahlbüros rund um die Hauptstadt. Im allgemeinen Durcheinander tritt Copé um 23.30 Uhr vor die Kameras und erklärt sich zum Sieger. "Die Mitglieder der UMP haben mir die Mehrheit gegeben", so seine vollmundige Erklärung, "sind meinem Aufruf zum Widerstand gefolgt."

Nur Minuten später verkündet Fillon seinerseits den Sieg an der Urne: "Die Resultate geben mir einen knappen Vorsprung von 224 Stimmen", sagt der Ex-Premier, verweist aber auf das ausstehende Ergebnis der UMP-Wahlkommission. Aber auch Fillon zeigt durchaus Kampfgeist: "Ich verzichte auf nichts, denn es geht um nicht weniger, als die Fähigkeit der Rechten und des Zentrums das Land wieder aufzurichten." Und an die Adresse seines Gegners richtet er den Appell: "Ich lasse nicht zu, dass man den UMP-Aktivisten den Sieg stiehlt."

Als sich die UMP-Auszähler auf Montagvormittag vertagen, ist die geplante Show der Solidarität und Einigkeit zerbröselt. Die Konservativen, die sich einst über die Zwietracht der Sozialisten bei der Bestallung ihrer Kandidaten mokierten, gehen verbittert aus dem Wahldebakel hervor - mit gleich zwei Siegern und einer Partei, die tief gespalten ist. Fortsetzung folgt.

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