Nach Angriff auf Passagiere Thalys-Züge fahren mit Polizeischutz

Der Schock in Belgien und Frankreich sitzt tief: Ein Angriff im Thalys-Schnellzug nach Paris wurde nur dank mutiger Passagiere gestoppt. Künftig sollen bewaffnete Patrouillen an Bord für Sicherheit sorgen.

DPA

Nach der Attacke in einem Thalys nach Paris werden die Hochgeschwindigkeitszüge besser geschützt: Patrouillen mit Sicherheitskräften aus Frankreich und Belgien sollen die Züge kontrollieren, teilte der belgische Premier Charles Michel nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates mit.

Zuvor hatte bereits die belgische Bahngesellschaft SNCB Polizeischutz für die Züge angekündigt, die Brüssel mit den Niederlanden, Deutschland und Frankreich verbinden. Aktuell seien französische Sicherheitskräfte im Einsatz, es werde aber auch erwogen, belgische und niederländische Polizisten einzusetzen, sagte eine Sprecherin.

Auch die internationalen Bahnhöfe in Belgien sollen besser geschützt werden. Michel schlug laut Nachrichtenagentur Belga ein gemeinsames Treffen der Innen- und Verkehrsminister aus Belgien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden vor, um Maßnahmen gegen den Terrorismus zu ergreifen.

Am Freitag hatte ein Mann in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris mit einer Pistole geschossen, bevor er von Fahrgästen überwältigt wurde, darunter zwei US-Soldaten in Zivil. Zwei Menschen wurden verletzt. Der Angreifer hatte auch eine Kalaschnikow dabei, die jedoch klemmte.

Im Video: Wie die Passagiere den Täter überwältigten

REUTERS

Der Festgenommene wurde inzwischen formal identifiziert. Bei dem Verdächtigen handele es sich um einen Marokkaner namens Ayoub K., der von den spanischen Geheimdiensten als radikaler Islamist eingestuft worden sei, verlautete am Samstag aus Pariser Polizeikreisen. Der 25 Jahre alte Mann sei anhand verschiedener Elemente identifiziert worden, darunter seinen digitalen Fingerabdrücken. Der Polizeigewahrsam für den mutmaßlichen Attentäter wurde am Abend verlängert.

Nach Angaben der spanischen Ermittler lebte K. sieben Jahre lang in Spanien - zunächst in Madrid, dann in Algeciras. 2014 sei er über Frankreich ins Bürgerkriegsland Syrien gereist. Am 10. Mai hielt er sich nach Erkenntnissen der französischen Behörden in Berlin auf. Von hier aus sei er in die Türkei geflogen, nach seiner Rückkehr habe er dann in Belgien gewohnt.

Derweil konnte der verletzte US-Soldat Spencer Stone, der K. gemeinsam mit anderen überwältigt hatte, das Krankenhaus verlassen. Der Eingriff an der Hand sei "erfolgreich" verlaufen, verlautete aus der Klinik. Stone hatte fast seinen Daumen verloren, weil der Täter ihn mit einem Messer angegriffen hatte.

Hatte sich das Bahnpersonal eingeschlossen?

Ein anderer Passagier, der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade, erhob schwere Vorwürfe gegen das Bahnpersonal. Als im Zug Panik ausgebrochen sei, hätten sich mehrere Mitarbeiter in einem speziellen Abteil verschanzt und die übrigen Passagiere ausgesperrt, sagte der 60-Jährige dem Magazin "Paris Match". "Sie haben das Abteil mit einem speziellen Schlüssel geöffnet und sich eingeschlossen."

Mit den anderen Passagieren habe er mit dem Rücken an der Wand zu dem abgeriegelten Abteil gekauert. "Wir haben geschrien, dass uns das Personal hineinlassen solle", sagte Anglade. Doch niemand habe reagiert. "Dieses Verlassensein, diese Hilflosigkeit, diese Einsamkeit - es war schrecklich und unerträglich. Für uns war das unmenschlich."

Die Thalys-Geschäftsführung wies die Anschuldigungen zurück. Der Chef der französischen Staatsbahn SNCF, Guillaume Pepy, kündigte an, er werde sich in den kommenden Tagen mit Anglade treffen, um die Vorkommnisse in Ruhe zu diskutieren.

Mit dem Fall beschäftigt sich nun die für Terrorismus zuständige Pariser Staatsanwaltschaft, auch in Belgien wird ermittelt. Der Verdächtige wird in einem Vorort von Paris verhört.

aar/dpa/AFP



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koenigludwigiivonbayern 22.08.2015
1. Aktionismus
"Terror" lebt weder von Intelligenz noch Perfektion. "Terror" lebt einzig und allein vom Ueberraschungseffekt. Deshalb ist es völlig sinnlos, dort hinzuschauen, wo "Terror" bereits stattgefunden hat. Da ist der Ueberraschungseffekt nicht mehr gegeben. Da wird garantiert nichts mehr passieren.
moneysac123 22.08.2015
2.
Das ist Pseudo Sicherheit, denn dann werden Attentäter woanders zuschlagen. Das Leben ist mit Risiken verbunden, die auch nicht durch die lückenloseste ÜBerwachung ausgeschlossen werden können. Dem Selbstmordattentäter ist egal, ob er von Kameras gefilmt wird, je mehr Kameras, desto geringer die Wahrscheinlichkeit dass die Daten jemand vor der Tat auswerten kann. Wacht auf!
Einweckglas 22.08.2015
3. Tja..
Keine Grenzkontrollen moegen sich fuer die meisten Menschen nett anfuehlen, doch dann muss man sich auch fragen, ob man bereit ist , den Preis dafuer zu bezahlen. Wahrscheinlich werden wir uns an Polizei allerorts gewoehnen muessen!
MephistoX 22.08.2015
4. So isses, ...
Zitat von koenigludwigiivonbayern"Terror" lebt weder von Intelligenz noch Perfektion. "Terror" lebt einzig und allein vom Ueberraschungseffekt. Deshalb ist es völlig sinnlos, dort hinzuschauen, wo "Terror" bereits stattgefunden hat. Da ist der Ueberraschungseffekt nicht mehr gegeben. Da wird garantiert nichts mehr passieren.
... und solange wir Bürger unsere im GG verbrieften Freiheiten politisch nicht über Gebühr beschneiden lassen wollen - à la Ex-Innenmini Friedrichs unsäglichem "Supergrundrecht Sicherheit" - und auch eine weitestgehende "Abschottung" ablehnen, werden wir mit einem Terror-Restrisiko leben müssen. Das ist aber allemal lebenswerter als diverse tagtägliche Einschränkungen im Namen einer vielleicht minimal erhöhten "gefühlten Sicherheit".
eternalchii 22.08.2015
5.
Zitat von EinweckglasKeine Grenzkontrollen moegen sich fuer die meisten Menschen nett anfuehlen, doch dann muss man sich auch fragen, ob man bereit ist , den Preis dafuer zu bezahlen. Wahrscheinlich werden wir uns an Polizei allerorts gewoehnen muessen!
Wenn es solche Kontrolle gäbe, wie genau würde das aussehen, damit man jede noch so gut versteckte Waffe inkl. Flüssigsprengstoff findet? Durchleuchten jeder Person mit Nackscannern und Röntgengerät? Danach vollständige Abtasten mit Überprüfung der Analgegend? Zusätzlich vollständiges Durchleuchten und Durchsuchen aller Gepäckgegenstände? Verbot von Getränken und Nahrung, die nicht vom Zugpersonenal verkauft werden?
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