Trauermarsch der Millionen in Frankreich "Wir verteidigen die Freiheit"

Mehr als 3,7 Millionen Menschen - noch nie in der Geschichte Frankreichs sind so viele auf die Straße gegangen wie an diesem Sonntag. Sie trauern um die Toten der Anschläge von Paris. Hier erzählen 16 von ihnen, was sie bewegt.
Trauermarsch der Millionen in Frankreich: "Wir verteidigen die Freiheit"

Trauermarsch der Millionen in Frankreich: "Wir verteidigen die Freiheit"

Foto: CHARLES PLATIAU/ REUTERS

Christen, Juden, Muslime - die Religion spielte an diesem Sonntag keine Rolle. In ganz Frankreich sind mehr als 3,7 Millionen Menschen auf die Straße gegangen, allein in Paris waren es mehr als 1,2 Millionen. Sie alle nahmen teil an Trauermärschen im Gedenken an die Opfer der Anschläge von Paris. In Berlin bekundeten 18.000 Menschen Solidarität, ähnlich war es in London und anderen Städten weltweit. Auch in Palästina und sogar im syrischen Aleppo demonstrierten viele gegen Terror und Gewalt. (Die bewegenden Bilder der Veranstaltungen sehen Sie hier.)

Schon jetzt ist klar: Die Attentate haben das Land verändert. Geeint wie selten hält die Nation zusammen, Hunderttausende verteidigen die Werte der Republik. Der Front National versucht zwar, aus den Anschlägen Profit zu schlagen für seine islamfeindliche Politik - doch an diesem Sonntag sind die Rechtsextremen in der Minderheit.

Was bewegt die Menschen, die beim Trauermarsch mitgegangen sind? Was erwarten sie für Frankreichs Zukunft? Und wie beurteilen sie das Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen? SPIEGEL ONLINE hat mit 16 Demonstranten gesprochen:

Foto: Saima Altunkaya

Drei Wörter, die an seinen langjährigen Freund erinnern: "Je suis Cabu", hat Jean Larivière auf sein Schild geschrieben. Cabu ist der Künstlername des Karikaturisten Jean Cabut, auch er kam beim Anschlag auf "Charlie Hebdo" in Paris ums Leben. "Er kam häufig bei mir hier im Atelier vorbei", sagt Larivière, ein 74-jähriger Fotograf, über Cabu. Der Verlust seines Freundes macht ihn traurig - umso wichtiger war es Larivière, am Gedenkmarsch teilzunehmen: "Man muss da sein", sagt Larivière und hebt sein Schild noch ein bisschen höher, damit es möglichst viele lesen können.

Foto: Saima Altunkaya

Daniel und Brigitte B., beide 57, haben das Motto "Je suis Charlie" gleich in mehreren Sprachen auf ihre Plakate geschrieben. Kein Problem für die beiden, schließlich arbeitet Brigitte als Sprachlehrerin. "Manche Leute sagen, sie seien stolz, Franzosen zu sein. Mir geht es so: Mich erfüllt es mit Stolz, dass wir heute alle hier sind und ein Zeichen gegen eine verrückte Minderheit setzen. 'Charlie Hebdo' steht für die Freiheit - und eben diese Freiheit verteidigen wir heute."

Foto: Saima Altunkaya

Xavier F., 55, Musiker: "Der Angriff auf 'Charlie Hebdo' war ein Angriff auf unser gesamtes Land und unsere Werte. Ich bin mit dieser Satirezeitschrift groß geworden. Wie all die Menschen um mich herum bin ich heute hier auf die Straße gekommen, um ein Symbol zu setzen - für ein Frankreich, das nicht resigniert, für ein Frankreich, das sich zur Wehr setzt. Wir verteidigen unsere Werte. Der Staat hat in dieser Ausnahmesituation gut reagiert, aber es gibt noch viel zu tun. Es geht auch darum, die Sicherheit in unserem Land zu erhöhen."

Foto: Saima Altunkaya

Sandra und Caroline Lavergne, 24 und 21: "Heute zeigen wir der ganzen Welt, dass wir unsere Meinung sagen können und es uns von niemandem verbieten lassen." Die Schwestern wünschen sich einen besseren Dialog zwischen den Religionen: "Der Islam wird häufig stigmatisiert und mit Islamismus gleichgesetzt. Es darf nicht dazu kommen, dass der Anschlag auf 'Charlie Hebdo' durch muslimische Attentäter die Situation noch verschärft: "Egal ob Christen, Juden oder Muslime - wir leben zusammen", sagen die beiden Studentinnen.

Foto: Saima Altunkaya

Alphonse Sanou, 50, und Stephanie Paulet, 40: "Demokratie, Meinungsfreiheit, Solidarität - an diesem Tag geht es um die Verteidigung wichtiger Werte", sagt Sanou. Er war gerade am Flughafen, als ihn die Nachricht von dem Attentat auf 'Charlie Hebdo' erreichte. "Und dann ging dieser Wahnsinn immer weiter." Angst will sich das Paar deshalb trotzdem nicht machen lassen. "Angst? Nein, so schnell lassen wir uns bestimmt nicht einschüchtern."

Foto: Saima Altunkaya

Laura B., 20, Studentin: "Heute sind wir alle solidarisch, wir sind alle gleich und respektieren uns: Das ist für mich das Zeichen, das von diesem Gedenkmarsch in die Welt gesendet werden soll. 'Charlie Hebdo' steht für die Freiheit - und die Freiheit ist unsterblich."

Foto: Saima Altunkaya

Wicem Souissi, 49, und Danielle Raymond, 65, sind als Kollegen zum Gedenkmarsch gekommen. Souissi ist Muslim, Raymond Jüdin. Aber um Religion geht es ihnen nicht: "Wir demonstrieren hier als Bürger", sagen sie. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, heute ist unsere Nation vereint."

Foto: Saima Altunkaya

Christina G., 44: Die Deutsche wohnt wechselnd in Paris und Düsseldorf und ist sich sicher: "Dieser Gedenkmarsch heute in Paris überschreitet die nationalen Grenzen. Heute geht es nicht nur um Frankreich, dieser Tag betrifft die ganze Welt."

Foto: Saima Altunkaya

Elodie Bouigues ist sich nicht sicher, ob es eine richtige Entscheidung war, die rechtspopulistische Partei Front National von dem Gedenkmarsch für die Opfer des Anschlags auf 'Charlie Hebdo' auszuschließen: "Die Meinungsfreiheit muss für jeden gelten. Ich habe die Sorge, dass der Front National am Ende von dem Ausschluss sogar profitieren könnte - weil die Partei sich jetzt als Opfer inszenieren kann."

Foto: Saima Altunkaya

Für die Brüder Thomas, 22, und Romain, 24, war sofort klar, dass sie zum Gedenkmarsch kommen: "Die Arbeit von Satirikern ist wichtig, um auf die Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Man kann 'Charlie Hebdo' mögen oder auch nicht - aber eines ist sicher: Man darf 'Charlie Hebdo' nicht attackieren. Wir sind heute gekommen, um mit allen anderen Teilnehmern die Stärke und den Zusammenhalt Frankreichs zu unterstreichen."

Foto: Saima Altunkaya

Patrick Remir, 34, Angestellter: "Frankreich darf sich von diesem schrecklichen Attentat nicht einschüchtern lassen. Wir bleiben ein offenes und freies Land, deshalb bin ich heute hier."

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