Gelbwesten in Frankreich Die Revolte ist vorbei

Die Gelbwesten ziehen auf Frankreichs Straßen, mal wieder. Doch der Protest hat seinen Zenit überschritten. Manche Anhänger suchen gar den Anschluss ans politische System.
Gelbwestenprotest in Paris (am 15. Dezember)

Gelbwestenprotest in Paris (am 15. Dezember)

Foto: ABDUL ABEISSA/ AFP

Rouen, die Hauptstadt der Normandie im Nordwesten Frankreichs, war in den vergangenen Wochen ein Zentrum der sozialen Revolte der Gelbwesten. An vielen Kreisverkehren in der Umgebung der Stadt hatten die Demonstranten Zelte, Hütten und Barrikaden aufgebaut. Es brannten vielerorts tagaus, tagein in alten Metalltonnen die Feuer zum Aufwärmen. Oft gab es Würstchen vom Grill und heißen Kaffee.

Doch mit der Protestidylle ist nun Schluss.

Polizei und Gendarmen räumten im Laufe der Woche nacheinander alle Kreisel rings um Rouen und am Samstag - nach fünf Wochenenden mit Blockaden - soll der Verkehr wieder normal laufen. Und die Revoluzzer fügen sich. "Wir haben alle Barrikaden geräumt und rufen nur noch zu einer großen Demonstration im Zentrum von Rouen auf", sagte Ingrid Levavasseur, die bekannteste Sprecherin der Gelbwesten in der Normandie, dem SPIEGEL.

Das mag in anderen Städten Frankreichs noch anders laufen, aber der Trend ist eindeutig: Die Revolte der Gelbwesten ist vorbei. Schon am vergangenen Wochenende zählte das Pariser Innenministerium landesweit nur noch 66.000 Demonstranten, zuvor hatten an vier Wochen immer mehr als 100.000 Menschen demonstriert. Nun werden es wohl noch weniger sein, immerhin geht es stramm auf Weihnachten zu.

"Die Bewegung sollte uns allen nützen"

Das bedeutet aber nicht, dass die Gelbwesten aufgeben. Sie sind als soziale Bewegung der unteren Mittelschicht inzwischen von vielen anerkannt: Pariser Kommentatoren, Minister, Wissenschaftler - viele sehen in ihnen einen gesellschaftlichen Gewinn. "Diese Bewegung sollte uns allen etwas nützen", schrieb Franz-Olivier Giesbert, einer der einflussreichsten französischen Leitartikler im Magazin "Le Point". "Monsieur Macron muss sich jetzt im Namen des nationalen Zusammenhalts bemühen, die neue Bewegung in den Schoß der Gesellschaft zu lenken." Giesbert und viele andere sehen darin eine Chance, den Rechtsextremen um Marine Le Pen langfristig ihre Wähler abtrünnig zu machen.

Wie das genau funktionieren soll, weiß aber bisher niemand. Die Regierung um Präsident Emmanuel Macron versucht es mit gesetzgeberischem Aktivismus in der Pariser Nationalversammlung. Bis morgens um fünf tagten am Freitag die Abgeordneten, um letzte gesetzliche Probleme zu lösen, damit auch wirklich zum Jahresbeginn die Versprechen Macrons an die Gelbwesten eingelöst werden. Zehn Milliarden Euro sollen sie kosten: von der Prämie für Mindestlohnempfänger bis zum Sozialsteuererlass für arme Rentner.

Wich die Regierung in den letzten Tagen mit ihren Versprechen aber auch nur einen kleinen Schritt zurück, brach sofort das Getöse in den sozialen Medien über sie herein. Gerade erst gestrichene Maßnahmen kamen so binnen Stunden wieder zum Tragen. "Panik" witterte das Pariser Blatt "Libération" im Regierungsapparat.

Die Bewegung braucht Anschluss ans politische System

Den Gelbwesten kann das nur recht sein. Aktivistin Levavasseur in der Normandie zum Beispiel will eine Gelbwesten-Liste für die Europawahlen aufstellen. Darüber redet sie an diesem Samstagmorgen mit dem lokalen Abgeordneten der Macron-Partei, Bruno Questel, der auch Vize-Chef der Regierungsfraktion in der Nationalversammlung ist. Alle Parteien, die von Macron vorneweg, haben nämlich plötzlich ein Interesse, Gelbwesten in ihre eigenen Reihen zu integrieren. Die aber wollen sich nicht billig kaufen lassen. Zugleich aber haben ihre gemäßigten Vertreter wie Levavasseur erkannt, dass die Bewegung Anschluss ans politische System braucht.

Zwar bietet ihr die Regierung nun auch offiziell den Dialog an, indem sie in vielen Rathäusern des Landes runde Tische mit Politik, Gelbwesten, Gewerkschaften, Vereinen und Arbeitgebern organisieren will. Doch das geschieht nicht unter Regie der Gelbwesten, die sich zudem aus einer wenig politisierten Gesellschaftsschicht rekrutieren. Das ist eigentlich ihr großes Plus. Niemand erreichte sie bisher.

Das Prunkschloss bleibt gleich ganz geschlossen

Unter ihnen viele Le-Pen-Wähler, die ideologisch gar nicht auf Seiten der Rechtsextremisten standen, sich aber vom übrigen System schlicht nicht repräsentiert sahen. Die gleichen Leute fürchten nun, schnell wieder untergebuttert zu werden, wenn sie die Barrikaden aufgeben und sich in vornehme Rathaus-Säle zum Gespräch begeben.

Wie es weitergeht, werden die nächsten Wochen zeigen. Erst einmal wollen viele Gelbwesten auf ihren Straßensperren noch Weihnachten feiern, besonders im Süden Frankreichs, wo es nicht so kalt ist. Heute will eine Gruppe Demonstranten zudem vor das alte Königsschloss in Versailles ziehen. Aus Sorge vor Ausschreitungen bleibt das vielbesuchte Gebäude deshalb erst einmal geschlossen.

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