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Frankreichwahl: Quo vadis, Grande Nation?

Foto: THOMAS SAMSON/ AFP

Frankreichwahl Die Bauchentscheidung hat begonnen

Die Wahlbeteiligung in Frankreich ist bisher stabil: Heute Abend wird man wissen, wie die Stimmung im Lande wirklich ist. Erst im wohl unvermeidlichen zweiten Wahlgang folgt die Entscheidung aus Kalkül - oder Angst.

Kaum eine Wahl in diesem Jahr wird mit so viel Spannung beobachtet wie die Präsidentschaftswahl in Frankreich, die am Sonntagmorgen mit Öffnung der Wahllokale in ihre heiße Phase eintrat. Unter dem Schutz von landesweit 50.000 Polizisten und 7000 Soldaten sind nun 47 Millionen Wahlberechtigte an die Urne gerufen.

Die Wahlbeteiligung lag zunächst so hoch wie bei der letzten Abstimmung vor fünf Jahren. Bei gutem Wetter in ganz Frankreich gaben nach Angaben des Innenministeriums bis zum Sonntagmittag rund 28,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 2012 hatten im ersten Wahlgang bis 12.00 Uhr knapp 28,3 Prozent der Wähler abgestimmt; damals lag die Wahlbeteiligung am Ende bei rund 79,5 Prozent.

Die französischen Überseegebiete, die teils schon am Samstag votiert hatten, sind bei den Zwischenständen nicht eingerechnet. Sie machen aber nur einen sehr kleinen Teil der Wähler aus.

Beobachter sehen in dieser anstehenden Entscheidung der Wähler mehr als nur eine Weichenstellung für die französische Politik der nächsten Jahre: Frankreich könnte in den nächsten Wochen auch über die Zukunft der Europäischen Union mitbestimmen.

Denn zumindest im ersten Wahlgang sehen viele Demoskopen Marine Le Pen vorn, die ausgesprochen europafeindliche Parteichefin und Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National. Sie wirbt mit dem "Frexit" - dem Rückzug aus EU, Euro und Nato, einem "patriotischen Protektionismus" und beschwört die Gefahr von Immigration, Islamismus und Identitätsverlust: "Im Namen des Volkes!" Gut möglich, dass ihr Name an diesem Sonntagabend an der Spitze der kurzen Liste von Kandidaten stehen wird, die am 7. Mai zur Stichwahl antreten werden.

Denn zumindest das gilt schon im Vorfeld als ausgemacht: Eine Entscheidung, bei der einer der Kandidaten eine absolute Mehrheit gewinnt, wird es im ersten Wahlgang nicht geben - so wie bei jeder französischen Präsidentenwahl seit 1965. Ab circa 20 Uhr, wenn die Wahllokale schließen, wird es offizielle Hochrechnungen geben. Wie auch immer die ausfallen werden, mit einem Ergebnis der Wahl sollte man sie nicht verwechseln: Im ersten Wahlgang geht es in Frankreich meist vor allem um die Befindlichkeit der Wähler.

Was man über die Frankreich-Wahl wissen sollte

Denn die Zweistufigkeit des Wahlverfahrens ist quasi fest tradierter Bestandteil der politischen Kultur des Landes: Im ersten Wahlgang wählt der gemeine Franzose gern nach Neigung - Bauch oder Herz des Wählers entscheiden darüber, wer die Stimme bekommt. Im zweiten Wahlgang schlägt dann die Stunde der Vernunft oder der Angst: In der Regel geben Franzosen ihr Votum dann dem oder der Kandidatin, von dem oder der sie weniger Schaden erwarten - eine Wahl des Kalküls, des Kopfes. Spätestens dann, glauben oder hoffen die meisten Beobachter, werde Marine Le Pen nicht mehr vorn liegen.

Doch wie gewiss kann man sich da sein? Die Demoskopen haben sich bei den letzten großen Wahlen fast durch die Bank nicht mit Ruhm bekleckert. Donald Trumps Aufstieg in den USA kam mehr als unerwartet: Dass ausgerechnet der Kandidat, den im Vorfeld viele Beobachter nicht für voll nahmen, US-Präsident wurde, steht inzwischen symbolisch für zunehmende Unberechenbarkeit des Wählers in der westlichen Welt. Populisten haben Konjunktur - eine Chance auch für Marine Le Pen?

Ihr gegenüber stehen zehn Kandidaten, von denen aber nur dreien realistische und einem Außenseiterchancen auf den zweiten Wahlgang zugestanden werden:

  • Emmanuel Macron, Führer der politischen Start-up-Bewegung "En Marche!", bewirbt sich als moderner Seiteneinsteiger, der Frankreich einen Generations- und Paradigmenwechsel verordnen will: "Eine Chance für alle". Das Programm des Ex-Bankers und Ex-Wirtschaftsministers, als einziger überzeugt proeuropäisch, ist eine Mischung aus neoliberalem Umbau und wolkigen gesellschaftlichen Visionen.
  • François Fillon, Kandidat der Republikaner, angezählt durch die Affären um die Scheinbeschäftigung von Frau und Kindern ("Penelopegate"), empfiehlt sich als erfahrener Staatsmann. Der gläubige Ex-Premier setzt auf die Unterstützung von Konservativen und Katholiken und will Frankeich eine ökonomische Rosskur verordnen: "Ich bin der Einzige, der das Land wieder aufrichten wird."
  • Jean-Luc Mélenchon, radikal-linker Volkstribun der "Aufsässigen Frankreichs", verspricht Wirtschaftswachstum durch ein 100-Milliarden-Investitionsprogramm und massive Lohnerhöhungen für "eine gemeinsame Zukunft". Der Ex-Trotzkist und Ex-Sozialist kämpft mit eloquenter Polit-Poesie für rabiate Reichensteuern und einen "intelligenten Protektionismus" - gegebenenfalls mit Rückzug aus EU und Nato.
  • Als abgeschlagen gilt Benoît Hamon, Kandidat der Sozialistischen Partei (PS). Der Mann vom linken PS-Flügel vermochte es nicht, die Mehrheit der Genossen hinter sich zu versammeln; eine ganze Riege von Prominenten, darunter Ex-Premier Manuel Valls oder Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, liefen ins Lager von Macron über.

Im Video: Wie knapp wird es in Frankreich nach dem jüngsten Anschlag?

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Nur die beiden Bestplazierten des heutigen Wahlgangs gehen zwei Wochen später in die Stichwahl. Spätestens dann geht es wirklich um eine der grundlegendsten Richtungsentscheidungen, vor der Frankreichs Wähler jemals standen: Eine Wahl von Marine Le Pen würde eine grundsätzliche Abkehr von der französischen Politik der letzten Jahrzehnte bedeuten - und für die EU möglicherweise eine Krise, die sie nur schwer überleben könnte.

Video: So funktioniert die Wahl in Frankreich

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Mit Material von dpa
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