Frankreichwahl Die Bauchentscheidung hat begonnen

Die Wahlbeteiligung in Frankreich ist bisher stabil: Heute Abend wird man wissen, wie die Stimmung im Lande wirklich ist. Erst im wohl unvermeidlichen zweiten Wahlgang folgt die Entscheidung aus Kalkül - oder Angst.

AFP

Von und , Paris


Kaum eine Wahl in diesem Jahr wird mit so viel Spannung beobachtet wie die Präsidentschaftswahl in Frankreich, die am Sonntagmorgen mit Öffnung der Wahllokale in ihre heiße Phase eintrat. Unter dem Schutz von landesweit 50.000 Polizisten und 7000 Soldaten sind nun 47 Millionen Wahlberechtigte an die Urne gerufen.

Die Wahlbeteiligung lag zunächst so hoch wie bei der letzten Abstimmung vor fünf Jahren. Bei gutem Wetter in ganz Frankreich gaben nach Angaben des Innenministeriums bis zum Sonntagmittag rund 28,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 2012 hatten im ersten Wahlgang bis 12.00 Uhr knapp 28,3 Prozent der Wähler abgestimmt; damals lag die Wahlbeteiligung am Ende bei rund 79,5 Prozent.

Die französischen Überseegebiete, die teils schon am Samstag votiert hatten, sind bei den Zwischenständen nicht eingerechnet. Sie machen aber nur einen sehr kleinen Teil der Wähler aus.

Beobachter sehen in dieser anstehenden Entscheidung der Wähler mehr als nur eine Weichenstellung für die französische Politik der nächsten Jahre: Frankreich könnte in den nächsten Wochen auch über die Zukunft der Europäischen Union mitbestimmen.

Denn zumindest im ersten Wahlgang sehen viele Demoskopen Marine Le Pen vorn, die ausgesprochen europafeindliche Parteichefin und Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National. Sie wirbt mit dem "Frexit" - dem Rückzug aus EU, Euro und Nato, einem "patriotischen Protektionismus" und beschwört die Gefahr von Immigration, Islamismus und Identitätsverlust: "Im Namen des Volkes!" Gut möglich, dass ihr Name an diesem Sonntagabend an der Spitze der kurzen Liste von Kandidaten stehen wird, die am 7. Mai zur Stichwahl antreten werden.

Denn zumindest das gilt schon im Vorfeld als ausgemacht: Eine Entscheidung, bei der einer der Kandidaten eine absolute Mehrheit gewinnt, wird es im ersten Wahlgang nicht geben - so wie bei jeder französischen Präsidentenwahl seit 1965. Ab circa 20 Uhr, wenn die Wahllokale schließen, wird es offizielle Hochrechnungen geben. Wie auch immer die ausfallen werden, mit einem Ergebnis der Wahl sollte man sie nicht verwechseln: Im ersten Wahlgang geht es in Frankreich meist vor allem um die Befindlichkeit der Wähler.

Was man über die Frankreich-Wahl wissen sollte
Das Wahlverfahren
Abstimmen darf jeder volljährige Franzose, der sich rechtzeitig dafür hat registrieren lassen: Spontane Last-Minute-Wahlteilnahme ist also ausgeschlossen. Das begünstigt Kandidaten, die ihre Anhängerschaft gut motivieren können. Gewinnen können sie die Wahl im ersten Anlauf aber wohl nicht: Dafür braucht man 51 Prozent - und das ist seit 1965 im ersten Wahlgang nicht mehr vorgekommen.
Erst Bauch, dann Kopf
Traditionell wird der erste Wahlgang deshalb oft als ein Stimmungsbild gewertet: Sein Ergebnis zeigt, wem die Franzosen von Herzen oder aus einem Bauchgefühl heraus zusprechen. Im zweiten Wahlgang folgt dann meist eine Kopf-Entscheidung aus Kalkül: Sie gewinnt die Person, der die Wähler entweder mehr zutrauen - oder vor der sie weniger Angst haben.
Die Kandidaten
Viel bunter als bei der französischen Präsidentschaftswahl ist ein Kandidatenfeld kaum denkbar: Da ist von extrem Rechts bis extrem Links alles vertreten - in elf an Parteien und Personen festgemachten Abstufungen. Echte Chancen haben aber wohl nur vier bis fünf der Kandidaten - inklusive zweier Bewerber aufs Amt, die nicht für das bisher vorherrschende Parteienspektrum stehen.
Die Favoriten
Die Demoskopen sahen im Vorfeld des ersten Wahlgangs zum einen Marine Le Pen, die Kandidatin des rechtsextremen Front National, sowie den parteilosen Emmanuel Macron vorn. Der will mit seiner Sammlungsbewegung "En Marche!" das bisherige, auf zwei dominanten Parteien fußende politische System aufbrechen. Beide stehen somit generell für Wandel, stehen dabei aber auch als Antipoden diametral gegeneinander: Le Pen mit isolationistischen, nationalistischen Positionen, Macron mit pro-europäischen, liberalen Vorstellungen.
Die Bedeutung der Wahl
Die einstige Großmacht Frankreich könnte frischen wirtschaftlichen Wind vertragen: Die Frage ist nur, ob sie den innerhalb oder außerhalb der EU suchen wird. Tatsächlich ist die aktuelle Präsidentschaftswahl durch die Kandidatur Marine Le Pens nicht nur eine, die über Ausrichtung, Politik und das gesellschaftliche Klima Frankreichs entscheiden wird, sondern sogar über die Zukunft der EU entscheiden könnte. Le Pen steht für den "Frexit", den Ausstieg aus der EU - und ob die ohne Frankreich überleben könnte, ist mehr als fraglich.

Denn die Zweistufigkeit des Wahlverfahrens ist quasi fest tradierter Bestandteil der politischen Kultur des Landes: Im ersten Wahlgang wählt der gemeine Franzose gern nach Neigung - Bauch oder Herz des Wählers entscheiden darüber, wer die Stimme bekommt. Im zweiten Wahlgang schlägt dann die Stunde der Vernunft oder der Angst: In der Regel geben Franzosen ihr Votum dann dem oder der Kandidatin, von dem oder der sie weniger Schaden erwarten - eine Wahl des Kalküls, des Kopfes. Spätestens dann, glauben oder hoffen die meisten Beobachter, werde Marine Le Pen nicht mehr vorn liegen.

Meinungskompass

Doch wie gewiss kann man sich da sein? Die Demoskopen haben sich bei den letzten großen Wahlen fast durch die Bank nicht mit Ruhm bekleckert. Donald Trumps Aufstieg in den USA kam mehr als unerwartet: Dass ausgerechnet der Kandidat, den im Vorfeld viele Beobachter nicht für voll nahmen, US-Präsident wurde, steht inzwischen symbolisch für zunehmende Unberechenbarkeit des Wählers in der westlichen Welt. Populisten haben Konjunktur - eine Chance auch für Marine Le Pen?

Ihr gegenüber stehen zehn Kandidaten, von denen aber nur dreien realistische und einem Außenseiterchancen auf den zweiten Wahlgang zugestanden werden:

  • Emmanuel Macron, Führer der politischen Start-up-Bewegung "En Marche!", bewirbt sich als moderner Seiteneinsteiger, der Frankreich einen Generations- und Paradigmenwechsel verordnen will: "Eine Chance für alle". Das Programm des Ex-Bankers und Ex-Wirtschaftsministers, als einziger überzeugt proeuropäisch, ist eine Mischung aus neoliberalem Umbau und wolkigen gesellschaftlichen Visionen.
  • François Fillon, Kandidat der Republikaner, angezählt durch die Affären um die Scheinbeschäftigung von Frau und Kindern ("Penelopegate"), empfiehlt sich als erfahrener Staatsmann. Der gläubige Ex-Premier setzt auf die Unterstützung von Konservativen und Katholiken und will Frankeich eine ökonomische Rosskur verordnen: "Ich bin der Einzige, der das Land wieder aufrichten wird."
  • Jean-Luc Mélenchon, radikal-linker Volkstribun der "Aufsässigen Frankreichs", verspricht Wirtschaftswachstum durch ein 100-Milliarden-Investitionsprogramm und massive Lohnerhöhungen für "eine gemeinsame Zukunft". Der Ex-Trotzkist und Ex-Sozialist kämpft mit eloquenter Polit-Poesie für rabiate Reichensteuern und einen "intelligenten Protektionismus" - gegebenenfalls mit Rückzug aus EU und Nato.
  • Als abgeschlagen gilt Benoît Hamon, Kandidat der Sozialistischen Partei (PS). Der Mann vom linken PS-Flügel vermochte es nicht, die Mehrheit der Genossen hinter sich zu versammeln; eine ganze Riege von Prominenten, darunter Ex-Premier Manuel Valls oder Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, liefen ins Lager von Macron über.

Im Video: Wie knapp wird es in Frankreich nach dem jüngsten Anschlag?

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Nur die beiden Bestplazierten des heutigen Wahlgangs gehen zwei Wochen später in die Stichwahl. Spätestens dann geht es wirklich um eine der grundlegendsten Richtungsentscheidungen, vor der Frankreichs Wähler jemals standen: Eine Wahl von Marine Le Pen würde eine grundsätzliche Abkehr von der französischen Politik der letzten Jahrzehnte bedeuten - und für die EU möglicherweise eine Krise, die sie nur schwer überleben könnte.

Video: So funktioniert die Wahl in Frankreich

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Mit Material von dpa

insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
unixv 23.04.2017
1. kann nur besser werden?!?
Auch für uns, wünsche ich mir einen System-Wechsel. So, mit den Alt-Parteien kann es nicht weiter gehen. Mit SPD-CDU-FDP-Grüne wird sich z.B. die Schere = Arm-Reich niemals verändern, die Etablierten stört es nicht, da sind nur noch POSTEN wichtig! Siehe Armutsbericht der Bundesregierung! Die sollten alle ab in den Keller zum schämen! System Change ... JETZT! PS : mir ist es wurscht ob Links oder Rechts, Hauptsache keine Etablierten mehr!
Mr.Meeks 23.04.2017
2.
Ich rechne mit dem schlimmsten. Wahlbetrug schließe ich aber aus.
gutmichl 23.04.2017
3. erst Bauch, dann Kopf ? ist das belegbar ?
Meine franz. Kollegen werden sich sicher gegen derartige Unterstellungen verwehren, zumal sie nicht belegt sind. Oder will man damit gleich den Weg bereiten, falls das Ergebnis wieder nicht SPON-Kompatibel sein wird ?
pterodactylus 23.04.2017
4.
Nur Le Pen wäre (noch) kein Problem, wenn aber Mélenchon auch noch in die Stichwahl kommt, dann gibt es aus europäischer Sicht keinen guten Wahlausgang mehr. Im ersten Wahlgang Bauchentscheidungen zu machen ist also zu kurzfristig gedacht. Im übrigen sollten die Politiker sich mal Gedanken machen, wie nicht immer Europa gleich zerbricht, wenn irgendwo Wahlen sind. So hat das Konstrukt auf Dauer keine Zukunft, so kommt man zu Nichts. Und wir wären alle die Leidtragenden.
Zehetmaieropfer 23.04.2017
5. Emanuel Macron
Auch wenn Emanuell Macron nicht der ideale Kandidat ist, der mit den Problemen der Durchschnittsfranzosen und den Bewohner*innen der sozial abgehängten Vorstädte vertraut ist, da er aus einer zu Recht kritisierten abgehobenen Elitenkaste stammt, so ist er unter den Bewerber*innen das vergleichsweise geringste Übel, da mit einem Sieg von Le Pen oder Melenchon eine brutale europäische und weltweite Wirtschaftskrise droht.
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