Frankreich-Wahl Rechtsextremer Le Pen beendet Jospins politische Karriere

Die Präsidentenwahl hat in Frankreich ein politisches Erdbeben ausgelöst. Hochrechnungen zufolge hat der rechtsextreme Bewerber Jean-Marie Le Pen bei der Abstimmung einen der Favoriten, Premier Lionel Jospin, überrundet. Der kündigte umgehend seinen politischen Rückzug an. Amtsinhaber Jacques Chirac lag schon früh uneinholbar in Front.


Sorgt für einen politischen Erdrutsch in Frankreich: Der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen
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Sorgt für einen politischen Erdrutsch in Frankreich: Der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen

Paris - Er werde sich nach dem Ende der Präsidentenwahlen aus der Politik zurückziehen, sagte Jospin am Sonntagabend vor seinen Anhängern. "Damit ziehe ich die Konsequenz aus diesem zutiefst enttäuschenden Ergebnis." Der Wahlerfolg der Rechtsextremisten sei ein "Donnerschlag" und ein "sehr beunruhigendes Zeichen für Frankreich und unsere Demokratie", so Jospin. Nach fünfjähriger Regierungsarbeit sei er vom Wahlergebnis tief enttäuscht.

Nach einer offiziellen Mitteilung des Innenministeriums vom späten Abend kommt Chirac nach Auszählung von 77 Prozent der Stimmen auf 19,5 Prozent, der 73-jährige Le Pen, Führer der Nationalen Front, auf 17,3 Prozent und Jospin auf 15,8 Prozent.

Chirac rief die Franzosen zu einem "demokratischen Ruck" für die Verteidigung der Republik auf. "Die Republik liegt in Ihren Händen. Frankreich braucht Sie. Ich brauche Sie", sagte der neogaullistische Kandidat am Sonntagabend in Paris. Der Zusammenhalt der Nation und ihre Werte stünden auf dem Spiel. Die Franzosen sollten sich um ihn sammeln.

Erwartete nur etwa 20 bis 22 Prozent der Stimmen: Präsident Jacques Chirac
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Erwartete nur etwa 20 bis 22 Prozent der Stimmen: Präsident Jacques Chirac

Er werde die Menschenrechte garantieren. Chirac rief dazu auf, besonders in den nächsten Tagen Toleranz und Respekt walten zu lassen.

Zehntausende Menschen versammelten sich am Abend in mehreren Städten zu spontanen Demonstrationen gegen Le Pen. In Paris marschierten Tausende vor allem junger Leute zum Platz der Republik und in Richtung Bastille. In Sprechchören riefen "Le Pen raus" und "Nein dem Faschismus". Zu spontanen Protesten kam es unter anderem auch in Straßburg, im südfranzösischen Toulouse und Bordeaux, in Marseille und Grenoble.

Frankreichs linken Ministerpräsident Jospin hatte sich mit dem 69-jährigen Chirac einen farblosen Wahlkampf ohne große inhaltliche Auseinandersetzungen geliefert. Offenbar in sicherer Erwartung einer Teilnahme an der Stichwahl in zwei Wochen hatte sich Jospin im Wahlkampf den konservativen Positionen Chiracs stark angenähert, etwa beim Thema Bekämpfung der Kriminalität.

Le Pen der an jeder Präsidentenwahl seit 1974 teilnahm, führte einen gegen Einwanderer gerichtete Wahlkampagne und setzte auf eine Recht-und-Ordnung-Politik. "Die Wähler wollten kein Duell Chirac gegen Jospin und haben mit der Ineffizienz der Regierung abgerechnet", sagte er in einer ersten Stellungnahme.

Le Pen hatte seinen Riesenerfolg bereits eine Viertelstunde vor der Bekanntgabe der Hochrechnungen in seinem Hauptquartier in Saint-Cloud angedeutet. 1995 erzielte er mit 15,0 Prozent sein bislang bestes Ergebnis. Sollte die Prognose eintreffen, wäre die Linke in Frankreich erstmals seit 1969 nicht mehr in der Stichwahl um die Präsidentschaft vertreten.

Insgesamt waren 16 Kandidaten in der ersten Runde angetreten. In die Stichwahl am 5. Mai gehen jedoch nur die beiden Erstplatzierten. Dabei werden Le Pen allerdings wenig Chancen eingeräumt. Einer Meinungsumfrage zufolge wird Chirac den zweiten Wahlgang mit 78 Prozent zu 22 Prozent für sich entscheiden.

Die Zahl der Nichtwähler bei der ersten Runde war noch nie so hoch. Etwa 28,5 Prozent der 40 Millionen Wahlberechtigten sind nach den bisherigen Schätzungen von Meinungsforschungsinstituten den Urnen ferngeblieben. Schönstes Wetter, Schulferien in Teilen Frankreich und starke Politikverdrossenheit haben auf die Wahlbeteiligung gedrückt.



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