Schwache Wahlbeteiligung Die Franzosen bleiben zu Hause (oder am Strand oder im Park)

Die Wahllokale sind offen, doch viele Franzosen haben offenbar Besseres zu tun: Bei der Abstimmung zur Nationalversammlung zeichnet sich eine mäßige Beteiligung ab - trotz Macron-Hype.

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In Paris zeigten die Thermometer schon gegen Mittag Temperaturen von mehr als 30 Grad, dazu kaum eine Wolke am Himmel. In weiten Teilen Frankreichs sah es ähnlich aus. Ob es nur am frühsommerlichen Wetter liegt oder andere Gründe eine Rolle spielen: Die Beteiligung bei der Wahl zur Nationalversammlung war bisher jedenfalls eher schlecht.

Bis zum Sonntagmittag gaben in der ersten Runde gut 19,24 Prozent der mehr als 47 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab - 2012 waren es zu diesem Zeitpunkt gut 21,06 Prozent. Meinungsforscher sagen Präsident Emmanuel Macron eine absolute Mehrheit voraus.

Von der Wahl wird ein fundamentaler Umbruch des Parteiensystems erwartet. Der sozialliberale Macron kann damit rechnen, dass seine Partei La République en Marche (Republik auf dem Vormarsch, kurz REM) zusammen mit der verbündeten Zentrumspartei MoDem stärkste Kraft wird. Den traditionellen Volksparteien drohen empfindliche Verluste.

Der 39-jährige Macron gab seine Stimme zusammen mit Ehefrau Brigitte im nordfranzösischen Badeort Le Touquet ab, wo beide ein Haus besitzen. Sie wurden von einer jubelnden Menge empfangen. Der Präsident hat fehlerfreie erste Wochen im Amt hinter sich. Sogar die politischen Gegner mussten seine außenpolitischen Erfolge zugeben.

Ehepaar Macron nach der Stimmabgabe
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Ehepaar Macron nach der Stimmabgabe

Die Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National (FN), Marine Le Pen, wählte im nordfranzösischen Hénin-Beaumont, wo sie auf ein Abgeordnetenmandat hofft. In der Stadt stellt der FN seit 2014 den Bürgermeister. Bei der Präsidentschaftswahl im Mai war Le Pen dort Macron allerdings deutlich unterlegen.

Macrons La République en Marche und MoDem kommen laut Umfragen auf einen Stimmenanteil von rund 30 Prozent. Bei dem geltenden Mehrheitswahlrecht kann Macron damit nach der Stichwahl am kommenden Sonntag mit einer absoluten Mehrheit von mindestens 289 Mandaten in der Nationalversammlung rechnen. Das würde Macron helfen, umstrittene Reformvorhaben wie die Arbeitsrechtsnovelle durchzusetzen.

Macron setzt auf viele Politik-Neulinge

Unter den Kandidaten von Macrons Bewegung sind zahlreiche Vertreter der Zivilgesellschaft und Polit-Neulinge. (Lesen Sie hier ein Porträt des in Ruanda geborenen Quereinsteigerkandidaten Hervé Berville.) Nur knapp 30 erfahrene Parlamentarier treten für das Lager des Präsidenten an, die meisten von ihnen aus den Reihen der ehemals regierenden Sozialisten.

Ähnlich wie schon bei der Präsidentschaftswahl müssen sich die Konservativen und Sozialisten wohl auf empfindliche Rückschläge einstellen: Letzte Umfragen sahen die konservativen Republikaner bei rund 22 Prozent, die Sozialisten von Ex-Staatschef François Hollande sogar nur bei acht Prozent. Le Pens rechter Front National könnte 17 Prozent bekommen, die Bewegung La France insoumise (Das unbeugsame Frankreich) des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon elf Prozent.

Um die 577 Abgeordnetenmandate bewerben sich 7877 Kandidaten, der Frauenanteil liegt bei gut 42 Prozent. Die letzten Wahllokale schließen um 20 Uhr, im Anschluss werden erste Hochrechnungen erwartet.

Bis zu 51 Prozent Enthaltungen

Die Enthaltung wird von Meinungsforschern auf 40 bis 51 Prozent geschätzt, das wäre ein neuer Höchststand in der 1958 gegründeten Fünften Republik. Je niedriger die Beteiligung im ersten Durchgang, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass in vielen Wahlbezirken eine Stichwahl abgehalten werden muss.

Für einen Sieg in der ersten Runde braucht ein Kandidat in seinem Wahlkreis mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen. (Alle wichtigen Informationen zum französischen Wahlsystem finden Sie hier.)

Nötig ist zugleich mindestens ein Viertel der Stimmen der eingeschriebenen Wähler. In der zweiten Runde am kommenden Sonntag reicht dann die einfache Mehrheit aus, um den Wahlkreis für sich zu gewinnen.

Polizist in Nizza
REUTERS

Polizist in Nizza

Die Abstimmung findet unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt, rund 50.000 Polizisten sind im Einsatz. Grund ist die Serie islamistischer Anschläge in Frankreich: Dabei wurden seit 2015 insgesamt 239 Menschen getötet. Im Land herrscht seit den Pariser Anschlägen vom November 2015 der Ausnahmezustand.

Im Video: Frankreich in der Macronmanie

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jok/AFP/dpa



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
steveleader 11.06.2017
1. Auch die Linken...
verteilen nicht richtig von oben nach unten. Von Gegenfinanzierung ohne Schulden garnicht zu sprechen. Ich verstehe die SPD nicht. Sehen die Sozis nicht die Lücken die CDU,Grüne und Linke nicht besetzen. Bis auf die Schwachmaten von der AfD, ließe sich in der Parteienlandschaft super wildern. Wie gern würde ich Herr Schulz beraten.
OhMyGosh 11.06.2017
2. Ja ja,
unsere Berliner Combo weiß schon, warum BuTaWahlen in unseren Landen nicht in der warmen Jahreszeit abgehalten werden... da ließe sich vielleicht auch der eingefleischteste Merkel-Fan lieber von der Sonne grillen ^-*
Duggi 11.06.2017
3.
Wer soll sich denn nach Wahl eines Präsidenten aus der Establishment-Retorte nun auch noch für die Wahl von Parteien begeistern? ;-)
taglöhner 11.06.2017
4. Quadratur des sozialistischen Kreissens
Zitat von steveleaderverteilen nicht richtig von oben nach unten. Von Gegenfinanzierung ohne Schulden garnicht zu sprechen. Ich verstehe die SPD nicht. Sehen die Sozis nicht die Lücken die CDU,Grüne und Linke nicht besetzen. Bis auf die Schwachmaten von der AfD, ließe sich in der Parteienlandschaft super wildern. Wie gern würde ich Herr Schulz beraten.
Klingt spannend, da würde ich gerne mehr erfahren! Leider der falsche Thread.
Roethig.hb 11.06.2017
5.
Wann liefert denn eigentlich der Goldjunge aus dem Hexagon ? Bisher las ich nur von der Verbannung der Journalisten aus dem Hof des Élysée Palastes und von seinem kräftigen Händedruck. Für jemanden mit so viel Vorschusslorbeers doch recht dünn...
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