Anhänger von Macron und Le Pen Freiheit, Gleichheit - wenig Brüderlichkeit

Am Sonntag wählt Frankreich einen neuen Präsidenten - eine historische Entscheidung für Europa. Wer unterstützt Macron? Wer stimmt für Le Pen? Fünf Franzosen geben Antwort.

Wahlplakate von Macron und Le Pen
DPA

Wahlplakate von Macron und Le Pen

Von , Paris


Knapp 8,7 Millionen Franzosen stimmten für Emmanuel Macron, fast 7,7 Millionen Bürger wählten Marine Le Pen: Das war das Ergebnis des ersten Wahlgangs am 23. April. Am Sonntag treten beide Kandidaten zur Stichwahl um die Präsidentschaft an. Um zu gewinnen, müssen sie nun die Anhänger jener Politiker hinter sich scharen, die in der ersten Runde ausschieden.

Wer sind die Unterstützer von Macron und Le Pen? Was schätzen sie an den Bewerbern? Fünf Franzosen geben Antwort.

Der Bürgermeister

AFP

"Ein talentierter Junge": Wenn Roland Ries über seinen Präsidentschaftskandidaten redet, klingt der weißhaarige Elsässer anerkennend väterlich. "Emmanuel Macron hat Potential", sagt der Bürgermeister von Straßburg.

Der 72-Jährige mit langer Karriere in der Sozialistischen Partei (PS) kennt den Ex-Banker seit 2014. Damals kommt Macron als Wirtschaftsminister ins Kabinett von Staatschef François Hollande. Der alte Genosse und der junge Minister verstehen sich auf Anhieb. "Macron kann zuhören und entscheiden", sagt Ries und beschreibt das Treffen als Beginn einer Freundschaft.

Ries lädt den Minister nach Straßburg ein, bei späteren Besuchen mit Ehefrau Brigitte dinieren die Paare gemeinsam, Minister und Gattin übernachten öfters bei Familie Ries. Als Macron im April 2016 seine Bewegung "En Marche" (EM) gründet, kann er deshalb auf den Rückhalt des Bürgermeisters zählen. "Gewiss hat Macron wenig Erfahrung, aber er weiß sich mit den richtigen Leuten zu umgeben", sagt Ries.

Sorge machen dem Sozialisten die Parlamentswahlen Mitte Juni: "Es ist ja schön und gut, einen Präsidenten Macron zu wählen. Wichtiger aber ist eine breite Mehrheit in der Nationalversammlung. Anders sind die Ziele nicht zu realisieren."

Dafür braucht Macron mehr als nur einen knappen Sieg im zweiten Wahlgang, sagt Ries, er muss die FN-Rivalin am 7. Mai klar deklassieren: "Mindestens 60 Prozent, sonst ist die Nation am Morgen nach der Wahl gespalten. Natürlich wird Macron auch mit weniger in den Élysée einziehen, aber für seine Handlungsfähigkeit wäre es eine Niederlage - und das wäre für Frankreich ein Desaster."

Der Unternehmer
SPIEGEL ONLINE

"Der Mann ist brillant": Für Bruno Bonnell ist Emmanuel Macron eine Offenbarung. Der Chef von "Robolution-Capital", einem kleinen Imperium für Roboter-Software aus Lyon, sieht in dem jugendlichen Chef von "En Marche" den charismatischen Boss eines "politischen Start-up-Unternehmens".

Bonnell, Glatze, legeres Jackett, die Hand am Blackberry, ist der Sohn von Algerienfranzosen. Der gelernte Chemieingenieur, der schon in jungen Jahren einen international erfolgreichen Betrieb für Computerspiele gründete, hat selbst eine Menge Ideen für die Zukunft - und einige davon auch schon verwirklicht. Etwa "Navyo", den weltweit ersten autonom gesteuerten Pendelbus, der durch Lyons Stadtteil Confluence schnurrt.

"Macron ist eine Ausnahmepersönlichkeit", sagt Bonnell. Der Unternehmer, eigentlich völlig unpolitisch ("Ich war nie in einer Partei"), schloss sich "En Marche" bald nach der Gründung an. Schon beim ersten Wahlkampf-Briefing im November 2016 habe Macron seinen Plan im Kopf gehabt: "Monat für Monat, Woche für Woche." Und ein Grundkonzept: Offenheit für Anregungen, Entwürfe und Input - egal ob von links oder rechts. "Optimismus statt depressiver Nabelschau, Pragmatismus statt Ideologie."

Nur mit diesem Konzept werde sich Frankreich aus der politischen Starre der vergangenen Jahrzehnte lösen. "Es ist wie bei Trauerarbeit", sagt Bonnell: "Nach Leugnen, Einsicht und Akzeptanz ist jetzt die Zeit der Veränderung gekommen." Er zitiert Macrons Credo: "Wir müssen nicht unsere Identität ändern, sondern unsere Haltung."

Der Konservative
REUTERS

"Natürlich könnte ich mit dem nächsten Präsidenten der Republik zusammenarbeiten - auch mit Emmanuel Macron": Bruno Le Maire, Abgeordneter der Republikaner (LR), hat keine Berührungsängste.

Der 48-Jährige, der in der Nationalversammlung das Département Eure in Nordfrankreich vertritt, ist jedoch kein Überläufer zur Bewegung "En Marche", sondern ein überzeugter Konservativer. "Ich mache keine Politik für meine Partei, sondern für Frankreich, für mein Land, das ist das Herz meines Engagements."

Le Maire, der fließend deutsch spricht, war unter Nicolas Sarkozy Staatssekretär für Europafragen und Landwirtschaftsminister. Bei der Kandidatenkür der Konservativen 2016 unterlag Le Maire, obwohl er ein detailliertes Reformprogramm von satten 1012 Seiten vorgelegt hatte. Die Hoffnung auf durchgreifende Veränderungen will Le Maire freilich nicht aufgegeben - notfalls im Zusammenspiel mit einem politischen Gegner.

"Was ist, wenn Macron Präsident wird, aber im Juli keine klare Mehrheit im Parlament erhält?", fragt Le Maire. Sollten die Republikaner eine starke Fraktion bilden, so seine Hypothese, "dann sagen uns die Franzosen: Rauft euch zusammen, arbeitet miteinander." Unter diesen Umständen, so der Konservative, würde er Macron unterstützen. "Ich will den Sieg meiner Partei bei den Parlamentswahlen, aber ich lehne kategorisch ab, dass die nächsten fünf Jahre für Frankreich verloren gehen."

Die frühere Friseurin
European Union/ EP

Dominique Bilde ist eine glühende Verehrerin ihrer Kandidatin. "Marine Le Pen hat eine innige Liebe zu Frankreich", sagt die 64-Jährige, die seit 2014 im EU-Parlament sitzt und sich bei den Wahlen im Juni zum ersten Mal für ein Mandat in der Nationalversammlung bewirbt.

Bilde, gelernte Friseurin, geboren in Nancy, ist stolz auf ihre Herkunft. "Ich bin eine Tochter des Volkes, meine Eltern hatten einen Lebensmittelladen, mein Mann, 66, ist Maurer", erzählt die Politikerin. "Der Front National ist bei uns ein Familienanliegen. Unsere Familie hat immer rechts gewählt."

"Ich habe mich nach der Wahl des Sozialisten François Mitterrand für den FN von Jean-Marie Le Pen entschieden", sagt Bilde, die an Marine Le Pen die "Sensibilität einer Frau" besonders schätzt. Der wichtigste Punkt im FN-Wahlprogramm sei die Neuverhandlung der EU-Verträge. "Die anderen Parteien haben keinen Respekt für Frankreich."

An einen Sieg ihrer FN-Kandidatin glaubt sie trotzdem nicht. "Marine wird 43 bis 44 Prozent bekommen", prophezeit Bilde. "Aber selbst wenn es nur 40 oder 38 Prozent sind, bleiben wir doch die stärkste der Parteien. Wir sind ganz allein auf der Welt - und uns gegenüber die Riege der Etablierten: Politiker des Zentrums, Konservative wie Linke."

Der Ideologe
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"Das ist eine Wahl von historischer Dimension": Bruno Gollnisch, 67, Berater von Marine Le Pen, meint damit nicht nur das Verschwinden der etablierten Parteien von rechts und links, die jahrzehntelang die politische Debatte und die Geschicke Frankreichs bestimmten.

"Heute geht es um die Neudefinition der Identität - national, kulturell, geistig. Es ist eine Auswahl zwischen Zivilisationen", sagt Gollnisch.

Der ideologische Hardliner, berüchtigt wegen seiner Stellungnahmen zum Holocaust, steht dem katholisch-nationalen Spektrum der Partei nahe. Gollnisch war lange Rivale von Marine Le Pen und ein erbitterter Kritiker ihres bisweilen weichgespült wirkenden Rechtskurses.

"Die von Marine betriebene 'Entdämonisierung' wird überbewertet", grummelt Gollnisch, "die Franzosen hatten schon zuvor ihre Haltung zu unkontrollierter Immigration, Islamismus und den Folgen des Euro geändert."

Und was ist mit der Angst vieler Menschen vor Marine Le Pen? "Anerzogene pawlowsche Reflexe, die unsere Gegner über Jahre verbreitet haben: Ein Schreckensbild autoritärer Herrschaft, verbunden mit Angstmache vor dem Ruin Frankreichs, wenn wir unsere eigene Währung wiedereinführen." Gollnisch hofft auf den Sieg der FN-Kandidatin, aber er räumt auch ein: "Die Furcht vor Marine bleibt unser größtes Handicap."

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Knackeule 05.05.2017
1. Nummer kleiner bitte
Die Wahl in Frankreich "eine historische Entscheidung für Europa" ? Langsam geht mir der Frankreich-Wahl-Hype des deutschen Medien-Mainstreams auf die Nerven. Nur gut, dass am Sonntag der zweite und letzte Wahlgang in Frankreich stattfindet. Aber am darauf folgenden Wochenende ist Landtags-Wahl in NRW. Noch eine eine historische Entscheidung für Europa oder was ?
kritischer-spiegelleser 05.05.2017
2. Macron steht für die Eliten
Und die werden derzeit von den "Globalisierungsverlierern" abgewählt. Da wurde zu oft, zu offen und zu diskriminierend auf die Bürger herabgeschaut. Die sich bei einer demokratischen Wahl auf einmal organisieren und Kontra geben. In Frankreich, in Deutschland, in Europa und in Amerika.
Beat Adler 05.05.2017
3. Was ist falsch an Eliten?
kritischer-spiegelleser Heute, 10:47 1. Macron steht für die Eliten Und die werden derzeit von den "Globalisierungsverlierern" abgewählt. Da wurde zu oft, zu offen und zu diskriminierend auf die Bürger herabgeschaut. Die sich bei einer demokratischen Wahl auf einmal organisieren und Kontra geben. In Frankreich, in Deutschland, in Europa und in Amerika. ......................................................... Was ist falsch an Eliten? Was tun sie falsch? Was ist daran vewerflich? Die neue Arbeiterklasse sind die Roboter, vorlaeufig noch ohne Stimmrecht, in menschenleeren Fabriken. Alle Anderen, die Menschen, sind heute die Eliten. Damit steht Emanuel Macron fuer die Menschen ein. mfG Beat
e.pudles 05.05.2017
4. In Frankreich kann wer will
an der sogenannten Macht sein. Egal ob Rechts, oder Links. Grundlegende Reformen konnten beide noch nie durchsetzen und werden dies auch nicht können, so lange die Franzosen nicht dazu bereits sind. Die Gewerkschaften mit ihrer unglaublichen Macht, bringen es immer wieder fertig, die geplanten Reformen, ob gut, oder schlecht, im Keim zu ersticken. Obwohl nur etwas mehr als 15% der Franzosen gewerkschaftlich organisiert sind, tun sie alles was diese vorschlagen. Und zudem hängen die Franzosen noch an der alten Idee, ihr Land sei immer noch "La grande Nation". Somit wird auch Macron sollte er hoffentlich gewählt werden, es nicht fertig bringen di Situation merklich zu verbessern. Und ein Scheitern von ihm, wäre definitiv das Sprungbrett für M. Le Pen bei den Wahlen 2020.
fatherted98 05.05.2017
5. Falsch....
Zitat von Beat Adlerkritischer-spiegelleser Heute, 10:47 1. Macron steht für die Eliten Und die werden derzeit von den "Globalisierungsverlierern" abgewählt. Da wurde zu oft, zu offen und zu diskriminierend auf die Bürger herabgeschaut. Die sich bei einer demokratischen Wahl auf einmal organisieren und Kontra geben. In Frankreich, in Deutschland, in Europa und in Amerika. ......................................................... Was ist falsch an Eliten? Was tun sie falsch? Was ist daran vewerflich? Die neue Arbeiterklasse sind die Roboter, vorlaeufig noch ohne Stimmrecht, in menschenleeren Fabriken. Alle Anderen, die Menschen, sind heute die Eliten. Damit steht Emanuel Macron fuer die Menschen ein. mfG Beat
Netter Kommentar...leider falsch. Elite hat in Frankreich vor allem etwas mit Geld und Macht zu tun....und....noch gibt es die von Ihnen erwähnten leeren Fabrikhallen noch nicht...und...auch Ihr Klo zu Haus wird nicht von einem Roboter dort eingebaut sondern von einem Handwerker/Arbeiter.....zu behaupten die Arbeiterklasse sei nicht mehr existent ist genau die Arroganz gegen die in Frankreich gestimmt wird. Die Eliten nehmen den Arbeiter gar nicht mehr wahr...in den Zeitungen steht etwas von Robotern...also geht keiner mehr richtig arbeiten...allen gehts gut....nur den Dreck wegräumen, das Essen servieren, die Böden putzen, Häuser bauen und abreisen, reparieren, warten, dienstleisten....all das und noch viel mehr macht die Arbeiterklasse....und die steht auf den Hinterbeinen. Bitte mal aufwachen und mal nach draußen gehen und die Welt betrachten....von alleine oder per Roboter bewegt sich da nämlich gar nichts.
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