Frankreich und der Front National "Unser Land macht uns Schande"

Die Strategie ist aufgegangen: Unter Marine Le Pen verkneift sich der Front National antisemitische Parolen - und triumphiert bei den Regionalwahlen. Pascale Hugues, Französin in Berlin, schämt sich für ihr Land.

Wahlposter des FN: Mit Parolen gegen alles Fremde
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Wahlposter des FN: Mit Parolen gegen alles Fremde


Zur Autorin
  • Pascale Hugues ist Deutschland-Korrespondentin des französischen Nachrichtenmagazins "Le Point". Sie lebt in Berlin.
Wir, die Exil-Franzosen in Berlin, haben uns seit einigen Jahren angewöhnt, unauffällig an der Mauer entlang zu schleichen, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, wenn wir nach einem Wahlsonntag in Frankreich vor die Tür gehen. Unser Land ist weit weg, aber es macht uns Schande. Dieses Mal schnürt mir das Ergebnis förmlich den Magen zu:

Der Front National - die erste Partei in Frankreich.

Vor einigen Jahren wäre uns eine solche Nachricht, im Radio verkündet, wie ein Witz vorgekommen. In dieser Woche war es, als ob ein Albtraum Realität geworden wäre.

Wer hat die Frontisten gewählt? Wer hat da in der Wahlkabine die Gardine hinter sich zugezogen und dann sein Kreuz beim FN gemacht?

Früher hieß es immer: Je jünger wir sind, desto weiter links stehen wir. Und wenn wir älter werden, rücken wir nach rechts. Doch diese bewährte Faustformel gilt nicht mehr. Die extreme Rechte besteht heute nicht mehr aus den leicht irren Anhängern des alten Vichy-Frankreichs. Ganz im Gegenteil: Die Altersgruppe ab 65 Jahren wählt den Front National am wenigsten; diese Generation hat den Krieg noch nicht vergessen und misstraut vereinfachenden Parolen.

Nein, es sind die Jungen, die vom FN verführt wurden. Und das macht mir am meisten Sorgen. Die extreme Rechte zu wählen, ist für sie kein Tabu mehr - und der Zweite Weltkrieg sehr lange her.

REUTERS
Dämonen ausgetrieben

Die Strategie von Marine Le Pen ist aufgegangen: Sie hat den FN die Dämonen ausgetrieben. Vorbei sind die xenophoben Streitereien, die revisionistischen Ausrutscher, der unverhüllte Antisemitismus. Über 40 Jahre alt, geschieden, eine alleinerziehende Mutter - so steht Marine Le Pen, im Gegensatz zu ihrem Vater, für ein modernes Frankreich. Ihre blonde Nichte Marion Maréchal-Le Pen ist 25 Jahre alt, ein Engelsgesicht. Der FN ist cool geworden.

Diese beiden Frauen feiern große Erfolge bei den Jungen. Zumindest bei denen, die sich die Mühe machen, überhaupt wählen zu gehen. Denn zwei Drittel aller Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren machen von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch, das ist ihr Zeichen der Verweigerung. Und das übrige Drittel ist zu einem großen Teil dem FN in die Arme gefallen: 34 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen haben der extremen Rechten ihre Stimme gegeben.

Aber von welcher Jugend reden wir? Sicher nicht von den jungen Franzosen in Berlin, die ihren Latte Macchiato auf den Caféterrassen des Prenzlauer Bergs trinken, von diesen Bobos (Bohemian Bourgeois) ausgezeichnet mit Diplomen, die in das Eldorado Berlin kamen, weil die Mieten hier billig sind und das Leben um so vieles cooler ist als in Paris. Nein, diese Jungen sind geflohen aus einem Frankreich, das sie als zu bedrückend empfinden. Und wie ich sind sie heute besonders erleichtert, weit weg von diesem kranken Land zu leben. Wir Exil-Franzosen sind voll der Bewunderung für die deutsche Demokratie, in der es seit Kriegsende niemals eine Partei der extremen Rechten in den Bundestag geschafft hat. Für uns ist und bleibt der FN eine Vogelscheuche.

Es sind andere junge Menschen, die den FN wählen. Die Unsichtbaren. Die jahrelang rudern müssen, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Die vielleicht eine Lehre gemacht haben (die in Frankreich sehr viel weniger anerkannt wird als in Deutschland) und sich um ihre Zukunft sorgen.

Die Jungen heute haben genug von den Streitereien zwischen linkem und rechtem Lager. Von den Korruptionsskandalen und der Unfähigkeit der Parteien, das Land zu reformieren. Ihr Alltag: Im besten Fall haben sie befristete Arbeitsverträge, im schlimmsten Fall gehören sie zum Heer der Langzeitarbeitslosen.

Wenn man 20 Jahre alt ist und in Frankreich lebt, dann wählt man den FN nicht aus einem irrationalen Wutanfall heraus, sondern weil man sich der Weltsicht dieser Partei angeschlossen hat. Und das macht mir Angst.

Und am nächsten Montag, nach dem zweiten Wahldurchgang?

Werde ich wieder unauffällig an der Mauer entlang schleichen müssen? Werde ich mich rechtfertigen müssen?

In diesen turbulenten Zeiten ist es so unbequem geworden, Französin zu sein. Und wir sind es nicht gewohnt, wenn unsere Nachbarn mit dem Finger auf uns zeigen. Ganz im Gegenteil. Frankreich, das Land der Menschenrechte und des savoir vivre hat die unbeliebten Deutschen immer zum Träumen gebracht. Eine einfache Art der Nationalität. Stolz war man, selbstverständlich. Ach, war es schön, vor Marine Le Pen Französin zu sein.

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nomadas 10.12.2015
1. Oh la, la
Ja, mon dieu, was würden "Marthe & Mathilde" dazu sagen? Auch ich als Frankreichliebhaber und dem Elsass eng verbunden, bin en choc! Merde alors! Nur eines ist aber auch klar, es ist die Folge des totalen Versagens der Eneasten. noblesse n`oblige pas - LG an Colmar, chère Pascale
Klaus100 10.12.2015
2. Mit Recht
Sie verklärt offenbar immer noch ihre französische Heimat. Dabei ist der französische Nationalismus in seiner übelsten Form nicht neu. Schon seit Jahrzehnten ist er in der Mitte der Gesellschaft angekommen- Mit Deutschland sowieso kein Vergleich. Vielleicht sollte sie sich der Tatsache bewußt sein, dass es sich um ein sehr ernste Problem handelt-
_unwissender 10.12.2015
3. Hübsch gesagt ...
"Die Jungen heute haben genug von den Streitereien zwischen linkem und rechtem Lager. Von den Korruptionsskandalen und der Unfähigkeit der Parteien, das Land zu reformieren." Das ist der Punkt! Wozu Lager, wenn sich beide in der Unfähigkeit doch so sehr gleichen? Und das ist wohl in einigen Ländern so. Ausweg? Ein Ausweg wie in Griechenland? Ist auch kein Weg!
joG 10.12.2015
4. Es ist halt schon so.....
.....aber die traditionellen Parteien haben so viel Eu an der Bevölkerung vorbei, mit falschen Behauptungen begründet die Völker mit schlechten Verträgen geschädigt, dass niemand rechten Verstands ihnen trauen könnte. Und wen will man wählen, wen man sich nicht zur Immer Tiefen Union zwingen lassen will?
epigone 10.12.2015
5. Tschuldigung,
aber Frankreich hat sich schon immer primär mit sich selbst beschäftigt, sich als Grande Nation gefeiert und andere Nationen und Kulturen ignoriert oder geringschätzig auf sie herabgeblickt. Lange war es in Frankreich typisch, jeden Touristen, der nicht Französisch konnte, entsprechend abschätzig zu behandeln. Wenn das Land jetzt auch politisch deutlicher sein Gesicht zeigt, dann ist das letztlich nur konsequent und bleibt in der Linie: Lieber nationalistisch, protektionistisch, ausländer-avers und antieuropäisch - denn an den Problemen sind ja immer die Anderen schuld und die Lösung besteht ja immer nur in der Rückbesinnung auf die (nationale/kulturelle) Stärke des Landes. Dumm nur, dass das in Wirklichkeit falsch ist: Frankreich ist verkrustet, das Bildungssystem im Eimer, der Arbeitsmarkt überreguliert, die Integration der Zuwanderer misslungen (eigentlich nie gewollt gewesen), die Wirtschaft staatlich geknebelt und die Politik reformunfähig. Was übrigens auch le Pen nicht ändern wird.
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