Algerier in Frankreich über den Aufstand in der Heimat "Etwas Historisches passiert"

In Algerien gärt der Widerstand gegen die herrschende Elite - und in Frankreich beobachten Millionen Algerien-Franzosen, was sich in der alten Heimat tut. Mancher fühlt sich an düstere Zeiten erinnert.

Demonstranten auf dem Platz der Republik in Paris
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Demonstranten auf dem Platz der Republik in Paris

Von , Paris


Plötzlich ist der Platz der Republik in Paris voller grün-weiß-roter Farben. Ganz ungewohnt. Immer wieder erklimmen die Demonstranten die Statue der französischen Marianne in der Mitte des Platzes und legen ihr mit Tüchern neue Farben an. Grün-weiß-rot statt blau-weiß-rot. Denn dieses Mal geht es um die Freiheit Algeriens.

"Dass wir unsere Unterstützung für das algerische Volk von diesem Pariser Platz aus zeigen können, ist stark", sagt der Lokalparlamentarier Madjid Messaouedene aus der Pariser Vorstadt Saint-Denis, der algerische Wurzeln hat. "Es gibt viel Hoffnung, und ich habe den Eindruck, dass etwas Historisches passiert", sagt Maiwenn, eine Filmemacherin mit französischer und algerischer Staatsangehörigkeit. Beide demonstrierten jüngst in Paris mit tausenden Gleichgesinnten in Solidarität mit den Anti-Regierungsdemonstrationen in Algerien.

"FLN hau' ab" und "Der Premierminister ist ein Esel", singt die Menge auf arabisch - wie in den vergangenen Tagen in Algier, der algerischen Hauptstadt, wo seit 1962 der FLN (Front de Liberation National) regiert und der Premierminister dem 82-jährigen, schwer erkrankten FLN-Chef und Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika dient.

Ganz Frankreich schaut in diesen Tagen auf seine alte, ihr einst am engsten verbundene Kolonie, die Paris von 1830 bis 1962 regierte. Der heute noch 2,5 Millionen Franzosen mit algerischen Eltern oder Großeltern verbunden sind. Doch die Solidaritäts-Demonstration auf dem Platz der Republik ist keinesfalls unumstritten. "In Wirklichkeit wird Frankreichs Haltung gegenüber Algerien von Angst bestimmt", kommentiert der französische Radiosender Europe 1 am Montagmorgen die Demonstration vom Vortag.

In der französischen Diplomatensprache klingt das dann so: "Weder Einmischung noch Gleichgültigkeit. Wir befinden uns auf einem schmalen Grat", sagt ein hoher Regierungsbeamter der Pariser Zeitung "Le Figaro". Tatsächlich haben Präsident Emmanuel Macron und seine Minister bisher nichts anderes verlauten lassen: Sie reden nur von der "Souveränität des algerischen Volkes". Ganz im Gegenteil zu den Leuten im "Café Autobus", einer von algerisch-stämmigen Franzosen geführten Pariser Bar in der Nähe des Platzes der Republik. Hier wird offen geredet.

"Das kann schlimm ausgehen, alles ist möglich", sagt Tariq an der Bar von Wirt David und warnt vor dem Eingreifen der algerischen Armee. "Man darf nicht vergessen, dass die Armee immer noch an der Macht ist", sagt David. Im Fernsehen des Cafés laufen Aussagen der rechtsextremistischen Parteiführerin Marine Le Pen: "Ich befürchte die Ankunft neuer Einwanderer, die aus Algerien flüchten", sagt Le Pen im Fernsehen.

An der Bar wird widersprochen: "Die Leute, die sich heute in Frankreich dem Protest in Algerien anschließen, sind die frischen Einwanderer der 2000er Jahre, die wieder nach Hause wollen", sagt Rachid. So aber war es schon immer zwischen beiden Ländern: Viele Franzosen sorgen sich vor zu vielen Flüchtlingen aus Algerien, umso mehr sehnen sich viele Algerier in Frankreich nach Hause.

Wirt David glaubt trotzdem an den Zusammenspiel der Kräfte in beiden Ländern. "Die Proteste in Algerien sind von den Gelbwesten inspiriert", ist er sich sicher. "Zuzuschauen, wie man selbst unter einem alten Präsidenten leidet, während die Franzosen einen Jungen wählen, war noch erträglich. Aber auch dann noch zuzuschauen, wie die Franzosen diesen jungen Präsidenten fast schon wieder aus dem Amt jagen, während man selbst immer noch unter dem Alten kuscht, das ging nicht mehr."

Dabei machen sich die Gäste im "Café Autobus" keine Illusion über den Zusammenhalt der Völker: "Den meisten ist es egal, was dort unten passiert". Umso ungestörter könne Präsident Macron in Algerien den französischen Interessen nachgehen: Gaslieferungen von dort, Autofabriken für dort. Und die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror, die Paris zu schätzen weiß. David ist sich sicher: Macron werde Bouteflika stützen. Hat Europe 1 also Recht, dass Paris "Angst" vor dem Aufstand der Algerier hat?

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"Der arabische Frühling hat in Algerien begonnen", sagt David und meint die algerische Jugendrevolte von 1988, die die FLN-Regierung mit Panzern niederschlagen ließ. Erst danach fanden die Islamisten in Algerien größeren Zulauf. "Alles Geschichten von gestern, weder Macron noch die jungen Algerier kennen den Krieg", sagt ein alter Mann am Tresen.

"Frankreich wachsam gegenüber der Unsicherheit in Algerien", titelt am Montag "Le Figaro". Das klingt wie eine Meldung aus der Zeit des Algerien-Kriegs von 1954 bis 1962. Doch vielleicht ist die Schlagzeile übertrieben. Noch weiß kein Franzose, ob in Algerien tatsächlich etwas Historisches passiert.



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