Präsidentschaftskandidat Mélenchon Vom Revolutionär zum Patrioten

Aus dem krakeelenden Volkstribun wurde ein schlagfertiger Pädagoge: Frankreichs Linken-Chef Mélenchon gibt sich sanfter. Zwei Wochen vor der Wahl holt der Präsidentschaftskandidat auf - auch in der Provinz.

AP

Aus Marseille und Bégard berichtet


Transparente, Trikoloren, zehntausend Bürger in T-Shirts und Tank-Tops. Während der Duft von Waffeln und Bratfisch über den Kaianlagen liegt, erklingen populäre Revolutionslieder auf der Flaniermeile Cannebière: Beim Meeting von Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon herrscht am "Vieux Port" in Marseille ausgelassene Volksfeststimmung.

Der Anführer der linken Bewegung "La France Insoumise" (etwa: Das aufständische Frankreich) tritt auf wie immer - Jeans, weißes Hemd, Dachdeckerjacke. Sein Tonfall aber ist getragen, staatsmännisch. Mit einem Palmzweig am Revers beschwört Mélenchon "unsere Liebe für die anderen", er bittet um eine Schweigeminute für die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind.

Mal feierlich, mal poetisch, wettert er gegen Ausbeutung, Krieg und Waffenhandel. Mélenchon entwirft eine Gesellschaft nach den Werten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Und er fordert für die "gemeinsame Zukunft" einen "Schock an der Wahlurne". Der Alt-Linke empfiehlt sich als "Kandidat des Friedens" und schließt seine einstündige Rede mit dem beinahe religiösen Appell: "Gebt euch die Hände - das ist der Frieden."

Als "Super-Mario" im YouTube-Spiel

Nein, das ist nicht mehr der 65-Jährige, der vor Monaten noch als radikaler Exzentriker eingeschätzt wurde. Hier spricht der neue Mélenchon, der mittlerweile zum Überraschungsaufsteiger der Wahlkampagne avanciert: Der schlagfertige Star der Fernsehdebatten hat spektakulär an Popularität zugelegt.

Parallel zu den Traditionsmedien wendet er sich über Twitter und Facebook gezielt an die Wähler. Seine wöchentlichen Webvideos, bis zu halbstündige Referate im Plauderton, haben mehr als 200.000 Abonnenten. Auf YouTube hat er außerdem gerade ein Spiel ins Netz gestellt: In "FiscalKombat" kämpft Mélenchon als verpixelter Super-Mario gegen Spekulanten und Oligarchen - politische Botschaften inklusive.

Zwei Wochen vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen liegt der Alt-Linke bei knapp 20 Prozent und hat damit zu François Fillon, dem Spitzenkandidat der Republikaner (LR), aufgeschlossen. Laut neuen Umfragen könnte Mélenchon gar das Spitzenduo der rechtspopulistischen Marine Le Pen (Front National) und des Zentrumsmannes Emmanuel Macron (En Marche!) einholen. Ein Revoluzzer im Élysée?

Mélenchon war als Senator und Minister lange Karrierepolitiker bei der Sozialistischen Partei (PS). Doch 2008 brach er mit den Genossen und gründete - nach dem Vorbild der deutschen Linkspartei - die Parti de Gauche (PG).

Jetzt hat sich der Kandidat eine Runderneuerung von Programm und Persönlichkeit verpasst. Der krakeelende Volkstribun wandelte sich zum Oberlehrer einer Bewegung. Statt der Internationalen wird am Ende der Auftritte jetzt die Marseillaise intoniert; rote Fahnen sind out.

Mélenchon verzichtet jetzt auch auf seine Ausfälle - zumal gegen die Nachbarn jenseits des Rheins. "Wer Lust am Leben hat, will kein Deutscher sein", mokierte er sich 2013 über Deutschlands sinkende Kinderzahlen. "Maul zu, Frau #Merkel", twitterte der Politiker wütend im Jahr darauf, nachdem die Kanzlerin Frankreichs mangelnde Reformfreudigkeit angemahnt hatte. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen bezeichnete er als "Halbverrückte" oder "politischen Yeti".

Radikal ist weiterhin das Programm. Er verspricht:

  • Drei Millionen Jobs durch eine ökologische Wende. Kosten: 100 Milliarden Euro
  • Ausstieg aus der Atomenergie
  • 60.000 Stellen für das Gesundheitswesen

Außerdem kündigt er eine Umverteilung des Reichtums, Steuersenkungen, die Rente mit 60 sowie Zuschläge auf das Mindestgehalt an. Mélenchons zentrale Forderungen sind aber eine neue Verfassung für eine VI. Republik, Ausstieg aus den EU-Verträgen und Nato.

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Für seinen Angriff auf den Élysée hat sich der Kandidat hingegen offiziell "Sanftmut" verordnet, Pragmatismus und eine ideologische Öffnung: "Links steht heute nur noch für einen begrifflichen Wirrwarr, das ist alter Krempel", verkündet der Kandidat. "Wenn man sich auf ein Programm und das Volk konzentriert, kann man viel breitere Schichten versammeln."

Kommunist Le Caër ist voll des Lobes für Mélenchon

Ortswechsel: Bégard, Bretagne, tausend Kilometer nördlich von Marseille. Bürgermeister Gérard Le Caër, 65, empfängt im Rathaus an der Rue de la Résistance, unter einem Bild von Südafrikas Nelson Mandela. Der Kommunist, seit jungen Jahren in der Partei (PCF) engagiert, ist voll des Lobes für Mélenchon. "Das ist ein Kandidat, der mit Elan daherkommt", lobt Le Caër. "Der verbreitet nicht diese depressive Miesepetrigkeit.

Der ehemalige Direktor der Grundschule weiß mit dieser Wertung die Mehrheit seiner Mitbürger hinter sich. Denn Bégard, eine 5000-Einwohner-Stadt im Département Côte d'Amor, zählt zu den letzten Hochburgen von Frankreichs Kommunisten: Die Zahl der "roten Gemeinden" mit über 3500 Einwohnern ist binnen 40 Jahren zusammengeschmolzen - von rund 1400 sind gut 140 übriggeblieben.

Le Caër erklärt seinen Erfolg - er ist seit 1983 im Amt und wurde zuletzt mit 61 Prozent wiedergewählt - mit wenigen Worten. Da ist die lokale Verwurzelung in einer traditionellen Familie von Landwirten ("Mutter ging sonntags in die Kirche, Vater ins Bistro"), feste Überzeugungen und handfeste, pragmatische Politik. Trotz einer Mehrheit im Gemeinderat (22 von 27 Sitzen) setzt Le Caër auf Zusammenarbeit. "Was zählt, ist gesunder Menschenverstand, die Zeit des Stalinismus ist längst vorbei."

Mit demselben Pragmatismus hat sich Le Caër für Mélenchon als Kandidat der PCF entschieden: "Unser Mann hatte keine Chance." Der Chef der "Aufständischen" habe begriffen, dass Politik heute als "Bewegung" organisiert werden müsse, fern von den Mustern und Hierarchie der klassischen Parteien.

"Die Jugendlichen engagieren sich heute anders, kurzfristiger und über die sozialen Medien", sagt Le Caër: "Mal für Umweltschutz, mal für Flüchtlinge, mal für eine Partei. Mélenchon hat gefühlt, dass es hier eine Basis gibt - jenseits von PCF oder Linksfront."

Auch das Programm hat Le Caër überzeugt, die Mischung aus Ökologischem Umbau, Reichensteuer und Reform der Republik. Klar, Mélenchon habe auch ein "großes Ego", einen "Dickschädel" und "mächtig Ambitionen". Aber auch das richtige Rezept: "Er verbindet Revolution mit Realität."

Was letztlich zählt? "Die Chance, in die zweite Runde der Präsidentenwahl zu kommen." Und dann, da ist Le Caër überzeugt: "Dann wird Mélenchon gegen Marine Le Pen siegen. Und wir haben einen Genossen im Élysée."



insgesamt 41 Beiträge
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gersois 09.04.2017
1. Zerstrittene Linke
Würde Hamon zugunsten von Melenchon verzichten, hätte der die Stichwahl fast sicher. Aber die Sozialisten sind zerstritten und unfähig. Hamon weiß, dass er nur verlieren kann, hat aber Größe nicht zu verzichten. Aber eine Alternative Le Pen - Melenchon bzw Font Nationale - Front Gauche läßt mich schaudern - und Frankreich weiter in den Abgrund führen.
tom-rheker 09.04.2017
2. Wow!
Entweder ist der Typ voller Lob oder voll des Lobes... Ihr habt nun erfolgreich Dativ und Genitiv vermischt. Wow =)
gandhiforever 09.04.2017
3.
Zitat von tom-rhekerEntweder ist der Typ voller Lob oder voll des Lobes... Ihr habt nun erfolgreich Dativ und Genitiv vermischt. Wow =)
Bitte Nachsicht ueben, tempora mutantur. Nicht, dass ich mir bei der Rechtschreibung keine Muehe mehr gebe, aber wenn ich zurueckdenke, wie uns Regeln und Ausnahmen eingepeischt wurden, und dann, dann kam eine Reform. Nicht das die Grundprinzipien der Reform falsch waren, aber mir ging da auch auf, wie wichtig bzw. unwichtig diese Dinge sind. Oder, wie meine Schwiegertochter sagen wuerde: Es gibt Wichtigeres.
gunpot 09.04.2017
4. SPON sollte zur sorgfältigen Berichterstattung
zurückkommen; denn Mélenchon zeichnet sich durch eine klare Linie im französischen Wahlkampf aus begleitet von einer hohen intellektuellen Komponente, an die keiner unserer deutschen Politiker bisher herankommt. Pardon, ich verfolge den frz. Wahlkampf nur über die frz. Kanäle und konnte kein Krakele dieses Kandidaten ausmachen. Sein Rivale im eigenen Lager, der PS Kandidat Hammon, lag noch vor 2 Monaten mit 12 oder 13 Prozent gleichauf mit Mélenchon. Heute liegt Hammon bei 8% und Mélenchon bei 19%, womit Letzterer mit dem skandalumwitterten und eigensinnigen Fillon gleichgezogen hat. Nun hat ja der SPD-Kanzlerkandidat Schulze, wie es sich für Sozialisten gehört, klar auf Hammon gesetzt. Zeichnet sich hier nicht schon eine Koalition der Verlierer ab? Mélenchon weiß das linke Lager besser zu überzeugen. Zeit für Hammon, seinem Lager den Rat zu erteilen, Mélenchon zu wählen und sich aus dem Wahlkrampf zurückzuziehen. Wohl zu viel verlangt; denn Sozialisten zeichnen sich zwar für den Kampf für soziale Gerechtigkeit aus, aber nicht durch staatstragende Größe. Einzige Ausnahme war Mitterand. Mal sehen, welchen Vorteil Madame Merkel aus der Tatsache ziehen wird, wenn man erfährt, dass Hammon kläglich beim ersten Durchgang gescheitert ist.
Tschepalu 09.04.2017
5. Macron???
bloß nicht, ein Bürokrat und Brüsselgläubiger wie er im Buche steht. Der macht gar nichts besser...
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