Frankreichs Possen-Wahlkampf Ségolène stümpert - Sarko stolpert

Pannen, Pech, dunkle Machenschaften: Der Wahlkampf der Sozialistin Ségolène Royal steckt in Turbulenzen – der konservative Konkurrent Nicolas Sarkozy nutzt angeblich die Wühlarbeit der ihm unterstellten Geheimdienste.

Von , Paris


Paris - Es sind verschwiegene Hinterzimmer oder Büros, diskret untergebracht in den Wahlkampf-Zentralen: Im bürgerlichen Hauptquartier der sozialistischen Spitzenkandidatin unweit des Parteisitzes an der Rue Solferino sind es ein knappes Dutzend erfahrener Abgeordneter, die den Kampf gegen den politischen Gegner organisieren. Bei der UMP, dem konservativen Mutterhaus des Konkurrenten Nicolas Sarkozy treffen sich die Mitglieder der "Zelle Gegenschlag" das erste Mal morgens um 8.30 Uhr; abends gegen 20 Uhr wird in dem Atriums-Bau an der Rue d'Enghien bei einem zweiten Meeting Bilanz gezogen.

Das Ziel der Polit-Scharfschützen: Ausspähung des Gegenkandidaten, Reaktionen auf Presseverlautbarungen, dazu die gesteuerte Verbreitung von Nachrichten, Halbwahrheiten und vielleicht auch mal handfesten Lügen. Die Feindbeobachtung verzeichnet jeden Irrtum, kommentiert mit Verve jeden Ausrutscher und verbreitet genüsslich jede Trouvaille per Internet oder Nachrichtenagentur.

Seit der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich in der heißen Phase ist, wühlen die Spezialisten der gegnerischen Lager im Sumpf vergangener Beziehungen, fahnden nach finanziellen Fehltritten und streuen gezielt Desinformationen, um den Konkurrenten zu diskreditieren – willkommen zum Wettstreit der "Stinkbomben".

Die Schmutzarbeit machen andere

Natürlich versucht sich jeder der Konkurrenten als ehrbarer Politiker zu profilieren, jenseits plumper Verdächtigungen und fieser Tricks. Einen Wahlkampf "oberhalb jeder Mittelmäßigkeit" wolle sie führen, gelobt Ségolène Royal, UMP-Gegenspieler Nicolas Sarkozy verspricht immerzu eine "würdige und respektvolle Debatte" und wehrt sich gegen eine "Kampagne in der Gosse".

Die Schmutzarbeit machen andere. Das erste Mal wurden die UMP-Späher während der Nahost-Reise von Ségolène Royal im vergangenen Dezember aktiv, als die PS-Frau bei einem Besuch in Beirut nicht auf die Bemerkungen eines Hisbollah-Abgeordneten reagierte. Der Libanese hatte im Kreis anderer Parlamentarier die israelische Besatzung im Süden seiner Heimat mit der "Okkupation Frankreichs durch die Nazis" verglichen; ob die inkriminierte Aussage übersetzt wurde, blieb unklar – doch da war Madame Royal in den französischen Medien bereits als außenpolitischer Naivling abgestempelt.

Den Ruf förderte die Kandidatin forthin selbst durch politische Ungeschicklichkeiten während einer Reise nach Peking Anfang Januar. Ausgerechnet in der Volksrepublik, dem Land mit den weltweit meisten Hinrichtungen, entdeckte Royal positive Seiten am parteihörigen Rechtswesen. Die "chinesischen Gerichte sind schneller als die französischen", lobte sie kommunistische Willkürjustiz.

Zurück auf heimischen Boden, musste sich die Sozialistin bald mit Gerüchten herumschlagen, sie habe durch die Gründung einer dubiosen Immobiliengesellschaft versucht, die Zahlung einer Vermögenssteuer zu umgehen; der Vorwurf, der seit Monaten im Internet zirkuliert, geriet erst durch das Interview eines UMP-Politikers zur Polemik. In der Substanz war die Anschuldigung haltlos, aber in der Außendarstellung kratzte die Attacke am Bild der anspruchslosen, linken Volksvertreterin. Die perfekt abgestimmten Anwürfe trafen umso heftiger, als Royals Partner und PS-Generalsekretär François Hollande gerade mit Vorschlägen zu Steuererhöhungen für Schlagzeilen gesorgt hatte – bis er prompt von der erbosten Kandidatin dementiert wurde.

Royal dünnhäutig

Der Zwist zwischen den politisch wie privat verbandelten Spitzenkadern schuf die Vorraussetzungen für die nächste Betriebsstörung der sozialistischen Wahlkampfmaschine. Während einer TV-Debatte erklärte Arnaud Montebourg, einer der offiziellen Sprecher der Kandidatin: "Ségolène Royal hat nur einen Fehler und das ist ihr Lebensgefährte." Statt die Entgleisung als Scherz abzutun, reagierte die PS-Frau wie eine gestrenge Grundschullehrerin – Montebourg bekam für vier Wochen Redeverbot.

Der nachfolgende Schnitzer hätte zu normalen Zeiten wohl eher für Amüsement gesorgt: In der Vielzweckhalle von Domerat, einem eingeschneiten Dorf auf den Höhen des Zentralmassivs, wo die Sozialistin vorletzte Woche zur Debatte über Gesundheit und Umwelt antrat, überraschte sie die etwa 900 Zuhörer mit einem Gruß aus Kanada: "Ich habe gerade den Premier der Provinz Québec am Telefon gehabt", erzählte sie strahlend dem verblüfften Publikum, "er lässt sie alle ganz herzlich grüssen".

Das Publikum verstand und applaudierte. Denn wenige Tage zuvor hatte Royal einem Korrespondenten des kanadischen Fernsehens vor laufender Kamera erzählt, wie sehr sie die "Unabhängigkeit und Freiheit" der aufmüpfigen französischsprachigen Provinz schätze.

Peinlich, denn jenseits des Atlantiks wurde der Lapsus als anmaßende Aufforderung zur Sezession empfunden. Kanadas Regierung war "not amused", die "Einmischung" der Präsidentschaftskandidatin sorgte für handfesten diplomatischen Ärger. Der Anruf aus Québec kam Royal daher äußerst gelegen, signalisierte der telefonische Gruß doch offenbar - in Wirklichkeit sei alles halb so schlimm.

Auf Komiker hereingefallen

Pech für Ségolène: Das Gespräch mit dem Kollegen war der Ulk des bekannten französischen Komikers Gérald Dahan, der im perfekten Tonfall den breiten Akzent von Québecs Premier Jean Charest nachgeahmt hatte. Schlimmer noch – auf den Einwurf des vermeintlichen Politikers - "das ist so als hätten wir uns für die Unabhängigkeit Korsikas ausgesprochen", hatte die Sozialistin kichernd angemerkt: "Die meisten Franzosen wünschten sich das, aber wiederholen Sie das nicht, das würde für Wirbel sorgen."

Das tat es dann auch. "Royal in der Falle, die PS in Verlegenheit", titelte der "Figaro" und vom Boulevard-Blatt "France Soir" wurde Madame Royal wortspielerisch als "Königin der Bockschüsse" apostrophiert.

Zuvor hatte sie sich allerdings einen weiteren Lapsus geleistet: Royal, die im Élysée als Oberkommandierende der Streitkräfte über Frankreichs nukleare Streitmacht gebieten würde, outete sich während eines Radio-Interviews als Kandidatin mit klaffenden militärischen Wissenslücken. Während der Sendung "Fragen für einen Sieger" wurde sie von einem Hörer nach der Zahl der französischen Atom-U-Boote gefragt. "Eins", stotterte Madame verlegen. "Sieben", soufflierte der Moderator hilfsbereit und die PS-Frau murmelte "ach ja, sieben", ins Mikrofon. Tatsächlich besitzt die Nation vier nuklear bewaffnete Unterseeboote.

Für sich genommen war auch dieses Versehen nicht mehr als ein böser Fauxpas; doch die Serie der Ausrutscher gerät allmählich zur kritischen Masse - seit Wochen sinken die Umfragewerte für Ségolène Royal.

Die verblassende Ausstrahlung der Kandidatin, ihr auf Emotionen abzielender Wahlkampf außerhalb der Parteistrukturen und der Mangel an handfesten Vorschlägen, macht mittlerweile auch die PS-Hierarchen nervös. Die angezählte Kandidatin versprach Besserung: Deutlich früher als geplant, am 22. Februar, will Ségolène Royal ihr Programm vorstellen und sich damit als kompetente Anwärterin auf das höchste Staatsamt profilieren.

Die Pannen-Kampagne der Sozialistin ist Wasser auf die Propaganda-Mühlen von UMP-Mann Sarkozy. Der Innenminister, bislang ohne griffiges Rezept gegen die feminine Ausstrahlung von Madame Royal, glaubt derzeit sogar auf gezielte Attacken verzichten zu können. "Ich werde gewinnen, weil ich in der Substanz und in der Außendarstellung besser bin", tönte er Anfang des Monats und gibt seither den überlegenen Staatsmann – so wie diese Woche beim Besuch von Großbritanniens Premier Tony Blair.

Neuerdings kommt der Kandidat aber selbst wegen angeblich merkwürdiger Usancen unter Druck.

An Polit-Folklore gemahnte noch der Vorwurf an den Innenminister und selbsternannten "Obersten Polizisten Frankreichs", er habe mit übermäßigem personellen und materiellen Einsatz nach dem gestohlenen Motorroller seines Sohnes fahnden lassen: Tatsächlich wurden die Diebe nach einer aufwendigen Fahndung mit Gen-Tests überführt – bei monatlich mehr als tausend entwendeten Zweirädern im Großraum Paris ein eher ungewöhnlicher Aufwand.

Brisanter ist der Vorwurf, der UMP-Chef, der als Innenminister nicht nur den Urnengang organisiert, den er selbst gewinnen will, sondern auch über die Geheimdienste gebietet, nütze dies für seine Zwecke. So meldet der "Nouvel Observateur", Geheimdienstmitarbeiter hätten die Nachbarn von Sarkozys Wahlhauptquartier im zehnten Arrondissement überprüft. Der Kandidat hat angeblich von seinen Agenten auch den Umweltberater seiner Kontrahentin ausforschen lassen. Der "Canard Enchaîné", Frankreichs investigatives Wochenblatt will dazu noch herausgefunden haben, dass die Schlapphüte sich für den Immobilienbesitz des Paares Royal-Hollande interessiert haben.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Meldung, die vom Sarkozy-Lager umgehend dementiert wurde, sehen die Sozialisten in der Verquickung der hoheitlichen Aufgaben und mit den präsidialen Ambitionen einen Verstoß gegen geltendes Recht und forderten Sarkozy auf, sein Amt als Innenminister niederzulegen. Und weil der UMP-Kandidat sich erst in einigen Wochen von seinem Ministersessel trennen will, überlegt die PS-Führung jetzt die Anrufung des französischen Verfassungsrates.

Die Wahlkampfatmosphäre wird stinkig.



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