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06. August 2013, 09:00 Uhr

Frankreichs Präsident auf Tour

Die Ferien des Monsieur Hollande

Von , Paris

Das Land in der Krise - und der Regierungschef liegt auf der faulen Haut? Undenkbar, findet Frankreichs Präsident Hollande. So gibt sich der Sozialist geschäftig, stets um das Wohl seiner Landsleute bemüht. Die Strategie markiert eine radikale Abkehr von der Praxis seiner Amtsvorgänger.

Zum Wochenende über 800 Kilometer Stau auf den Autobahnen, überfüllte Züge, über den Badestränden liegt ein Geruch von Sonnenmilch und Barbecue: ein ganz normaler August in Frankreich. In der Hauptstadt ist die Stadtautobahn am Seine-Ufer mit Sand zugeschüttet, die Metropole feiert "Paris-Plage". Im Radio haben Spielshows und Quizsendungen die morgendlichen Informationen ersetzt, Unwetter, Hitze und Familiendramen bestimmen die Nachrichten.

Die Republik nimmt eine Auszeit von der Misere. Zwischen Ärmelkanal und Alpen, Atlantik und Mittelmeer räkelt sich die Nation in sommerlicher Duldungsstarre: Ganz Frankreich ist im Ferienmodus.

Ganz Frankreich? Nein! Während sich die Bevölkerung der verdienten Erholung hingibt, wacht im Elysée François Hollande über die Geschicke seiner Landsleute. Gut einmal in der Woche bricht er auf in die Provinz und überrascht die Urlauber mit frohen Botschaften zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, bescheidenen Rentenzuschlägen für Frankreichs Landwirte oder markigen Statements wider genmanipuliertes Saatgut. In Bistros, auf Märkten und Bauernhöfen demonstriert der Präsident nimmermüde Einsatzbereitschaft: "Arbeiten müssen wir täglich."

Runderneuertes Image für die laufende Saison

Mit der sommerlichen Offensive unterscheidet sich der Staatschef von seinen Amtsvorgängern: Sozialist François Mitterrand gab sich seinerzeit landesväterlich in seinem Landhaus in Latche und erlaubte sich heimliche Abstecher mit seiner Nebenfrau Anne Pingeot nach Venedig, Ägypten oder Südfrankreich. Jacques Chirac entspannte gerne in Saint-Tropez, der heimischen Corrèze oder in Marokko. Nicolas Sarkozy urlaubte auf der Yacht von reichen Freunden oder im amerikanischen Luxusresort Wolfeboro, bevor er, neuerlich verheiratet, dem Aktivurlaub frönte - Jogging oder Radfahren am Chateau Cap Nègre, dem südfranzösischen Familienstammsitz von Carla Bruni.

Vom Luxusgebaren seines Vorgängers wollte sich Hollande, angetreten als "normaler Präsident", ganz deutlich absetzten. Frisch gewählt versuchte er sich im vergangenen Sommer daher als schlichter Durchschnittsfranzose. Doch die Inszenierung seiner Bahnreise Richtung Atlantik und die Auftritte Hollandes in schlabbernden Bermuda-Shorts an der Seite seiner Gefährtin Valérie Trierweiler gerieten zum medialen Desaster. Zu sehr entpuppte sich die bemühte Bescheidenheit als Pose, die entlarvenden Strandfotos des nicht ganz gertenschlanken Staatschefs machten ihn zum Gespött seiner Landsleute.

Nach der misslungenen Episode des Sommers 2012 entwarfen die Kommunikationsstrategen für die laufende Saison daher ein völlig runderneuertes Image. Die Ferien des Monsieur Hollande werden als volksnahe Werbekampagne umgesetzt, zeigen den Präsidenten als umsichtigen Politiker, ganz nah an den Sorgen der Basis. Zunächst wurde die Presse auf das Thema eingestimmt, bei einem "privaten Dinner" mit mehr als hundert Journalisten warb der angezählte Präsident um seine bevorstehende politische Agenda. Die Einladung erwies sich als geschickter Schachzug, die humorvollen Einlassungen aus dem vermeintlichen Hintergrundgespräch wurden schon am Tag danach fleißig zitiert.

Hollandes Reisen durch die französische Provinz

Seither reist Hollande durch die Provinzen, erklärt bei der Einweihung eines Arbeitsamts in Clichy-sous-Bois seine bislang wenig erfolgreichen Bemühungen beim Kampf gegen die Jobverluste und verteidigt die satten Steuererhöhungen. Zugleich legt der Präsident bereits die Grundlagen für die bevorstehende Debatte um die Rentenreform. Diese, so orakelte bereits das Sonntagsblatt "Journal de Dimanche", werde im Herbst zum heißesten Thema des politischen Fahrplans.

Mit auf Tournee ist fast die ganze Kabinettsrunde, angefangen von Premier Jean-Marc Ayrault bis hin zu den Mitgliedern der zweiten Reihe. Aktivismus - bei Sarkozy einst getadelt - ist nun plötzlich angesagt. Seinen 38 Ministern empfahl der Staatschef beim letzten Ministerrat vor der Sommerpause, wenn Ferien gemacht würden, dann wenigstens in der Heimat. In Zeiten der Krise gelten teure Reisen nach Übersee als tabu - Staatsbesuche ausgenommen. So sind die Ressortvertreter mit Kommentaren zur Stelle, gleich ob es bei den Ereignissen um Zugunglücke geht, Bandenkriege oder ertrinkende Urlauber.

Auch Hollande bleibt in Habachtstellung, allenfalls erlaubt sich der Präsident einen Abstecher in den Jagdpavillon La Laterne, eine Staatsdatsche auf dem Gelände des Schlosses von Versailles. Schließlich befolgt der Sozialist offenbar selbst seine eigene Vorgabe an die Regierungselite: "Es kommt nicht in Frage, dass der Präsident den Eindruck vermittelt, er ruhe sich aus, während die Franzosen unter der Krise leiden."

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