Frankreichs Präsidentenwahl Ein Amt, zwei Visionen

Wer regiert Frankreich, mit welchem Ziel? Beim Finale um das Rennen zum Élysée gilt Emmanuel Macron als Favorit - vor Marine Le Pen. Enthaltungen oder eine schlechte Wahlbeteiligung könnten jedoch für eine Überraschung sorgen.
Le Pen und Macron

Le Pen und Macron

Foto: ERIC FEFERBERG/ POOL/ EPA/ REX/ Shutterstock

Schon am frühen Morgen lange Schlangen vor den Wahllokalen, reißender Absatz an den Zeitungskiosken und letzte Diskussionen auf dem Wochenmarkt oder am Tresen der Bistros: Die Entscheidung für den obersten Repräsentanten der V. Republik wird zum spannenden Endspurt.

Das Votum unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes, geschützt durch ein massives Aufgebot von Polizei, Militär und privaten Sicherheitskräften, betrifft nicht nur die nächsten fünf Jahre französischer Politik. Das Urteil an der Urne entscheidet zudem über die Zukunft Europas.

Emmanuel Macron, Führer der Bewegung "En Marche" (EM), geht dabei als Favorit in den zweiten Wahlgang gegen Marine Le Pen, Kandidatin des Front National (FN): Die letzten Umfragen vor dem offiziellen Schluss der Kampagne am Freitag sahen ihn mit gut 60 Prozent vor Le Pen mit etwa 40 Prozent.

Eine schwache Wahlbeteiligung oder ein Großteil von ungültigen oder leeren Stimmzetteln, so warnen Demoskopen, könnten jedoch ein Überraschungsresultat produzieren. "Die Enthaltung würde Marine Le Pen den Sieg bescheren", warnt Serge Galam, Experte am Politischen Forschungszentrum CEVIPOF. Galam, der den Wahlerfolg von Donald Trump in den USA voraussagte, sieht die Gefahr vor allem durch die Aufrufe zur Wahlenthaltung etwa unter dem Hashtag "Ohne mich am 7. Mai".

Das Ergebnis, das für 20 Uhr erwartet wird, zieht einen Schlussstrich unter eine quälende, oft bizarre Kampagne. Sie war geprägt von Enthüllungen, Skandalen, Finanzaffären. Die etablierten Parteien, zermürbt durch den Zwist über die politische Ausrichtung und personelle Führungsquerelen, wurden prompt beim ersten Wahlgang für das Präsidentschaftsrennen disqualifiziert.

Der Kampf um den Einzug in den Élysée war bestimmt durch Vorwürfe, Lügen und Fake News. Nicht der Wettstreit um Ideen und Programme stand im Vordergrund, sondern ein rhetorischer Grabenkrieg. Das wurde auch am vergangenen Mittwoch bei der Präsidentschaftsdebatte deutlich - ein 2,5-Stunden-TV-Showdown, geprägt von Demagogie, Schuldzuweisungen und Krawall. Der Tiefpunkt: Am späten Freitagabend meldeten die Mitarbeiter aus dem Pariser Hauptquartier der Bewegung von Macron, sie seien Opfer eines schweren Hackerangriffs geworden.

Spätestens seit dem ersten Wahlgang am 23. April ist jedoch klar, dass es für Frankreich - so der Titel des "Figaro" - um "einen entscheidenden Einsatz" geht. Auf dem Spiel stehen die Prinzipien der Demokratie: "Noch nie boten Finalisten zwei dermaßen radikal-unterschiedliche Visionen an für die Zukunft des Landes."

  • Marine Le Pen verspricht den Rückzug in ein nostalgisch verklärtes Frankreich, abgeschottet von dem Unbill internationaler Konflikte und der ökonomischen Herausforderung der Globalisierung: Die "zivilisatorische Ausnahmestellung" der Nation als gallisches Dorf hinter den Palisaden nationaler Demarkationslinien.
  • Emmanuel Macron hat sich von Le Pens "Kampagne der Angst" abgesetzt. Er will die Umsetzung der seit Jahrzehnten überfälligen Strukturreformen; Frankeich soll durch eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes fit für den Konkurrenzkampf des Weltmarktes gemacht werden. Zudem gelobt er, mit den monarchischen Usancen der Republik aufzuräumen: "Hartz-Reformen à la française", gepaart mit einer "geistig-moralischen Wende".

Zugespitzt wird die Abstimmung durch die beiden Persönlichkeiten: hier Macron, 39, der jugendlich-frische Shooting-Star, der binnen nur eines Jahres seine Bewegung "En Marche" als Alternative etablieren konnte.

Dort Le Pen, Tochter des Parteigründers, die den Front National mit weichgespülten Parolen äußerlich aus der rassistischen Schmuddelecke holte und den FN damit in den wählbaren Mainstream bugsierte.

Le Pens Kampagne richtete sich auf die "Vergessenen der Nation": Es sind die Bürger des "Frankreichs, dem es schlecht geht", die Arbeitslosen, Bauern, Kleinunternehmer. Es sind die Verlierer der Globalisierung, die sozial Ausgegrenzten der Vorstädte und der ländlichen Einzugsgebiete fern der Metropolen.

Le Pen hat dieses Wählersegment für sich gewinnen können, mit ökonomischen Rezepten eines "intelligenten Protektionismus" und der nostalgisch verklärten Rückkehr zur "nationalen Souveränität". Ergänzt wird dieser Staatssozialismus durch die Parolen, die Reizthemen aus dem Wörterbuch des Rechtsradikalismus: der immer wieder beschworenen Furcht vor einer "Woge der Immigration", "der kulturellen Überfremdung durch den Islam" und der steigenden Kriminalität.

Macron hat dieser "Kampagne der Angst" einen optimistischen Entwurf entgegengestellt: Die Zukunft gehört den "Progressiven" außerhalb der etablierten Parteien, den Mitgliedern seiner Bewegung "En Marche". Macron projiziert das Bild von einem modernen Frankreich, solidarisch verbunden mit den Nachbarn Europas - und fand damit Anklang in Brüssel und Berlin.

Die Vision von einem energischen "Ruck" überzeugte vor allem jene Wähler, die selbst als dynamisch und mobil gelten: die Intellektuellen, die Bewohner der Großstädte, die Vertreter der jungen, digitalen Generation - urban, links und im sozialen Aufzug bereits auf dem Weg nach oben.

Der Ex-Wirtschaftsminister hat sich vor dem zweiten Wahlgang daher um jene Schichten bemüht, die in ihm vor allem das Produkt der Eliteschulen und den Ex-Banker bei Rothschild sehen. Sinnbildlich daher sein Besuch bei streikenden Arbeitern in Amiens, wo er mit Buhrufen empfangen wurde - aber durch eine lange Diskussion Punkte für sich sammeln konnte.

"Ich habe die Wut der Franzosen verstanden", bekannte er seither bei den Wahlveranstaltungen. Sollte er gewählt werden, muss er den Worten auch Taten folgen lassen.