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Islamistischer Terrorismus in Frankreich Angst vor dem Einzeltäter

Die Terrorattacken in Toulouse und Montauban haben die Verletzlichkeit Frankreichs offenbart - Hinweise auf eine Gefahr von Anschlägen gab es aber schon länger. Das Land ist ins Visier von Islamisten gerückt, laut Geheimdienst werden rund zwei Mal pro Jahr mögliche Attacken verhindert.

An Warnungen vor Attentaten hatte es in Frankreich nicht gefehlt: Seit mehr als zwei Jahren sprechen Sicherheitsexperten von einem "erhöhten Risiko" für die Bürger der Nation. Bernard Squarcini, Chef des Inlandsgeheimdienstes, äußerte sich im vergangenen Jahr in einem Zeitungsinterview besonders deutlich: Das Land stehe nach den USA auf Platz zwei der Ziele für Attentate des Terrornetzwerks al-Qaida.

Frankreich, militärisch engagiert in Afghanistan und mit eigenen Soldaten präsent auf dem afrikanischen Kontinent, steht im Visier von muslimischen Extremisten. Die Anschläge in Toulouse und Montauban offenbaren die Verletzlichkeit des Landes.

Fast hundert Mal jährlich kommt in den Bahnhöfen der Hauptstadt Eisenbahnverkehr durch Sprengstoffalarm vorübergehend zum Erliegen. Anschlagsdrohungen gegen Pariser Wahrzeichen wie den Eiffelturm oder Knotenpunkte wie Flughäfen oder Metro-Stationen gehen beinahe täglich bei der Pariser Polizei ein.

Die Franzosen haben gelernt mit der Bedrohung zu leben, Wachsamkeit ohne Panik. Immer wieder kommt es in dem Land auch zu falschem Alarm, wenn vor herrenlosen Koffern oder Paketen gewarnt wird. Das Innenministerium nimmt die Vorfälle dennoch ernst: "Bei jedem falschen Alarm wird eine gerichtliche Untersuchung eröffnet", heißt es aus Polizeikreisen.

Hinweise auf mögliche Anschläge

Grund für die Vorsicht: Obwohl der letzte schwere Anschlag innerhalb der Landesgrenzen auf 1996 zurückgeht, existieren ernsthafte Gefahren für Bürger und Diplomaten im Ausland. Im August 2009 verletzte ein Selbstmordtäter zwei Militärs beim Versuch in die Botschaft Frankreichs in Mauretanien einzudringen. Immer wieder wurden Franzosen Opfer von Anschlägen oder Entführungen: Mal traf es humanitäre Helfer in Darfur, mal Journalisten in Afghanistan, mal einen Geheimdienstler in Somalia. Immer wieder wurden in Übersee arbeitende Franzosen auch von lokalen Terrorgruppen entführt und gefangen gehalten. So etwa auch im Sahel, wo die Gruppe "Al Qaida Islamischer Maghreb" (AQMI) operiert.

Selbst auf französischem Boden häuften sich die Hinweise auf mögliche Anschläge. In Italien festgenommene Mitglieder einer Qaida-Zelle sollen etwa 2008 ein Bombenanschlag auf den Pariser Flughafen Charles-de-Gaulles geplant haben. Ein klassisches Muster, kommentierte damals Roland Jacquard, Präsident des Internationalen Beobachtungszentrums für Terrorismus, der dahinter eine zunehmende Radikalisierung einiger zum Islam bekehrter Jugendlicher ausmachte. "Die Rekrutierung setzt bei der Jugend an, weil sie überzeugt sind, dass auf eine Anwerbung fünf andere folgen", so Jacquard: "Das Ziel der Werber ist ein schwaches Kettenglied auszumachen und es zu einem starken Mitglied zu machen."

So auch im Fall von Adlène Hicheur, einem Physiker am Forschungszentrum CERN in Genf. Angeheuert vom AQMI-Kadern, empfahl der Franzose den Sitz des 27. Bataillons der Alpinen Jäger als Ziel für einen Anschlag; 2008 hatte ein zum Islam konvertierter 29-Jähriger Attentatspläne mit einer Autobombe gegen ein Gebäude des Geheimdienstes in Levallois ausgearbeitet. Im Moment seiner Festnahme, so berichtete "Le Figaro" damals, war er gerade dabei, sich per Internet die nötigen Sprengstoff-Mengen zu beschaffen.

Das größte Risiko: der Einzeltäter

"Rund zwei Mal jährlich kommen wir einem Anschlag zuvor", bilanzierte im Sommer 2010 Bernard Sarqucini die Arbeit des Inlandgeheimdienstes DCRI, für den rund 3300 Männer und Frauen im Einsatz sind. Verstärkt wurde damals auch die Zusammenarbeit mit den anderen Zweigen von Spionage und Gegenspionage: Unter der Leitung des Elysée, wo ein nationaler Direktor die Anstrengungen der Terrorabwehr überwacht, wurde damals eine Akademie geschaffen, um bei regelmäßigen Treffen von Experten aus Zivilverwaltung und Militär den gemeinsamen Wissensstand abzugleichen.

Nach den Erkenntnissen der Fachleute droht die größte Gefahr nach wie vor von drei Quellen:

  • Zum einen von Terrorkommandos, die etwa aus Afghanistan oder Nordafrika gegen Ziele in Europa in Marsch gesetzt würden;
  • zum anderen von Franzosen, die in den Krisengebieten wie Irak, Jemen oder Somalia an Hochburgen der Dschihadisten im Umgang mit Sprengstoffen oder Waffen ausgebildet werden und dann nach Frankreich zurückkehrten.
  • Am unberechenbarsten bleibt jedoch die Aktion des Einzeltäters, so die Ermittler.

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