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US-Soldatinnen: Kampf in der ersten Reihe

Foto: Paula Bronstein/ Getty Images

US-Militär Die neuen Front-Frauen

Gleichberechtigung auch bei den Kampftruppen: Die USA machen Ernst, bis 2016 sollen Frauen alle Positionen im Militär offenstehen. Doch wie soll der Wandel ablaufen? Dem Land stehen harte Diskussionen bevor.

Jane O'Neil hat sich auf ein Experiment eingelassen. Weil Washingtons Politiker angeblich beweisen wollen, dass auch Frauen an vorderster Front kämpfen können, durchläuft sie die Ausbildung einer Navy-Eliteeinheit. Jane rasiert sich die Haare ab, wechselt in den Schlafraum der Männer, macht Liegestütze auf nur einem Arm. Sie lässt sich waterboarden, schlägt ihren Ausbilder zusammen und trinkt ein paar Schnäpse. Es läuft richtig gut.

Aber dann sagt ihr diese Senatorin in Washington, es sei alles gar nicht so gemeint. Jane an die Front? Das läuft nicht. Denn kein Politiker könne sich das Risiko leisten, dass Frauen in Leichensäcken aus dem Einsatz zurückkehrten. O'Neil lässt sich das natürlich nicht bieten, wird trotzdem Elitesoldatin und haut am Ende eine ganze Männer-Mannschaft beim Einsatz in der libyschen Wüste raus. Botschaft: Wenn es drauf ankommt, sind Frauen die besseren Männer.

Diese Szenen stammen nicht aus Washington im Jahr 2013, sondern sind original Hollywood 1997. Der Regisseur heißt Ridley Scott, der Film "G.I. Jane" und Demi Moore spielt die Hauptrolle. Alles Fiktion.

Bis jetzt jedenfalls. Denn Ende Januar hat US-Verteidigungsminister Leon Panetta die Aufhebung jener Regelung verkündet, die Frauen bislang die Teilnahme an Kampfeinsätzen der Bodentruppen verbietet; eine Zustimmung des Parlaments ist nicht nötig.

Zwei Drittel der US-Bürger befürworten den Einsatz von Frauen an der Front

Bis Januar 2016, so der Plan, sollen "alle Geschlechterbarrieren im US-Militär fallen". In der Bevölkerung kommt das gut an: Einer Umfrage des Senders ABC zufolge sprechen sich zwei Drittel der Amerikaner für Frauen an der Front aus. Unter den Männern sind es 65, unter den Frauen 66 Prozent.

Was aber bedeutet das konkret? Wird der Hollywood-Schinken jetzt Realität? Gehen die Frauen den Weg der Jane O'Neil? Am Ende sollen ihnen gut 230.000 bisher verweigerte Jobs offenstehen, wie bereitet sich das US-Militär darauf vor?

Im Pentagon geben sie sich abgeklärt. Jetzt würden erst einmal Vorschläge erarbeitet, heißt es. Bis Mai würden Pläne vorgelegt, wie man alle Einheiten für Frauen öffnen könne. Diese sollten dann bis Ende 2015 implementiert werden. Das macht eine Übergangsphase von nicht weniger als drei Jahren. Panettas Schwenk also ist weniger eine Revolution als eine Evolution. Zudem gilt: Das Militär kann Frauen den Zugang zu bestimmten Einheiten - etwa den Navy-Seals - weiterhin verwehren, wenn der Verteidigungsminister zustimmt.

Bei den Marines, der wohl bekanntesten Abteilung der US-Streitkräfte, dürfte sich Widerstand regen. Ohnehin sind dort nur sieben Prozent der Mitglieder weiblich, während die Quote beim US-Militär insgesamt bei 14 Prozent liegt. Schon im vergangenen Jahr ergab eine Umfrage unter 53.000 Marines, dass 17 Prozent der männlichen Befragten den Dienst wahrscheinlich quittieren würden, sollten Frauen zu den Kampftruppen aufrücken. Die Soldaten gaben als ihr Hauptbedenken an, dass ihnen fälschlicherweise sexuelle Belästigung vorgeworfen werden könnte. Dahingegen erklärten 34 Prozent der weiblichen Befragten, sie würden sich freiwillig zur kämpfenden Truppe melden.

Fakt ist: Während der Kriege in Afghanistan und im Irak sind Frauen immer wieder ins Kampfgeschehen verwickelt worden - ganz egal, welche Regeln in Washington festgelegt wurden. Insgesamt 152 Frauen sind seit 2001 in Amerikas Kriegen gestorben. Im Repräsentantenhaus sitzt seit diesem Januar Tammy Duckworth. Die 44-jährige Hubschrauberpilotin - in der Air Force dürfen Frauen seit den neunziger Jahren Kampfeinsätze fliegen - verlor beide Beine, als ihr "Black Hawk"-Helikopter im November 2004 über dem Irak beschossen wurde und abstürzte.

Acht Klimmzüge für die Frauen, 20 für die Männer

Doch was ist mit den generellen physischen Nachteilen von Frauen gegenüber Männern? Was mit den meist obligatorischen Fitnesstests beim Militär? Schon gibt es laut NBC Bestrebungen im Parlament, per Gesetz festzuschreiben, dass die Standards nicht für Frauen abgesenkt werden können. Nicht nötig, sagt Generalstabschef Martin Dempsey: "Wir stellen sicher, dass wir die passenden Standards für die entsprechenden Jobs haben, um die Einsatzbereitschaft der Kräfte zu gewährleisten." Mehrfach hat das Pentagon erklärt, die Standards nicht abzusenken.

Zudem sind in den vergangenen Jahrzehnten die physischen Mindestanforderungen an Frauen stets gewachsen. Doch noch immer gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und daran, so berichtet die "New York Times", soll sich auch erst einmal nichts ändern. Selbst die hartgesottenen Marines machen deutliche Unterschiede: So müssen Frauen acht, Männer 20 Klimmzüge schaffen, um die Top-Wertung zu erreichen. In der US-Armee muss ein 17- bis 26-jähriger Mann laut der Zeitung zwei Meilen in weniger als 15 Minuten, 55 Sekunden laufen und mindestens 42 Liegestützen schaffen. Eine gleichaltrige Frau hat für die zwei Meilen maximal 18 Minuten, 54 Sekunden Zeit und muss mindestens 19 Liegestütze machen.

Im Kampf um Leben und Tod aber könnten andere Dinge entscheidend sein, die sowohl Mann als auch Frau beherrschen müssen. Greg Jacob vom Service Women's Action Network, das für die Gleichberechtigung im Militär wirbt, sagte der "New York Times", das Geschlecht spiele keine Rolle, wenn man eine Handgranate 15 Meter weit werfen müsse: "Wenn eine Frau nur zehn Meter schafft, dann wird sie sterben."

Egal ob Mann oder Frau - am Ende komme es darauf an, die Leute als Individuen zu sehen, meint Martha McSally. Die 46-Jährige war in den neunziger Jahren die erste Kampfjet-Pilotin der USA. Seit Jahren kämpft die Republikanerin aus Arizona für die Gleichberechtigung der Frauen beim Militär: Die Geschlechter seien mitunter schwer zu vergleichen, man solle sich mal einen Spargeltarzan neben den Tennis-Spielerinnen Serena und Venus Williams vorstellen, sagte sie auf Foxnews. Nein, Männer und Frauen gleichermaßen müssten die Positionen bekommen, für die sie geeignet seien, "basierend auf ihren physischen und intellektuellen Möglichkeiten, ihren Führungsqualitäten und ihrem Talent", sagte sie.

Kolumnistin Sally Quinn von der "Washington Post" schreibt, "einige Frauen sollten in den Kampf ziehen und andere nicht; genauso wie einige Männer in den Kampf ziehen sollten und andere nicht". Bei Verteidigungsminister Panetta klingt das so: "Nicht jeder kann zur Kampftruppe kommen, aber jeder sollte die Chance dazu haben."