Frauen im Irak "Sie halten uns wie Tiere"

Aus Rawah berichtet

2. Teil: Wie ein Bauunternehmer mit seinen beiden Frauen mittels Glühbirnen kommuniziert


Welchen geringen Wert die Frauen hier haben, geben Männer beim Tee in geselliger Runde auf der Polizeistation unumwunden zu. Abu Bashir, ein lokaler Bauunternehmer, will demnächst das Parteibüro für die Partei "Erwachen der Sunniten" in Rawah eröffnen. Fast täglich sitzt er beim Polizeichef auf der Couch, wichtige Kontakte wollen gepflegt werden. Seine Geschichte von der kaputten Glühbirne hat er schon so oft erzählt, dass die anderen Honoratioren der Stadt die Augen rollen, als er wieder damit anfängt.

Abu Bashir hat die ewigen Streitereien zwischen seinen beiden Ehefrauen satt, erzählt er nur zu gern noch mal. Seine alte Frau sei nicht glücklich, dass Abu Bashir eine 16-Jährige zur Zweitfrau genommen habe. Sie neide der Jüngeren die Gunst des gemeinsamen Ehemanns. Um endlich Ruhe zu haben, habe der zweifache Gatte deshalb Lampen in den jeweiligen Zimmern der Ehefrauen installiert. Die Schalter dazu seien in seinem Zimmer angebracht. Leuchte ihre Lampe auf, wisse die gemeinte Frau, dass sie heraus kommen und ihm zu Diensten sein soll, sagt Abu Bashir und lacht in Vorfreude auf seine lang erprobte Pointe. "Was meine alte Frau nicht weiß: In ihre Lampe habe ich eine kaputte Glühbirne geschraubt, die kann lange warten, bis ich sie rufe."

"Sie halten uns wie Tiere"

Die erste Frau von Abu Bashir ist dem alten Herrn nach all den Geburten zu gebrechlich, zu unattraktiv geworden. Dass seine neue Frau ein reines Lustobjekt ist, gibt er offen zu. In seiner Welt werden 16-Jährige nicht gefragt, ob sie für den Rest ihres Lebens einem fast viermal so alten Mann zu Willen sein wollen.

"Sie halten uns wie Tiere", sagt Jenny. Die Irakerin, deren richtiger Name anders lautet, arbeitet als Übersetzerin für die US-Marines. Jenny ist Mitte dreißig und nicht verheiratet. "Ich habe meinem Vater immer gesagt, dass ich mich eher umbringe, als mich einem Araber unterzuordnen", sagt sie. Der Vater duldete das nur, weil es ihm zugutekam, erzählt Jenny: Als Lehrerin mit vielen Nebenjobs habe sie vor dem Krieg gutes Geld verdient. Ihr Einkommen lieferte sie stets bis auf den letzten Dinar beim Vater ab. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ist das Leben schwieriger, sagt auch Jenny. "Die Männer wurden brutaler."

Ehrenmord mit Schüssen in Stirn und Brust

Jenny berichtet über einen Fall in der Nachbarschaft. Ein junges Mädchen war verheiratet worden, doch in der Hochzeitsnacht blieb das Laken unbefleckt. Der Bräutigam reklamierte beim Brautvater. Seine Braut sei schon vor der Hochzeit keine Jungfrau mehr gewesen. Außer sich vor Zorn tötete der Vater seine Tochter mit Schüssen in Stirn und Brust. Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, fand heraus, dass das Mädchen sehr wohl noch unberührt gewesen war. "Es hat von Natur aus nicht geblutet bei ihr, trotzdem ist sie tot", sagt Jenny. "Wir Frauen im Irak brauchen Menschenrechte, nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag."

Auch Sara und Rasha wissen von Ehrenmorden zu berichten. Sachlich erläutern sie die Regeln, nach denen die Männer die Ehre des Clans mit einem Mord reinzuwaschen glauben. Hätten ein Mann und eine Frau eine Beziehung und die Familie der Frau erfahre davon, steht das Leben der Liebenden auf dem Spiel. "Wenn sie noch nicht verheiratet ist, und er sie sofort zu seiner Erst- oder Nebenfrau macht, ist die Ehre wiederhergestellt." Falls nicht, sagt Rasha, sei die Sache klar: "Kill" - dann zieht sie in eindeutiger Geste die Handkante über die Kehle.

Natürlich gibt es in Rawah auch glückliche Paare, Liebesheiraten, monogame Beziehungen. Das betonen besonders die jungen, gut ausgebildeten Polizei-Offiziere, die wie viele Männer abends bei ihrem Chef zum Tee erscheinen. Wenn die alten Herren laut darüber nachdenken, ob sie nicht doch noch eine Drittfrau nehmen sollten, ist das den Jungen augenscheinlich peinlich. "Ich würde niemals eine Zweitfrau nehmen. Ich liebe meine Frau, das würde ich ihr nicht zumuten", sagt Captain Ghassan.

Für die Alten ist es noch ein Statussymbol, für die Jungen schon ein Relikt aus einer anderen Ära, über das man den Kopf schüttelt. "Wenn ich als Frau im Irak geboren worden wäre, würde ich auf den nächsten Turm klettern und herunterspringen", sagt Ramsi eines Abends. Ramsi stammt aus einer der großen Metropolen des Südirak, er dolmetscht für die US-Marines. Seit eineinhalb Jahren ist er in Rawah stationiert, in der irakischen Provinz. In den Städten sei der Irak ganz anders, viel moderner, behauptet er. Für Sara, Rasha und Jenny dürfte das nur ein kleiner Trost sein.

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