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22. Dezember 2007, 18:00 Uhr

Frauen im Irak

"Sie halten uns wie Tiere"

Aus Rawah berichtet

Straßensperren, die Gebärende auf dem Weg zur Klinik aufhalten, frustrierte Männer, die ihre Ehefrauen schlagen und demütigen - die Situation der Frauen im Irak wird trotz verbesserter Sicherheitslage von Tag zu Tag schlechter.

Rawah - Als ihr Bruder heiraten wollte, war es auch für Sara wieder Zeit. Seit ihr erster, ungeliebter Ehemann ein paar Jahre zuvor gestorben war, hatte die Lehrerin aus dem nordirakischen Rawah bei ihrem Bruder gewohnt. Der wollte seine Ruhe und schaffte sich die Schwester auf traditionelle irakische Art vom Hals: Er verheiratetet sie.

Sara wurde nicht gefragt, genauso wenig wie bei ihrer ersten Hochzeit. Seit fünf Jahren fristet sie ein trostloses Leben als Zweitfrau. Ihr Mann schlägt sie, mit der Dritten im ehelichen Bunde versteht sie sich nicht. "Wir sind wie Streichholz und Feuer", sagt die 32-Jährige über die erste Frau ihres Mannes. Nachwuchs, der Glück in ihr Leben bringen könnte, hat Sara nicht. Ihr inzwischen arbeitsloser Mann hat mit seiner ersten Frau drei Kinder, mit ihr keine. Sara soll Geld verdienen. Im Gefüge ihrer neuen Familie ist ihr allein die Rolle der Arbeitsbiene zugedacht.

Umgerechnet 120 Euro bringt Sara als Lehrerin nach Hause. Das Geld ernährt die Familie knapp, mit ihm zieht ihre Rivalin ihre Kinder groß. Ob sie das fair findet? "Was sollen wir Frauen machen, so will es die Tradition", sagt Sara. Eine Scheidung kommt für sie nicht in Frage, auch wenn die Möglichkeit im Koran vorgesehen ist. "Mein Mann würde das nicht zulassen", sagt sie. "Die Männer im Irak haben nun mal eine komplexe Mentalität." Darin könnte sich Sara irren: Die Mentalität der irakischen Männer scheint zumindest hier auf dem Lande eher simpel als komplex. Männer sind die Herren und Gebieter, Frauen haben nichts zu melden.

Es ist für eine westliche Reporterin kaum möglich, in Ruhe mit den Frauen von Rawah reden. Allein Frauen zu finden ist keine leichte Aufgabe in der Kleinstadt in der Provinz al-Anbar. Den weiblichen Anteil der 25.000 Einwohner bekommt man kaum zu sehen, denn Frauen sind so gut wie ausgeschlossen vom öffentlichen Leben. Die wenigen, die in Grüppchen auf dem Markt Besorgungen machen, wenden sich ab, wenn sie eine US-Patrouille sehen. Blickkontakt zwischen nicht verwandten Männern und Frauen ist tabu in Iraks erzkonservativer Provinz. Wir treffen Sara schließlich in der Frauenabteilung des Krankenhauses. Ihre Mutter ist schwer krank, ums Bett haben sich eine gutes Dutzend Töchter, Schwestern, Nichten geschart.

Straßensperren gefährden Schwangere

Die Situation der Frauen im Irak wird von Tag zu Tag schlechter. Erst machte der Krieg, dann der lange, blutige Aufstand gegen die Amerikaner den Frauen das Leben schwer. Paradoxerweise hat die verbesserte Sicherheitslage der letzten Monate es nicht leichter gemacht. "Wir verstehen, dass es viele Straßensperren geben muss, aber es wird für die Gebärenden immer schwieriger, rechtzeitig zum Krankenhaus zu kommen", sagt Saras Freundin Rasha. Sie habe bei ihrer letzten Geburt zwölf Stunden auf das Ende einer Ausgangssperre warten müssen, wirft eine Beduinenfrau vom Nebenbett ein. Die letzten paar Stunden habe eine Hand ihres Babys schon aus ihr herausgeschaut.

Das wahre Problem der Frauen aber sei der Frust der Männer, sagt Sara. Viele hätten keine Arbeit, säßen zu Hause und ließen ihren Zorn an ihren Frauen aus. Sara und Rasha wissen, dass es solche Fälle auch in Europa gibt. "Aber dort ist es die Ausnahme, hier die Regel. Es wird von einem arabischen Mann erwartet, dass er seine Frauen schlägt, das gehört sich so", sagt Rasha. Natürlich schlage ihr Mann sie und ihre drei Kinder. Rasha lacht: Was Europäerinnen für komische Fragen stellen. Dass ihr Mann ihr nicht erlaubt zu arbeiten, ist für sie normal. Früher habe er einfach nur Nein gesagt, heute gebe er immerhin eine Erklärung ab. Es sei zu gefährlich für eine Frau, allein auf die Straße zu gehen, überhaupt blieben Frauen in Zeiten wie diesen am besten permanent im Haus. "Das sagen viele Männer", sagt die 32-Jährige. Der Krieg als Rechtfertigung der Unterdrückung.

Wie ein Bauunternehmer mit seinen beiden Frauen mittels Glühbirnen kommuniziert

Welchen geringen Wert die Frauen hier haben, geben Männer beim Tee in geselliger Runde auf der Polizeistation unumwunden zu. Abu Bashir, ein lokaler Bauunternehmer, will demnächst das Parteibüro für die Partei "Erwachen der Sunniten" in Rawah eröffnen. Fast täglich sitzt er beim Polizeichef auf der Couch, wichtige Kontakte wollen gepflegt werden. Seine Geschichte von der kaputten Glühbirne hat er schon so oft erzählt, dass die anderen Honoratioren der Stadt die Augen rollen, als er wieder damit anfängt.

Abu Bashir hat die ewigen Streitereien zwischen seinen beiden Ehefrauen satt, erzählt er nur zu gern noch mal. Seine alte Frau sei nicht glücklich, dass Abu Bashir eine 16-Jährige zur Zweitfrau genommen habe. Sie neide der Jüngeren die Gunst des gemeinsamen Ehemanns. Um endlich Ruhe zu haben, habe der zweifache Gatte deshalb Lampen in den jeweiligen Zimmern der Ehefrauen installiert. Die Schalter dazu seien in seinem Zimmer angebracht. Leuchte ihre Lampe auf, wisse die gemeinte Frau, dass sie heraus kommen und ihm zu Diensten sein soll, sagt Abu Bashir und lacht in Vorfreude auf seine lang erprobte Pointe. "Was meine alte Frau nicht weiß: In ihre Lampe habe ich eine kaputte Glühbirne geschraubt, die kann lange warten, bis ich sie rufe."

"Sie halten uns wie Tiere"

Die erste Frau von Abu Bashir ist dem alten Herrn nach all den Geburten zu gebrechlich, zu unattraktiv geworden. Dass seine neue Frau ein reines Lustobjekt ist, gibt er offen zu. In seiner Welt werden 16-Jährige nicht gefragt, ob sie für den Rest ihres Lebens einem fast viermal so alten Mann zu Willen sein wollen.

"Sie halten uns wie Tiere", sagt Jenny. Die Irakerin, deren richtiger Name anders lautet, arbeitet als Übersetzerin für die US-Marines. Jenny ist Mitte dreißig und nicht verheiratet. "Ich habe meinem Vater immer gesagt, dass ich mich eher umbringe, als mich einem Araber unterzuordnen", sagt sie. Der Vater duldete das nur, weil es ihm zugutekam, erzählt Jenny: Als Lehrerin mit vielen Nebenjobs habe sie vor dem Krieg gutes Geld verdient. Ihr Einkommen lieferte sie stets bis auf den letzten Dinar beim Vater ab. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ist das Leben schwieriger, sagt auch Jenny. "Die Männer wurden brutaler."

Ehrenmord mit Schüssen in Stirn und Brust

Jenny berichtet über einen Fall in der Nachbarschaft. Ein junges Mädchen war verheiratet worden, doch in der Hochzeitsnacht blieb das Laken unbefleckt. Der Bräutigam reklamierte beim Brautvater. Seine Braut sei schon vor der Hochzeit keine Jungfrau mehr gewesen. Außer sich vor Zorn tötete der Vater seine Tochter mit Schüssen in Stirn und Brust. Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, fand heraus, dass das Mädchen sehr wohl noch unberührt gewesen war. "Es hat von Natur aus nicht geblutet bei ihr, trotzdem ist sie tot", sagt Jenny. "Wir Frauen im Irak brauchen Menschenrechte, nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag."

Auch Sara und Rasha wissen von Ehrenmorden zu berichten. Sachlich erläutern sie die Regeln, nach denen die Männer die Ehre des Clans mit einem Mord reinzuwaschen glauben. Hätten ein Mann und eine Frau eine Beziehung und die Familie der Frau erfahre davon, steht das Leben der Liebenden auf dem Spiel. "Wenn sie noch nicht verheiratet ist, und er sie sofort zu seiner Erst- oder Nebenfrau macht, ist die Ehre wiederhergestellt." Falls nicht, sagt Rasha, sei die Sache klar: "Kill" - dann zieht sie in eindeutiger Geste die Handkante über die Kehle.

Natürlich gibt es in Rawah auch glückliche Paare, Liebesheiraten, monogame Beziehungen. Das betonen besonders die jungen, gut ausgebildeten Polizei-Offiziere, die wie viele Männer abends bei ihrem Chef zum Tee erscheinen. Wenn die alten Herren laut darüber nachdenken, ob sie nicht doch noch eine Drittfrau nehmen sollten, ist das den Jungen augenscheinlich peinlich. "Ich würde niemals eine Zweitfrau nehmen. Ich liebe meine Frau, das würde ich ihr nicht zumuten", sagt Captain Ghassan.

Für die Alten ist es noch ein Statussymbol, für die Jungen schon ein Relikt aus einer anderen Ära, über das man den Kopf schüttelt. "Wenn ich als Frau im Irak geboren worden wäre, würde ich auf den nächsten Turm klettern und herunterspringen", sagt Ramsi eines Abends. Ramsi stammt aus einer der großen Metropolen des Südirak, er dolmetscht für die US-Marines. Seit eineinhalb Jahren ist er in Rawah stationiert, in der irakischen Provinz. In den Städten sei der Irak ganz anders, viel moderner, behauptet er. Für Sara, Rasha und Jenny dürfte das nur ein kleiner Trost sein.

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