Frauen im Irak "Sie halten uns wie Tiere"

Straßensperren, die Gebärende auf dem Weg zur Klinik aufhalten, frustrierte Männer, die ihre Ehefrauen schlagen und demütigen - die Situation der Frauen im Irak wird trotz verbesserter Sicherheitslage von Tag zu Tag schlechter.

Aus Rawah berichtet


Rawah - Als ihr Bruder heiraten wollte, war es auch für Sara wieder Zeit. Seit ihr erster, ungeliebter Ehemann ein paar Jahre zuvor gestorben war, hatte die Lehrerin aus dem nordirakischen Rawah bei ihrem Bruder gewohnt. Der wollte seine Ruhe und schaffte sich die Schwester auf traditionelle irakische Art vom Hals: Er verheiratetet sie.

Sara wurde nicht gefragt, genauso wenig wie bei ihrer ersten Hochzeit. Seit fünf Jahren fristet sie ein trostloses Leben als Zweitfrau. Ihr Mann schlägt sie, mit der Dritten im ehelichen Bunde versteht sie sich nicht. "Wir sind wie Streichholz und Feuer", sagt die 32-Jährige über die erste Frau ihres Mannes. Nachwuchs, der Glück in ihr Leben bringen könnte, hat Sara nicht. Ihr inzwischen arbeitsloser Mann hat mit seiner ersten Frau drei Kinder, mit ihr keine. Sara soll Geld verdienen. Im Gefüge ihrer neuen Familie ist ihr allein die Rolle der Arbeitsbiene zugedacht.

Umgerechnet 120 Euro bringt Sara als Lehrerin nach Hause. Das Geld ernährt die Familie knapp, mit ihm zieht ihre Rivalin ihre Kinder groß. Ob sie das fair findet? "Was sollen wir Frauen machen, so will es die Tradition", sagt Sara. Eine Scheidung kommt für sie nicht in Frage, auch wenn die Möglichkeit im Koran vorgesehen ist. "Mein Mann würde das nicht zulassen", sagt sie. "Die Männer im Irak haben nun mal eine komplexe Mentalität." Darin könnte sich Sara irren: Die Mentalität der irakischen Männer scheint zumindest hier auf dem Lande eher simpel als komplex. Männer sind die Herren und Gebieter, Frauen haben nichts zu melden.

Es ist für eine westliche Reporterin kaum möglich, in Ruhe mit den Frauen von Rawah reden. Allein Frauen zu finden ist keine leichte Aufgabe in der Kleinstadt in der Provinz al-Anbar. Den weiblichen Anteil der 25.000 Einwohner bekommt man kaum zu sehen, denn Frauen sind so gut wie ausgeschlossen vom öffentlichen Leben. Die wenigen, die in Grüppchen auf dem Markt Besorgungen machen, wenden sich ab, wenn sie eine US-Patrouille sehen. Blickkontakt zwischen nicht verwandten Männern und Frauen ist tabu in Iraks erzkonservativer Provinz. Wir treffen Sara schließlich in der Frauenabteilung des Krankenhauses. Ihre Mutter ist schwer krank, ums Bett haben sich eine gutes Dutzend Töchter, Schwestern, Nichten geschart.

Straßensperren gefährden Schwangere

Die Situation der Frauen im Irak wird von Tag zu Tag schlechter. Erst machte der Krieg, dann der lange, blutige Aufstand gegen die Amerikaner den Frauen das Leben schwer. Paradoxerweise hat die verbesserte Sicherheitslage der letzten Monate es nicht leichter gemacht. "Wir verstehen, dass es viele Straßensperren geben muss, aber es wird für die Gebärenden immer schwieriger, rechtzeitig zum Krankenhaus zu kommen", sagt Saras Freundin Rasha. Sie habe bei ihrer letzten Geburt zwölf Stunden auf das Ende einer Ausgangssperre warten müssen, wirft eine Beduinenfrau vom Nebenbett ein. Die letzten paar Stunden habe eine Hand ihres Babys schon aus ihr herausgeschaut.

Das wahre Problem der Frauen aber sei der Frust der Männer, sagt Sara. Viele hätten keine Arbeit, säßen zu Hause und ließen ihren Zorn an ihren Frauen aus. Sara und Rasha wissen, dass es solche Fälle auch in Europa gibt. "Aber dort ist es die Ausnahme, hier die Regel. Es wird von einem arabischen Mann erwartet, dass er seine Frauen schlägt, das gehört sich so", sagt Rasha. Natürlich schlage ihr Mann sie und ihre drei Kinder. Rasha lacht: Was Europäerinnen für komische Fragen stellen. Dass ihr Mann ihr nicht erlaubt zu arbeiten, ist für sie normal. Früher habe er einfach nur Nein gesagt, heute gebe er immerhin eine Erklärung ab. Es sei zu gefährlich für eine Frau, allein auf die Straße zu gehen, überhaupt blieben Frauen in Zeiten wie diesen am besten permanent im Haus. "Das sagen viele Männer", sagt die 32-Jährige. Der Krieg als Rechtfertigung der Unterdrückung.

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