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28. Mai 2012, 12:54 Uhr

Interview mit Aufsichtsrätin

"Es stört mich nicht, Quotenfrau zu sein"

40 Prozent der Aufsichtsratposten börsennotierter Firmen müssen in Norwegen mit Frauen besetzt sein. Elin Karfjell hat von diesem Gesetz profitiert. Im Interview erklärt die Managerin, dass die Bestimmung kein Geschenk an die Frauen ist - und warum sie das Stigma der Quote nicht fürchtet.

Oslo - Elin Karfjell hat Erfahrung damit, allein unter Männern zu sein: Als Partnerin in der Unternehmensberatung Arthur Anderson, als Finanzvorstand der IT-Firma Atea. Die 47-jährige Geschäftsfrau ist eine von Norwegens Top-Managerinnen, als Geschäftsführerin der Unternehmensberatung und Personalfirma Fabi hat sie den Weg an die Spitze ohne Quote geschafft. Und dennoch hält sie das Gesetz, das norwegischen Unternehmen seit dem Jahr 2008 vorschreibt, dass 40 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt sind, für richtig.

In Deutschland heißt es bei den Skeptikern häufig, eine Quote würde Frauen stigmatisieren. Familienministerin Kristina Schröder, die gegen ein Quotengesetz kämpft, hält eine Regelung nur für Aufsichtsräte außerdem für wirkungslos. Das sei nur Symbolpolitik, sagte die CDU-Frau im SPIEGEL. Die Norwegerin Karfjell hat ganz andere Erfahrungen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Karfjell, seit das norwegische Parlament 2003 das Quoten-Gesetz verabschiedet hat, sind sie in zwei Aufsichtsräte berufen worden. Sind Sie also eine Quotenfrau?

Karfjell: Wer mich so nennen will, soll es tun. Das stört mich nicht. Ich finde nicht, dass es ein Stigma ist, wegen der Quote in einen Aufsichtsrat gekommen zu sein. Fakt ist doch: Wir Frauen sind deshalb früher nicht in die höchsten Etagen gelangt, weil die vielen Männer dort fast nur Männer kannten. Dann haben sie eben Männer gefragt. Durch die Quote mussten sie sich nach qualifizierten Frauen umsehen - und es war kein Problem sie zu finden. Die 40 Prozent sind erfüllt. Für mich ist wichtig zu wissen: Ich habe mit meiner Erfahrung etwas Wertvolles beizutragen - mit welchem Klischee mich andere dabei belegen wollen, ist unwichtig.

SPIEGEL ONLINE: Die Quote in Aufsichtsräten ist nur ein Symbol, meinen Kritiker. Denn in den norwegischen Chefetagen sitzen weiterhin nur wenige Frauen.

Karfjell: Es gibt mehrere Kritikpunkte an der Quote. Aber: In einem Aufsichtsrat zu sitzen bedeutet, gesehen zu werden. Ich konnte darüber mein Netzwerk verdichten und habe mich beruflich weiterentwickelt. Gerade die Kontakte und das Gesehenwerden, sind etwas Elementares, das Frauen oft unterschätzen. Ich bin optimistisch, dass die Quote für Aufsichtsräte mittelfristig auch dazu führen wird, dass es mehr Topmanagerinnen geben wird. Im Übrigen war die Quote nicht ein Gefallen an die Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Karfjell: Die Umsetzung des Quotengesetzes fiel in Norwegen in die Zeit, als die Weltwirtschaft abstürzte, eine Periode, die auch noch unter dem Eindruck der Bilanzskandale zu Beginn dieses Jahrhunderts stand. Es gab plötzlich strengere Bilanzierungsregeln. Und deshalb waren Mitarbeiter gefragt, die auch Erfahrungen im administrativen Bereich hatten. Davon gibt es sehr viele Frauen - Männer sind häufiger im operativen Bereich. Die Aufsichtsräte brauchten uns also.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die Quote ausgeweitet werden, etwa auf die Vorstandsebene großer Konzerne?

Karfjell: Nein. In den Vorständen geht es um viel spezifischere Qualifikationen, im Tagesgeschäft müssen die Firmenleitungen schnell und frei auswählen können. Die Zeit muss jetzt zeigen, wie sich die Quote in den Aufsichtsräten auf die Manageretagen auswirkt, es ist noch nicht viel Zeit vergangen. Im Übrigen bin ich total gegen all diese Kurse, die Frauen beibringen sollen, wie sie zu guten Managerinnen oder Aufsichtsrätinnen werden. Das mag widersprüchlich klingen, weil ich für die Quote in Aufsichtsräten bin. Aber solche Programme sagen aus: Entweder Frauen sind nicht qualifiziert oder aber sie haben Angst, ihre Meinung gegenüber Männern zu vertreten. Ich empfinde das als demütigendes Hilfsprogramm. Wenn es um Schulungen in gutem Wirtschaften geht, dann geht das nicht nur Frauen etwas an. Ich finde: Wir haben mit den Aufsichtsratquoten nun unsere Chance. Lasst sie uns nutzen, lasst uns die Verantwortung annehmen und auch den Druck, der mit Top-Management-Positionen einher geht!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Fabi - waren eine der ersten Frauen, die Partner bei "Arthur Andersen" in Norwegen wurden. Wie fühlen Sie sich jetzt mit mehr Frauen an der Seite?

Karfjell: Ich bin es eigentlich leid, über Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu reden. Es gibt keine andere Auffassung davon, Geschäfte zu machen. Aber es gibt Unterschiede im Verhalten. Und das wird noch deutlicher, seit ich unter mehr Frauen sitze. Ich habe in meiner Karriere nie wirklich Vorurteile gespürt oder die so oft zitierte gläserne Decke. Aber natürlich habe ich erlebt, dass Männer leichter mit Männern reden, dass es einfacher ist, als Mann mit seinem männlichen Chef ein Bier zu trinken und dabei über den Job zu reden. Fragt eine Frau nach einem gemeinsamen Bier, bekommt es immer gleich einen Touch von Rendezvous. Und ich musste auch lernen mit der Art vieler Männer umzugehen, ständig ihre Erfolge herauszustellen. Das machen Frauen einfach weniger. Genauso wie Männer seltener Fehler oder Fehleinschätzungen einräumen. Sie tun dann einfach so, als hätten sie nie etwas anderes gesagt - auch wenn sich ihre Meinung um 180 Grad gedreht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie überlebt man da?

Karfjell: In einigen Sachen habe ich mich angepasst. Man kann solche Regeln nicht total ignorieren. Also habe ich auch einfach in Konferenzen etwas gesagt, obwohl es eigentlich nichts zu sagen gibt, nur um des Hörenwillen. Wie Männer es oft tun.

Das Interview führte Anna Reimann

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