"Freie Syrische Armee" Der Hass der Grenzkrieger

Erst dienten sie dem Regime, jetzt bekämpfen sie es: Im Süden der Türkei operieren Einheiten der "Freien Syrischen Armee". Angetrieben vom Hass auf Assad schleichen sie sich über geheime Pfade in ihr Heimatland und attackieren die Soldaten des Diktators. Einblick in die Truppe der Überläufer.

REUTERS

Von der türkisch-syrischen Grenze berichtet 


Die Befehlskette des Widerstands endet bei Schafik, 20 Jahre alt, Bayern-München-Fan. Bis vor vier Wochen tat er Dienst in der Armee von Baschar al-Assad, sollte auf Demonstranten schießen, auf Männer, Frauen, Kinder. Jetzt wartet er auf den Marschbefehl, um gegen die ehemaligen Kameraden in den Krieg zu ziehen.

Als der Arabische Frühling in Syrien ankommt, vor gut einem Jahr, ist Schafik, der eigentlich anders heißt, noch ein einfacher Elektriker. Wie jeder volljährige Syrer muss er seinen Wehrdienst leisten; an einem Donnerstag im April 2011 tritt er ihn an. "Töte niemanden", sagt sein Vater zum Abschied. Schafik ist fest entschlossen, sich daran zu halten. Er will die Zeit überstehen und zurück zu seiner Freundin, die auf ihn warten wird, das weiß er. Seit drei Jahren sind sie ein Paar.

Es ändert sich nicht viel in Schafiks Leben: Auch in Assads Heer flickt er Kabel, verlegt Leitungen, installiert Steckdosen, so erzählt er es. Er trägt jetzt Uniform, schläft in einer Kaserne, muss um 6 Uhr aufstehen und immer wieder schießen üben. Die Nachrichten aus Homs, Damaskus, Latakia sind weit weg. Dort sterben Menschen, weil sie demonstrieren. Im Internet sieht Schafik Fotos und Videos, von Erschießungen. Er fürchtet die Frage: Was würde ich tun?

Im Herbst hält Schafik eine Kalaschnikow in seinen Händen - und plötzlich ist er es, der neben einem Panzerwagen gegen Demonstranten marschiert. Sein Kommandeur befiehlt: "Schießt auf jeden, der sich bewegt." Schafik schießt in die Luft, wie er selbst sagt. Nach dem Einsatz besticht er einen Vorgesetzten, um Heimaturlaub zu bekommen. Er weiß, dass er nicht zurückkehren wird.

Widerstand mit Imageproblem

Tausende Soldaten Assads haben sich wie Schafik entschieden, seit der Diktator sein eigenes Volk niederschießen lässt. Sie desertieren und schließen sich der "Freien Syrischen Armee" (FSA) an. Wie viele ihr angehören, lässt sich kaum sagen. Die Anführer sprechen von 40.000 Mann, überprüfen lässt sich das nicht; wahrscheinlich sind es weniger. An der türkischen Grenze sind wohl einige hundert aktiv.

Während die Regierungen der Welt verhandeln, ob und wie sie Assad aufhalten können, und während das Sterben weitergeht, ziehen die Widerstandskämpfer in den Bürgerkrieg. "Es hilft uns niemand", sagt ein Offizier. Sie versuchen, einzelne Stadtviertel und Dörfer zu verteidigen, meist jedoch attackieren sie Assads Truppen aus dem Verborgenen und verschwinden wieder. Über die FSA ist nicht viel mehr bekannt, als die Bezichtigungen des Regimes: Assad nennt sie "bewaffnete Banden" und "Terroristen". Die Truppe steht den mit russischen Waffen hochgerüsteten Verbänden gegenüber, über 200.000 Mann.

Und die FSA hat ein Imageproblem, spätestens seit das Terrornetzwerk al-Qaida sie unterstützen will. Auch deswegen betonen einige Offiziere, dass sie andere Religionen respektieren. Sie hoffen auf Unterstützung von den Nachbarstaaten und von Europa.

Schafiks Heimatstadt im Regierungsbezirk Idlib im Norden Syriens ist eine ihrer Hochburgen. In einem Vorort trifft er sich vor wenigen Wochen mit einigen FSA-Soldaten. Er zeigt ihnen seinen Dienstausweis: Name, Blutgruppe, Geburts- und Dienstantrittsdatum stehen darauf. Die FSA nimmt ihn auf, Schafik soll aber erst in die Türkei gehen, in die sich Tausende Syrer vor Assads Truppen bereits gerettet haben und die der FSA als Rückzugsraum dient.

Eine Kalaschnikow kostet tausend Dollar

Schafik ist ein nachdenklicher Mann, auf dessen Wangen der Flaum erst noch Bart werden muss. Ein Mann, der von einem normalen Leben träumte, davon, seine Freundin zu heiraten und Kinder zu bekommen. Jetzt ist er ein Reservist des Widerstands. Er ist bereit, zu kämpfen und zu töten. Ein Kamerad sagt: "Ich habe keine Angst, es ist eine Ehre, sein Leben zu geben." Schafik schweigt in solchen Momenten, aber auch er hat sich entschieden. In einem Flüchtlingslager nahe der Grenze wartet er darauf, dass Abu Hamsa anruft, sein Held, und sagt: Es geht los, nach Syrien, in die Schlacht.

Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Hamsa ist das nächsthöhere Glied in der Befehlskette des Widerstands. Er ist 30 Jahre alt, seit Juni bei der FSA und stammt aus derselben Stadt wie Schafik. Die einfachen Soldaten schließen sich gerne den Einheiten von FSA-Offizieren an, die sie aus ihrer Heimat kennen.

Jetzt hockt Abu Hamsa neben einer Kochmaschine, die den Tee warmhält. Der Offizier trägt eine dunkle Kapuzenweste, auf der das Flecktarn-Muster kaum zu erkennen ist. Vor vier Tagen ist er von seinem letzten Einsatz auf die türkische Seite der Grenze zurückgekehrt, um die nächste Operation zu planen. Er kommt selten in die Flüchtlingslager. Besucher empfängt er, wenn überhaupt, in einem der kleinen Grenzdörfer, zu denen es über holprige Straßen und Feldwege geht, auf alten Schmugglerpfaden, die der Widerstand als Nachschubrouten nutzt. Auf diesen Wegen schleppen nachts Helfer in Rucksäcken Medikamente, Blutkonserven und Verbandszeug über die Berge, auch Reis, Bohnen und Kleidung. Waffen und Munition müssen sich die Kämpfer jedoch anderswo besorgen. Entweder sie erobern sie in Gefechten, oder sie kaufen sie auf dem Schwarzmarkt, im Libanon, in Jordanien oder bei Söldner-Milizen in Syrien, die mit beiden Seiten Geschäfte machen, mit dem Assad-Clan und mit der FSA. Eine Kalaschnikow kostet dann um die tausend Dollar.

Über seine Einsätze spricht Abu Hamsa kaum. Aber neulich sei es seiner Einheit gelungen, drei Panzer anzugreifen und 21 Männer von Assad zu töten. Zuschlagen und schnell wieder zurückziehen, das ist die Strategie der FSA. Etwas anderes bleibt ihnen auch kaum übrig: Assads Truppen haben Panzer, Flugzeuge, schwere Geschütze - Abu Hamsas Männer fahren auf Traktoren. Bald aber könne es eine größere Offensive geben, sagt er. "Wie lange der Kampf noch dauert, hängt davon ab, ob wir genug Waffen bekommen."

Die Befehlskette beginnt hinter dem Zaun eines Flüchtlingslagers

Das Haus, in dem er sich gerade mit seinen Männern trifft, gehört einem Türken, der die FSA unterstützt. Auf dem Boden liegen Matratzen, in der Ecke steht ein Fernseher, es läuft al-Dschasira. Die Männer sitzen an die Wände gelehnt, trinken Tee, rauchen Winston-Zigaretten, laden ihre Handys auf. In zwei Laptops stecken USB-Sticks, über das Mobilfunknetz hängen sie am Internet. Ein FSA-Offizier hat gerade neue Schreckensbilder gefunden, die aus Homs stammen sollen: Abgeschlagene Männerköpfe sind darauf zu sehen. Über Skype halten sie die Verbindung zu Unterstützern und zu syrischen Kameraden. "Skype ist das wichtigste Programm der Revolution", sagt einer, denn es lasse sich nicht so leicht überwachen wie Facebook. Die Nacht wird Abu Hamsa wieder woanders verbringen, vielleicht in den Bergen oder ein Dorf weiter. Er bleibt nie lange an einem Ort.

Die Befehlskette des Widerstands beginnt hinter den Zäunen des Flüchtlingslagers Apaydin. Hier hat die Türkei etwa 150 syrische Militärs untergebracht, die sich gegen Assad gewendet haben, auch Abu Hamsa hat dort gelebt. Sein Anführer heißt Colonel Riad al-Asaad, bis vor kurzem der höchstrangige Überläufer. Doch es gab Streit darüber, wer tatsächlich das Kommando hat, als ein General kürzlich desertierte und die Befehlsgewalt an sich reißen wollte. Für Abu Hamsa und seine Männer ist allerdings klar: Wir folgen Asaad - es zähle nicht der Rang in Syrien, es zähle der Mut des früh Entschlossenen.

Asaad und die anderen "großen Namen", wie Abu Hamza sie nennt, können sich kaum frei bewegen, sie werden streng bewacht. Die türkische Regierung fürchtet, syrische Agenten könnten sie entführen - so wie einen von vielen Widerstandskämpfern verehrten Offizier, der unter bislang ungeklärten Umständen aus der Türkei nach Syrien verschleppt und mittlerweile offenbar hingerichtet wurde. Gerade haben türkische Ermittler fünf Männer festgenommen, die daran beteiligt gewesen sein sollen.

So bleibt Riad al-Asaad und den anderen Kommandeuren nur, mit Männern wie Abu Hamsa zu telefonieren. Wann diese aber losschlagen und wie genau ihre Operationen aussehen, das entscheiden die Anführer der Einheiten selbst.

Wenn es so weit ist, wird Abu Hamsa auch die Nummer eines jungen Bayern-München-Fans wählen.

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Seite 1
Lekcad 16.02.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSErst dienten sie dem Regime, jetzt bekämpfen sie es: Im Süden der Türkei formieren sich Einheiten der "Freien Syrischen Armee". Angetrieben vom Hass auf Assad wagen sie sich immer wieder in ihr Land. Über geheime Pfade schleichen sie sich ein und attackieren die Getreuen des Diktators. "Freie Syrische Armee": Der Hass der Grenzkrieger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815690,00.html)
Habt ihr bei SPON eigentlich so etwas wie eine Redaktion die mal querliest ob nicht allzu kräftige Kriegspropaganda veröffentlicht wird?
celsius234 16.02.2012
2. Nein, wir wollen nicht in Syrien eingreifen
Zitat von sysopREUTERSErst dienten sie dem Regime, jetzt bekämpfen sie es: Im Süden der Türkei formieren sich Einheiten der "Freien Syrischen Armee". Angetrieben vom Hass auf Assad wagen sie sich immer wieder in ihr Land. Über geheime Pfade schleichen sie sich ein und attackieren die Getreuen des Diktators. "Freie Syrische Armee": Der Hass der Grenzkrieger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815690,00.html)
NEIN, wir unterstützen keine Rebellen, richten keine Flugverbotszonen ein. Aber nicht doch. Und wenn dann wieder Islamisten ans Ruder kommen, Frauen Burka tragen müssen und Männer Bärte, na Upps, dann haben wir uns eben (wieder mal) geirrt. Leute, merkt ihr endlich, das hier Militariafreunde (hieß mal MIK) neue Jobs suchen und wir (Steuerzahler) denen das bezahlen sollen. Menschenrechte sind denen doch egal, die werden jetzt in Libyen und Ägypten genauso vorher wie nachher mit Füßen getreten.
mr_supersonic 16.02.2012
3. ...
Zitat von LekcadHabt ihr bei SPON eigentlich so etwas wie eine Redaktion die mal querliest ob nicht allzu kräftige Kriegspropaganda veröffentlicht wird?
Haben Sie nicht gelesen, dass für diesen Bericht direkt vor Ort recherchiert wurde? Anstelle hier von Propaganda zu reden, sollten Sie froh sein dass Journalisten unter dem Einsatz des eigenen Lebens versuchen, ein klares Bild von dem was dort passiert zu machen.
Tengoinfo 16.02.2012
4. Viel Erfolg
Man kann diesen Männern nur viel Erfolg wünschen. Das sie keine Unterstützung erhalten ist sehr bedauerlich
Mr.GeldSchein 16.02.2012
5.
Zitat von sysopREUTERSErst dienten sie dem Regime, jetzt bekämpfen sie es: Im Süden der Türkei formieren sich Einheiten der "Freien Syrischen Armee". Angetrieben vom Hass auf Assad wagen sie sich immer wieder in ihr Land. Über geheime Pfade schleichen sie sich ein und attackieren die Getreuen des Diktators. "Freie Syrische Armee": Der Hass der Grenzkrieger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815690,00.html)
Woher diese Ominösen Einheiten der sogenannten "Freien Syrischen" Armee kommen, erfährt man im Bayern2 Interview mit dem Nahostexperten Professor Dr. Günter Meyer von der Universität Mainz: Die Wahrheit über Syrien - Univ. Prof. Dr. Günter Meyer im Bayern2-Interview - YouTube (http://youtu.be/ZU1_7rCUUwk) Viele von Ihnen wird die Kinnlade herunterfallen, versprochen.
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