Freigelassene Journalisten Diplomatischer Drahtseilakt in Teheran

Es war ein langer Nervenkrieg um die Freilassung der deutschen Journalisten in Iran, am Ende hat Deutschland einen hohen symbolischen Preis bezahlt: Westerwelles Händedruck mit Staatschef Ahmadinedschad.

Journalisten Koch (l.), Hellwig, Außenminister Westerwelle (M.): Frei nach vier Monaten
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Journalisten Koch (l.), Hellwig, Außenminister Westerwelle (M.): Frei nach vier Monaten

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Berlin - Als der Airbus der Bundesrepublik in der Nacht zum Sonntag auf der Startbahn in Teheran beschleunigte, knallten in der VIP-Kabine die Champagner-Korken. Nach rund vier Monaten zähem Ringen hatte es Außenminister Guido Westerwelle geschafft: Stunden zuvor hatte Iran die beiden Journalisten Marcus Hellwig und Jens Koch aus der Haft in der nordiranischen Stadt Täbris freigelassen.

Nun saßen die erschöpften Reporter der "Bild am Sonntag" im Flugzeug Richtung Berlin. Über Satellit telefonierten sie mit ihren Familien, meldeten ihre baldige Ankunft in Deutschland. Tränen flossen. Zum ersten Mal seit vielen Monaten fiel die Spannung von den Reportern ab.

Was sich vor der Freilassung hinter den Kulissen abspielte, bezeichnete Westerwelle am Sonntag als "kompliziert". Abstrakt erläuterte er vor den Kameras, viele Räder hätten ineinander gegriffen, dann bedankte er sich für die aufopferungsvolle Arbeit seiner Mitarbeiter. Aus seinem Haus war später zu hören, vom Abflug in Berlin am Samstagmittag bis zur letzten Minute vor dem Start in Teheran habe sich für Westerwelle und sein Team ein Nervenkrieg der besonderen Art abgespielt: Erst als die Türen der Regierungsmaschine tatsächlich geschlossen waren und die Triebwerke liefen, habe man sicher gewusst, dass die diplomatische Mission tatsächlich geglückt war.

Die Lösung des Falls hatte sich am 27. Dezember 2010 angedeutet. Zum ersten Mal nannte Irans Außenminister Ali Akbar Salehi seinem deutschen Kollegen am Telefon die Bedingungen für die Freilassung der beiden Journalisten, die statt mit Medienvisa als Touristen getarnt für ihre Recherchen in das abgeschottete Land gereist waren. Zuerst, so das Teheraner Forderungspaket, müsse sich der Springer-Verlag für die Entsendung der Reporter entschuldigen. Später könne so die drohende Gefängnisstrafe in eine hohe Geldbuße umgewandelt werden. Dann, und dies war der weitaus heikelste Teil, müsse Außenminister Westerwelle persönlich nach Teheran kommen und dabei auch Vertreter der Regierung treffen.

Im Auswärtigen Amt spricht man von einem hohen diplomatischen Preis für die Freilassung. Die Regierung Ahmadinedschads ist weltweit wegen des iranischen Atom-Programms geächtet. Aktuell prasselt auf sie wegen des brutalen Vorgehen gegen den politischen Widerstand Kritik aus dem Westen ein. Besuch von einem deutschen Außenminister oder anderen westlichen Spitzenpolitikern hatte die Riege um Ahmadinedschad in den vergangenen Jahren so gut wie nie. Stattdessen wird das Regime regelmäßig mit neuen Sanktionen belegt. Mit Methoden, die man sonst aus Geiselnahmen kennt, rang Teheran Deutschland genau deswegen den heiklen Besuch inklusive Händeschütteln mit dem Präsidenten ab.

Es habe keine Alternative zum Flug nach Teheran gegeben, um die beiden Reporter zu befreien, heißt es in Berlin. Als sich am Dienstag vergangener Woche durch einen erneuten Anruf von Außenminister Salehi bei Westerwelle andeutete, dass die Freilassung tatsächlich stattfinden könne, informierte Westerwelle die Kanzlerin. Die politische Verantwortung für den diplomatischen Drahtseilakt in Teheran übernahm er selbst. Ein bitterer Apfel, heißt es in seinem Haus. Doch am Ende habe das Wohlergehen der beiden Deutschen im Vordergrund gestanden.

Westerwelle bemühte sich nach der Rückkehr, mögliche Kritik an seiner Mission zu zerstreuen. Offiziell stellte er klar, dass es bei dem Treffen mit Ahmadinedschad keinerlei Verhandlungen über das weltweit kritisierte Atomprogramm Irans oder gar Zugeständnisse gegeben habe. Der einstündige Termin im Präsidentenpalast sei ein eher kühles, professionelles Gespräch gewesen. Dabei habe Westerwelle durchaus die westliche Kritik an der Unterdrückung der Opposition erwähnt. Die Frage der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit in Iran sei ebenfalls angesprochen worden, Westerwelle habe sich keineswegs als Preis für die Freilassung der beiden Deutschen angebiedert.

Bis zum Abflug waren sich die Diplomaten nicht sicher gewesen, dass Iran sich an die Zusagen halten würde, zumal die Machtverhältnisse innerhalb des Regimes undurchschaubar sind. Erst als Ahmadinedschad im Gespräch mit Westerwelle zweimal den deutschen Dank für die Freilassung wortlos akzeptierte, fuhr der deutsche Botschafter die beiden Reporter zum Flughafen. Dort stand die Regierungsmaschine startbereit. Doch in den letzten Minuten gab es neue Probleme. Da die beiden Journalisten keine Ausreisestempel in ihren hastig ausgestellten Ersatzpässen aus der Botschaft hatten, mussten sie weitere 20 Minuten bangen.

Propaganda-Medien feiern Westerwelles Visite

Kurz nach dem Abflug Westerwelles begann Iran, durch seine Propaganda-Medien den Besuch auszuschlachten. Die staatlichen iranischen Medien feierten die Visite im Präsidentenpalast als außenpolitischen Erfolg. Hochrangige Politiker interpretierten die Visite als Ende der Isolation Irans durch die Regierungen der Europäischen Union. Deutschland, so die Bewertung im Staatsfernsehen, zeige mit dem Besuch, dass man enger mit Iran kooperieren wolle. Statt der beiden freigelassenen Reporter sei bei dem Gespräch mit dem Präsidenten Verhandlungen über internationale Themen und deren Fortsetzung in der Zukunft Thema gewesen. Garniert wurde die Berichterstattung von Bildern, wie sich die beiden Politiker die Hände reichen.

Den Reportern dürften die diplomatischen Querelen egal sein. Die 133 Tage in Haft, die quälende Unsicherheit, haben die b+eiden schwer gezeichnet. Auf eigenen Wunsch wurden sie nach der Landung in Deutschland zunächst abgeschottet, wollen sich erst einmal im Kreis ihrer Familien erholen. Ihr Chefredakteur der "Bild am Sonntag" sprach vom schönsten Moment in seinem Leben, als er die beiden auf dem militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel in Empfang nehmen konnte.

insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
cektop 20.02.2011
1. Hoffentlich werden zukünftig
alle die sich vorsätzlich in Gefahr bringen so gerettet! Da zahle ich doch gern noch mehr Steuern und kaufe die Springerzeitungen gleich im Stapel.
averell 20.02.2011
2. ...
Die Rechnung für das ganze Spektakel geht dann an den Springer Verlag. Oder wird das durch besonders positive Presse ausgeglichen? Irgendwie kann ich mir eine kritische Berichterstattung nicht vorstellen, wenn soeben vom Staat Millionensummen aufgewendet wurden um die eigenen Mitarbeiter dort auszulösen.
Achim 20.02.2011
3. Vielleicht ...
Zitat von averellDie Rechnung für das ganze Spektakel geht dann an den Springer Verlag. Oder wird das durch besonders positive Presse ausgeglichen? Irgendwie kann ich mir eine kritische Berichterstattung nicht vorstellen, wenn soeben vom Staat Millionensummen aufgewendet wurden um die eigenen Mitarbeiter dort auszulösen.
... geht die Rechnung für die ausgelösten Mitarbeiter aber auch an den BND.
eurozocker 20.02.2011
4. eine ganz üble Nummer........
Zitat von sysopEs war ein langer Nervenkrieg um die Freilassung der deutschen Journalisten in Iran, am Ende hat Deutschland einen hohen symbolischen Preis bezahlt: Westerwelles Händedruck mit Staatschef Ahmadinedschad. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746666,00.html
sorry, aber was sich "Bild am Sontag" da wieder geleistet hat, das ist einfach nur unterirdisch. Diese angeblichen Profis mussten wissen das es so kommen musste wie es gekommen ist. Für eine Schlagzeile in Ihrem Schmierenblatt wird also die Bundesrepublik Deutschland genötigt vor dem Regime der Irren zu Felde zu kriechen. Man hätte die Herrschaften dort Ihre Strafe absitzen lassen sollen, denn es kann nicht sein das so ein Beispiel wohlmöglich noch Schule macht. Schuld sind einzig und allen die Möchtergern Schreiberlinge, wie das dortige Regime reagieren würde war jedem Blindgänger von vorherein klar.
kraij 20.02.2011
5. toll
Punktsieg für das totalitäre System. Nach allem bitten und betteln ist nun unser AM dahin, hat somit deren System "aufgewertet" und man hat islamische Gnade walten lassen. Die 2 Journalisten sind wenn ichs richtig verstanden habe ohne "Journalistenvisum" rein ins Land. Berichterstattung ja bitte auf jeden Fall, aber dies war dann grob fahrlässig, nein saudumm. Hat aber so einige BamS bzw BILD Seiten mit Artikeln voller Entrüstung füllen können.
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