Fremdenhass No-Go-Areas in russischen Städten

Die bittere Auszeichnung hat nicht viel geändert. Vor zwei Jahren wurde Woronesch zur Hauptstadt des russischen Rassismus erklärt. Mehrere Initiativen kämpfen seitdem gegen Diskriminierung und Gewalt. Doch nach wie vor gibt es für Ausländer No-Go-Areas in Woronesch - so wie im ganzen Land.

Aus Woronesch berichtet Oliver Bilger


Woronesch - Mit Metallknüppeln und Messern fielen sie über ihn her. Wenig später war Enrique Arturo Angeles Hurtado tot. Totgeprügelt. Seine gebräunte Haut und die fremden Gesichtszüge kosteten den Peruaner an einem Sonntagnachmittag im Herbst 2005 das Leben. Zwischen Eichen und Birken, am Rand der zentralrussischen Provinzstadt Woronesch, griff eine Horde russischer Jugendlicher den Studenten beim Spazieren an. Der Peruaner hatte keine Chance.

Ein Jahr vor dieser Tat hatten Rassisten einen 24 Jahre alten Medizinstudenten aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau in der Innenstadt erstochen. Journalisten erklärten das fast 900.000 Einwohner zählende Woronesch vor zwei Jahren zur Hauptstadt des russischen Fremdenhasses. Auf die Morde folgten Versuche, die Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen.

Doch noch reichen die Bemühungen nicht aus. Rassismus ist weiterhin ein großes Problem – nicht nur in Woronesch.

Das Moskauer Sowa-Zentrum, das Nationalismus und Rassismus untersucht, legte im August erschreckende Zahlen vor. Landesweit zählte Sowa mindestens 310 Opfer rassistischer Attacken und 37 Todesopfer in den ersten sieben Monaten dieses Jahres. Damit habe sich die Opferzahl im Vorjahresvergleich um 22 Prozent erhöht. Moskau führt die Statistik an, es folgen St. Petersburg und Nischni Nowgorod.

In Woronesch gebe es pro Jahr "50 bis 60 Angriffe" auf Ausländer, schätzt der Anti-Rassismus-Aktivist Alexej Koslow, der die Entwicklung seit zehn Jahren beobachtet. Die Darstellung als Hauptstadt des russischen Rassismus lehnt er hingegen ab: Das Problem sei in vielen großen Städten identisch.

An den Hochschulen der Großstadt, knapp 500 Kilometer südlich von Moskau, sind knapp 1600 Ausländer eingeschrieben. Gefährlich leben vor allem jene, denen ihre fremde Herkunft anzusehen ist: Afrikaner, Asiaten, Araber, Südamerikaner. Doch auch Hochschülern aus Deutschland raten die Universitäten zur Vorsicht, erzählt der angehende Mediziner Erwin Grußie aus Berlin: "Mir wurde empfohlen, nur in Gruppen unterwegs zu sein."

Abgeschottetes Leben wie auf einer Insel

Viele ausländische Studenten leben deshalb wie auf einer Insel: Sie bewegen sich zwischen Hörsälen, Campus und ihrem Zimmer im Studentenwohnheim. Zu dritt wohnen sie dort auf wenigen Quadratmetern Sowjet-Charme: Wuchtige, braune Cordsofas thronen auf dem ockerfarbenen Teppich mit Blumenmuster, hinter der Eingangstür brummt ein alter Kühlschrank.

Manche Orte im Zentrum hingegen meiden viele lieber – besonders nachts. Sie gehen nicht ans Ufer des gestauten Flusses Woronesch, wo russische Jugendliche in ihren Ladas Bier trinken. Auch am zentralen Leninplatz sind keine Fremden zu sehen. Es gibt Clubs, Diskotheken oder das Kinotheater Spartak, in die Ausländer nicht gehen, weil es dort für sie zu gefährlich ist. In andere lassen sie die Türsteher erst gar nicht hinein. "Die Stadt ist schön", sagt Edgard Zeote aus der Zentralafrikanischen Republik, "aber die Atmosphäre ist unangenehm." Obwohl der 28-Jährige seit sieben Jahren hier lebt und einige Russen zu seinen Freunden zählt, fühlt er sich nicht integriert.

Cisse Mohamed aus Guinea sagt, für ihn und seine Studienkollegen bestehe "immer Gefahr". Die Studenten berichten von Schlägereien und Menschen, die ihnen auf der Straße "Affe" hinterher rufen. Jeffry Makumbe aus Simbabwe saß im Sommer mit seiner russischen Freundin zusammen, nicht weit von seinem Wohnheim entfernt, als sechs junge Russen dem 30-Jährigen plötzlich eine Flasche über den Hinterkopf schlugen und riefen: "Verschwinde! Das ist ein Land für Weiße!"



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