Psychotherapie in Simbabwe Omas, die auf Parkbänken seelische Qualen lindern

Wer in Simbabwe unter Depressionen leidet, gilt als schwach oder besessen. Therapeuten gibt es kaum. Großmütter kümmern sich um psychisch Kranke - auf Parkbänken vor den Kliniken. Sie sind so gefragt wie nie zuvor.
Aus Harare berichtet Anne Backhaus
Die zehnfache Großmutter Shery Ziwakayi (links) im Gespräch mit der Witwe Shupikai Mharapara

Die zehnfache Großmutter Shery Ziwakayi (links) im Gespräch mit der Witwe Shupikai Mharapara

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Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Die Fragen von Großmutter Shery sind meistens neu für ihre Besucher. Sie wurden ihnen noch nie gestellt, im ganzen Leben nicht. Viele weinen, wenn sie die erste hören. "Was lastet auf dir?", fragt Shery Ziwakayi, 67, und wartet ab. Und bei einem Zögern: "Ich werde es niemandem verraten." Das reicht. Dann kommen die Geschichten. Und die Tränen.

Ziwakayi hört an drei Tagen die Woche zu. Die zehnfache Großmutter sitzt jeden Montag, Dienstag und Mittwoch auf einer Holzbank in einem Krankenhausgarten. Die Klinik liegt in einem Vorort von Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Der Ort heißt Glen View, und die meisten, die hier leben, sind so sehr mit Überleben beschäftigt, dass sie eigentlich keine Zeit haben, Fragen zu ihrem Befinden zu beantworten. Sie sind auch nicht daran gewöhnt, von sich und ihren Gefühlen zu erzählen. Das tut man hier nicht.

Von ihrem Zuhause läuft Großmutter Ziwakayi zehn Minuten bis zum Krankenhaus. Aus dem Zimmer, in dem sie mit vier anderen Menschen wohnt, läuft sie erst die Treppe und dann die Straße runter, über ein Feld, hinter dem großen Gummibaum rechts, schließlich an dem Händler vorbei, bei dem sie sich ab und zu noch eine Kleinigkeit zu naschen kauft.

Großmutter Shery Ziwakayi hat in einer speziellen Ausbildung gelernt, wie wichtig Zuhören ist

Großmutter Shery Ziwakayi hat in einer speziellen Ausbildung gelernt, wie wichtig Zuhören ist

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Dann ist sie da. Einen Hut auf dem Kopf, gegen die Sonne, eine Decke auf der Bank, ihr Klemmbrett mit dem Notizzettel und einen Fragebogen in der einen und den Stift in der anderen Hand. Kaum hat sie sich hingesetzt, beginnt ihre erste Stunde.

Shery Ziwakayi ist eine von 240 Laientherapeutinnen im ganzen Land, die sich um Menschen mit psychischen Erkrankungen kümmern. All diese Therapeutinnen sind Großmütter, die jüngste 35 und die älteste 85 Jahre alt. Alle sitzen auf Bänken vor Krankenhäusern.

Wer Probleme hat, kann sich neben sie setzen und reden. Ohne Anmeldung. Ohne Angst, verspottet zu werden. Das Projekt, das die Großmütter ausgebildet hat, nennt sich "Friendship Bench", übersetzt "Freundschaftsbank". Erst hießen die Outdoor-Therapieplätze "Bank für psychische Gesundheit". Da kam aber keiner. Psychische Krankheiten sind ein Tabu in Simbabwe. Wer erkrankt, der gilt als schwach, manchmal auch besessen. Dabei leidet gut jeder Vierte an Kunfungisia, das übersetzt so viel bedeutet wie: "Wenn du zu viel denkst". Depressionen.

Hunderte Leben hat sich Ziwakayi in den vergangenen drei Jahren angehört. Manchmal sind es Leben, in denen ein geliebter Mensch oder der Job verloren gegangen sind. Manchmal welche, in denen das Geld fehlt. In denen die Schwiegermutter Probleme macht. Die beste Freundin ein Geheimnis verraten hat. Die Kinder Sorgen bereiten. Der Mann oder die Frau fremdgehen. Meistens sind es aber Leben, in denen vieles davon zusammenkommt und dann alles noch schlimmer wird. Wo die Kraft fehlt weiterzumachen. Oder die Hoffnung.

"Ich habe genug gehört, um zu wissen, dass ich noch nicht alles gehört habe", sagt Shery Ziwakayi. Sie weiß, wie wichtig ihr Job ist. Vielleicht war er noch nie so wichtig wie jetzt.

Simbabwe, die ehemalige Kornkammer Afrikas, befindet sich in einer katastrophalen Lage. Dürre, Inflation, Misswirtschaft, Korruption, Nahrungsmittel- und Benzinmangel setzen der ohnehin schon traumatisierten Gesellschaft zu. Nach 37 Jahren Herrschaft von Diktator Robert Mugabe ist mit dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa nicht die vom Volk erhoffte Besserung eingetreten. Im Gegenteil, es wurde alles noch schlimmer.

Anfang einer langen Autoschlange vor einer der wenigen Tankstellen, die in Harare Ende November noch Benzin hatten

Anfang einer langen Autoschlange vor einer der wenigen Tankstellen, die in Harare Ende November noch Benzin hatten

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Millionen Menschen im Land wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Viele sind HIV-positiv und auf gesunde Ernährung und Medikamente angewiesen, beides inzwischen kaum bezahlbar. Die Zahl der Suizide in Simbabwe steigt seit Jahren an. Von Januar bis März 2019 sollen sie sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahezu verdoppelt haben.

Politische Konflikte und Armut fördern psychische Erkrankungen. Das zunehmende Leid der Menschen macht die Arbeit von Shery Ziwakayi nicht unbedingt einfacher.

Gut 60.000 Menschen besuchten in den vergangenen vier Jahren eine Freundschaftsbank in Simbabwe. Eine Studie belegt: Patienten mit Angstzuständen zeigten nach den Gesprächen mit einer Großmutter viermal weniger Symptome einer Depression. Selbstmordgedanken traten insgesamt fünfmal seltener auf.

Die Freundschaftsbänke, auf denen immer jeweils eine Großmutter und ein Patient sitzen, sind inzwischen in vielen Gärten der Krankenhäuser von Harare verteilt

Die Freundschaftsbänke, auf denen immer jeweils eine Großmutter und ein Patient sitzen, sind inzwischen in vielen Gärten der Krankenhäuser von Harare verteilt

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Doch für viele ist es nun noch schwieriger geworden, die Großmütter auf ihren Bänken zu besuchen. Zwar sind die Gespräche kostenfrei, aber wer hat die Zeit, eine Stunde auf einer Bank zu sitzen? Nur um über Probleme zu reden? Wenn man in dieser Zeit doch in den stundenlangen Wasserschlangen vorrücken oder etwas verkaufen könnte, um die Familie zu ernähren.

Es kommen trotzdem täglich neue Patienten. Manchmal so viele, dass keine Bank mehr frei ist und einige Großmütter auf Decken im Krankenhausgarten sitzen. In letzter Zeit wurden zudem einige Bänke gestohlen - sie sind gutes Feuerholz. Die verbleibenden stehen deswegen nah am Haupthaus und wurden teilweise im Boden verschraubt.

Traditionell sind Großmütter in Simbabwe diejenigen, die Familien zusammenhalten und sich um alle kümmern. Deswegen kommen die Patienten gern zu ihnen. Es ist nicht nur angenehmer, auf einer Decke oder Bank neben einer Großmutter zu sitzen als in einem Sprechzimmer vor einem Arzt im weißen Kittel. Es ist auch so, dass die Großmütter umarmen können, ohne dass es ungehörig ist. Es ist nicht verpönt, ihren Rat einzuholen. Sie gelten als weise. Wenn sie Verständnis haben, sich nicht abwenden, helfen - dann muss man sich nicht schämen.

Aus Mangel an Bänken sitzen die Großmütter mit ihren Besuchern manchmal auch auf Decken auf dem Rasen

Aus Mangel an Bänken sitzen die Großmütter mit ihren Besuchern manchmal auch auf Decken auf dem Rasen

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

"Für mich ist es aber am schönsten, keinen Rat mehr zu geben", sagt Shery Ziwakayi. "Das habe ich in der Ausbildung gelernt, wir fragen immer: 'Was kannst du tun, um deine Situation zu ändern?' Es hilft den Menschen, wenn sie sich selbst Gedanken machen, und mir, weil es eine Grenze schafft, die ich vorher nicht kannte."

Die Therapie-Omas werden "Gemeindegroßmütter" genannt. Viele von ihnen haben zuvor viele Jahre fürs Gesundheitsamt gearbeitet und in ihren Stadtvierteln erklärt, dass Händewaschen Cholera verhindern kann und HIV keine Schande ist. Bis sie auch psychologisch ausgebildet und von dem Freundschaftsbank-Projekt angestellt wurden. Sie verdienen etwas mehr als umgerechnet 100 Euro im Monat, hier ein gutes Gehalt.

2007 hat der Psychiater Dixon Chibanda, 52, die Idee der Freundschaftsbänke entwickelt. Nach seinem Studium und einigen Reisen fiel ihm auf, wie wenig man sich in Simbabwe und anderen Ländern Afrikas um psychisch Kranke kümmerte. "Das ist im Prinzip noch immer so", sagt Chibanda. Er ist einer von zwölf Psychiatern in einem Land mit mehr als 16 Millionen Einwohnern.

Psychiater Dixon Chibanda in der Freundschaftsbank-Zentrale

Psychiater Dixon Chibanda in der Freundschaftsbank-Zentrale

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Viele afrikanische Länder haben mit extremem Ärztemangel zu kämpfen. Wo niemand da ist, um Wunden zu versorgen, Malaria zu heilen oder überlebenswichtige Operationen durchzuführen, da wird auch von Hilfsorganisationen nicht zuerst ein Psychotherapeut hingeschickt. Dabei sind viele traumatisiert, leiden an Depressionen oder brauchen dringend professionelle Unterstützung, wenn sie HIV-positiv sind. In Simbabwe waren das im Jahr 2018 insgesamt 1.300.000 Menschen, 38.000 stecken sich jährlich an.

Jeder Einzelne von ihnen hat Probleme, die man sich in Deutschland kaum vorstellen kann. So wie die erste Besucherin, die Ziwakayi an diesem Morgen auf ihrer Bank empfängt. Es ist Shupikai Mharapara, 49, Witwe und HIV-positiv. Sie war vor einem Jahr schon mehrfach bei Großmutter Shery. "Das hat mich gerettet", sagt Mharapara.

Shery Ziwakayi (links) mit Shupikai Mharapara

Shery Ziwakayi (links) mit Shupikai Mharapara

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Sie wollte damals nicht mehr leben, die Großmutter war die erste, die ihr jemals zugehört hat. Die verstanden hat, was es bedeutet, wenn der Mann stirbt und die Nachbarn mit dem Finger auf einen zeigen. "Manche haben gesagt, ich hätte ihn umgebracht", sagt Mharapara. "Dabei hatte er Aids und hat mir nichts davon gesagt. Hat mich angesteckt, ist gestorben und hat mich mit drei kleinen Kindern alleingelassen."

Als bei ihr HIV diagnostiziert wurde, war ihr Mann schon tot. Da tuschelten die Nachbarn wieder. Hatte sie etwa mit einem anderen Mann geschlafen? Eine Schlampe im Viertel? Noch heute, einige Jahre später, ringt Shupikai Mharapara deswegen mit den Tränen. "Es ist kaum auszuhalten." Großmutter Ziwakayi hat sie nach einigen Sitzungen überzeugt, sich wegen ihrer anhaltenden Suizidgedanken an die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses zu wenden. Vor allem aber hat sie ihr geholfen, gerade wieder genug Hoffnung zu finden, um ihre Medikamente auch zu nehmen.

Chibanda, der ehrenamtlich tätig ist, reist derzeit sehr viel, um von dem Erfolg zu erzählen. Berlin, Kapstadt, London, Toronto und San Francisco. Erst am Vortag ist er wieder in Harare gelandet. "Ich habe die Hoffnung, dass irgendwann überall auf der Welt solche Bänke stehen", sagt Chibanda.

Anfangs hatte er Angst, dass die Großmütter unglücklich werden könnten. Dass die schlimmen Geschichten zu viel sind. Dass es ihnen zusetzt, nicht mit anderen darüber reden zu dürfen. Das Gegenteil ist der Fall. "Es ist schön für uns, gebraucht zu werden", sagt Shery Ziwakayi. "So sind wir bis ins hohe Alter ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Wer will schon gern allein sein?" Das ist in Harare nicht anders als im Rest der Welt.

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Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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