Friedensnobelpreis 2007 Al Gore gilt als Top-Favorit

Wie immer gibt es Favoriten für den Friedensnobelpreis - aber das Komitee ist auch für Überraschungen gut: Der ehemalige US-Vizepräsident und Umweltaktivist Gore ist für die Preisvergabe morgen in Oslo genauso nominiert wie Alt-Kanzler Kohl. Und es gibt viele unbekanntere Kandidaten.


Hamburg - Sollte es klassisch zugehen, hat Helmut Kohl gute Chancen. Wenn sich die Juroren an der aktuellen politischen Diskussion orientieren, wird der Umwelt-Aktivist und ehemalige US-Vizepräsident Al Gore hoch gehandelt. Oder das Komitee entscheidet dich doch wieder für einen der weniger prominenten Kandidaten wie die 97-jährige Polin Irena Sendler, die 2500 jüdische Kinder vor dem Holocaust bewahrte.

Klar ist nur eines - wie in den anderen Kategorien ist auch das Überraschungsmoment beim Friedensnobelpreis enorm. Dazu kommt, dass längst nicht alle tatsächlich Nominierten der Öffentlichkeit bekannt sind.

Der Friedensnobelpreis ist traditionell für Staatsmänner, Friedensvermittler und Menschenrechtler reserviert. Allerdings zeichnete sich zuletzt ein neues Verständnis dafür ab, was zum Frieden in der Welt beiträgt. "Das ganze Thema Klimawandel und Umwelt wird sich irgendwann in der Preisvergabe niederschlagen", sagt Jan Egeland, Chef des Norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, das die Auswahl seit Jahren begleitet. "Es entwickeln sich bereits Klimakriege, und das am heftigsten davon betroffene Gebiet ist die Sahel-Zone in Afrika."

Umweltaktivisten wie Gore werden hoch gehandelt

Deshalb gelten in diesem Jahr ausgewiesene Vorreiter des Kampfes gegen die Erderwärmung als Favoriten, wenn das Komitee morgen seine Wahl aus einer Liste von 181 Kandidaten bekannt gibt: Gore und die Inuit-Vorkämpferin Sheila Watt-Cloutier könnten die wichtigste politische Auszeichnung des Jahres gemeinsam erhalten, sagen Experten wie Stein Tönnesson, Direktor des Internationalen Friedensforschungsinstituts in der norwegischen Hauptstadt. "Es ist ganz sicher eine Versuchung für das Komitee, zwei Nord-Amerikaner zu haben - einen, der den Kampf gegen den Klimawandel personifiziert und ihn bekannt gemacht hat, und eine zweite, die die Opfer des Klimawandels vertritt."

Bereits 2004 entschieden sich die Juroren für eine Umweltschützerin. Die Kenianerin Wangari Maathai wurde dafür ausgezeichnet, dass sie zehntausende von Frauen in ganz Afrika dazu gebracht hatte, Bäume zu pflanzen. Auch im vergangenen Jahr wich das Komitee von der traditionellen Linie ab: Preisträger Muhammad Yunus hat mit seiner Grameen-Bank Armen Mini-Kredite verschafft und ihnen damit einen Ausweg aus der Not eröffnet.

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl - vorgeschlagen wegen seiner Verdienste um die Deutsche Einheit - wird ebenfall hoch gehandelt. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso hatte den CDU-Politiker ins Spiel gebracht und dafür viel Lob aus Deutschland bekommen - jedoch nach dem Ende der formalen Nominierungsfrist. Die endet immer am 31. Januar, Barroso hatte den 76-Jährigen erst im März vorgeschlagen. Allerdings ist möglich, dass Kohl schon vorher nominiert worden war.

Kohl könnte es wie Jimmy Carter gehen

Ansonsten könnte es ihm wie Jimmy Carter gehen: Der sollte 1978 für seinen Einsatz um Frieden im Nahen Osten ausgezeichnet werden - aber er war nicht nominiert. Erst 24 Jahre später erhielt Carter den Friedensnobelreis.

Aus der CDU hatte man lautstark für Kohl getrommelt - auch das ist jedoch keine Erfolgsgarantie. "Wir hatten schon Kandidaten, für die es eine Million Unterschriften gab, und sie haben den Preis dennoch nicht bekommen", sagt Geir Lundestad, Sekretär des Komitees.

Unter den weiteren Nominierten sind auch in diesem Jahr wieder alte Bekannte aus dem Musik-Business: U2-Sänger Bono und der "Live Aid"-Gründer Bob Geldof beispielsweise wurden wegen ihres Engagements gegen die Armut und den Hunger auf der Welt schon mehrfach vorgeschlagen.

Und dann gibt es eben noch weniger bekannte Kandidaten wie die Polin Sendler. Dazu gehört auch der vietnamesische Buddhisten-Mönch Thich Quang Do, einer der führenden Dissidenten seines Landes. In diese Kategorie fällt ebenso Rebiya Kadeer: Die Uigurin - ein in China verfolgter Volksstamm - ist für ihren Einsatz um die Rechte ihres Volks nominiert. Ein Preis für Kadeer hätte zudem einen sehr aktuellen Bezug: Kurz vor den Olympischen Spielen in China wäre das eine empfindliche Spitze gegen Peking.

flo/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.