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Friedensnobelpreis: Favoriten und Außenseiter in Oslo

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Ehrung in Oslo Der perfekte Friedensnobelpreisträger

Passt der Friedensnobelpreis noch in die heutige Zeit? Nach den umstrittenen Ehrungen der vergangenen Jahre mehrt sich die Kritik. Dabei gibt es 2013 durchaus interessante Kandidaten: Das norwegische Fernsehen spekuliert, die Organisation der Chemiewaffen-Inspektoren könnte die Auszeichnung erhalten.

Hamburg - Europa ist egoistisch, zynisch, menschenfeindlich. Geht es in diesen Tagen um die EU, fallen Worte wie diese. Dass der Staatenbund mit seinen Grenz- und Flüchtlingsregeln viel Leid verursacht, bestreiten nach den Vorfällen von Lampedusa nicht mehr viele. Und wenn der Kommissionspräsident die italienische Insel besucht, empfangen ihn die Bürger mit Buhrufen und Transparenten, auf denen "Mörder" steht.

So sieht man in diesen Tagen die Europäische Union, die aktuelle Trägerin des Friedensnobelpreises. Man stelle sich vor, das Nobelkomitee hätte die EU statt 2012 in diesem Herbst auszeichnen wollen. Undenkbar. Oder?

Der Friedensnobelpreis ist die prestigeträchtigste Auszeichnung der Welt, die höchste Ehre, mit Pathos aufgeladen. Also stellen sich an die Preisträger höchste moralische Anforderungen. Daran gab es zuletzt häufiger Zweifel. Preisträger Barack Obama mauserte sich zum Drohnenkrieger, gegen die Liberianerin Ellen Johnson-Sirleaf (2011, erinnert sich noch jemand?) werden immer neue Korruptionsvorwürfe laut, und der Preis an die EU war schon Minuten nach Verkündung umstritten. Der Jury mangle es an Mut und Gespür, heißt es. Fällt der wichtigste Preis der Welt aus der Zeit?

Die Aufmerksamkeit ist ihm nach wie vor sicher. Kurz vor der offiziellen Bekanntgabe verbreitet der norwegische Sender NRK die Nachricht, es sei wahrscheinlich, dass der Preis in diesem Jahr an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) geht. Deren Inspektoren sind derzeit in Syrien im Einsatz.

Gesichert ist diese Information jedoch nicht. Schon seit Tagen wird spekuliert, wer die besten Chancen hat (auch wir machen mit - sehen Sie hier in der Fotostrecke die Favoriten und Außenseiter). Am Freitag schaut die Welt wieder nach Oslo. Immerhin winkt ein Platz unter den Helden der Geschichte: Martin Luther King, Mutter Teresa, Nelson Mandela. Doch wo die Moral so hochgehalten wird, droht stets die Doppelmoral.

Keine Chance für Helmut Kohl

Die Entscheidung treffen fünf norwegische Politiker, die ihre Parteien nach den Mehrheitsverhältnissen im Parlament für jeweils fünf Jahre entsenden. Aktuelles Durchschnittsalter: 67. Zeichnen sie moralische Integrität aus, Verdienste oder verteilen sie Vorschusslorbeeren? Sie selbst schweigen. Und einer, der es am besten wissen könnte, holt am Telefon erst mal tief Luft, bevor er antwortet. "Es ist schwierig", sagt Kristian Berg Harpviken, der als Direktor des norwegischen Friedensinstituts Prio die Preisvergabe seit Jahren genau verfolgt.

"Empowerment allein, wie beim Preis für Obama, ist falsch", sagt der Friedensforscher. Genauso falsch sei, nur nach Erreichtem auszuzeichnen. Deswegen dürfe es auch nicht Helmut Kohl, seit der Einheit immer nominiert, werden. "Und ja", sagt Harpviken, "im Großen und Ganzen müssen die Preisträger moralische Vorbilder sein." Er geht davon aus, dass das Komitee in diesem Jahr vor einer weiteren kontroversen Entscheidung zurückschreckt.

259 Vorschläge machten Parlamentarier und Wissenschaftler aus aller Welt, doch alles liegt am Ende an den fünf. Der Wille des Stifters bleibt vage: Ausgezeichnet wird, so verfügte es Alfred Nobel im Jahr 1895, derjenige, "der die meiste oder beste Arbeit geleistet hat für die Brüderlichkeit zwischen Nationen, für die Abschaffung oder Reduzierung stehender Armeen und bei Friedenskonferenzen". Es wird also interpretiert.

Die großen alten Staatsmänner (zuletzt 2008 Martti Ahtisaari) werden kaum noch ausgezeichnet, die Definition von Frieden verschiebt sich. Umweltaktivisten rückten in den Fokus, dann Frauenrechtlerinnen. Und nun? "Die Zeit wäre reif für einen Preis für die Medien", sagt Harpviken.

Der Nobelpreis für eine 16-Jährige?

Der Friedensforscher sähe es gern, wenn der Preis ein bisschen entstaubt wird, wenn nicht nur die fünf verdienten Parteipolitiker im Komitee säßen, sondern Aktivisten, Kommentatoren - vielleicht sogar Nicht-Norweger?

Das Schöne ist allerdings, dass das Komitee stets für Überraschungen gut ist. Harpviken tippt seit Jahren auf den Ausgang, er liegt immer daneben. Als Favoritin sehen er und die Buchmacher in diesem Jahr Malala Yousafzai, die Pakistanerin, die von den Taliban niedergeschossen wurde. Die höchste Auszeichnung der Welt - was für eine Ehre, was für eine Last für eine 16-Jährige. Harpviken stimmt zu, sagt aber auch: "Sie hätte noch viele Jahre, um den Preis zu nutzen."

Und eines berichten so gut wie alle Ausgezeichneten, die weniger Macht hatten als Obama: Der Preis habe ihnen und ihrem Anliegen weltweit die Türen geöffnet. Das sagt Muhammad Yunus mit seinen Mikrokrediten (2006) genauso wie die iranische Frauenrechtlerin Schirin Ebadi (2003). Und Burmas langjährige Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, bereits 1991 ausgezeichnet, meinte über ihren 15-jährigen Hausarrest: "Der Nobelpreis machte mich weniger einsam."

Erst mit 21 Jahren Verspätung konnte Suu Kyi den Preis in Oslo persönlich annehmen. In der Dankesrede sagte sie: "Absoluter Friede ist unerreichbar und muss doch das Ziel sein." Dasselbe gilt auch für den Preis, der den großen Namen trägt. Der perfekte Preisträger wird nicht kommen, auch in diesem Jahr nicht. Und wer Helden sucht, kann enttäuscht werden. Aber das ist nicht nur beim Friedensnobelpreis so.