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12. Oktober 2007, 19:27 Uhr

Friedensnobelpreis für Al Gore

Konservative spotten über die Anti-Bush-Trophäe

Von , New York

Jubel um Al Gore, Häme für Al Gore: Der Friedensnobelpreis für den früheren Vizepräsidenten wurde in den USA nicht nur mit Beifall bedacht. Konservative Kommentatoren, Blogger und Klimawandelleugner reagierten angewidert auf die Nachricht aus Oslo.

New York - Steve Doocy hat eine Frage für seine Zuschauer. "Was hat Al Gore mit Jassir Arafat und diesem verrückten Jimmy Carter gemeinsam?", kräht der Frühstücks-Moderator des US-Kabelsenders Fox News in die Kamera. Seine Co-Moderatoren schauen ihn aufmunternd an, die morgendlichen Kaffeetassen in Griffweite, und Doocy beantwortet seine eigene Frage mit süffisant-angewiderter Miene: "Den Friedensnobelpreis."

Giftige Proteste und Glückwünsche: Der Friedensnobelpreis für Al Gore hat heftige Reaktionen ausgelöst
Getty Images

Giftige Proteste und Glückwünsche: Der Friedensnobelpreis für Al Gore hat heftige Reaktionen ausgelöst

Dann präsentiert Doocy eine Schautafel, um zu illustrieren, dass dieser Preis nichts anderes sei als eine "Anti-Bush"-Trophäe - ein gezielt-politischer Affront gegen US-Präsident George W. Bush. Es war eine Liste früherer Friedensnobelpreisträger. Kofi Annan: Bushs Nemesis als Uno-Chef. Jimmy Carter: linke Backe. Mohamed ElBaradei: als Chef der Uno-Atomenergiebehörde IAEA Bushs Gegner bei der Irak-Invasion. Doocy seufzte demonstrativ.

Und so ging es weiter, den ganzen Tag und nicht nur auf den konservativen Fox News. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ex-Vizepräsident Gore und den Uno-Klimarat IPCC wurde in den USA einerseits durchaus begrüßt; selbst das Weiße Haus rang sich ein Kompliment ab: "Natürlich freuen wir uns für Vizepräsident Gore und den IPPC, dass sie diese Anerkennung bekommen haben", sagte Bush-Sprecher Tony Fratto. Andererseits gab es aber auch sofort giftige Proteste der Gore-Gegner und Klimakrisenleugner.

Gore sei ein "Panikmacher", sagte zum Beispiel Marlo Lewis, ein "Erderwärmungsexperte" des Thinktanks Competitive Enterprise Institutes, der sich gern in Kommentaren schützend vor die Ölindustrie stellt. Die Thesen des Gore-Klimafilms "Eine unbequeme Wahrheit" seien "völlig einseitig", "in vielen Fällen übertrieben", "manipulativ" und "irreführend". Das ganze Gerede um die Klimakrise lenke "die öffentliche Aufmerksamkeit, den politischen Willen und potentiell Milliarden Dollar" von viel wichtigeren Weltproblemen ab, etwa HIV und Aids.

"Degradierter Preis"

Lewis' Breitseite war nicht die einzige. Keine Meldung, keine Reaktion, ohne dass hier nicht sofort auch das Urteil eines britischen Gerichts zitiert wurde, das "Eine unbequeme Wahrheit" Sachfehler attestiert hatte. Dass das Gericht dem Tenor des Films generell zugestimmt hatte, verschwiegen die Kritiker freilich. Statt die Klimadebatte zu befrieden, sorgte das Nobelkomitee so indirekt dafür, dass sie in den USA erneut und lauter denn je ausbrach.

Was auch zeigt, dass der Klimawandel in den USA, anders etwa als in Europa, bis heute eine heiß umkämpfte Streitfrage ist. Kein moralisches, sondern ein parteipolitisch aufgeladenes Thema, bei dem Pro und Contra im Kotau vor "political correctness" weiterhin gleichwertig behandelt werden - ein Phänomen, das man auch bei der religiös durchwirkten "Diskussion" um die Evolution beobachten kann. Für jeden, der die Mitverantwortung der Menschen für die Erderwärmung anprangert, muss im Dienste der Ausgewogenheit sofort auch einer zu Wort kommen, der sie abstreitet.

Wobei die öffentliche US-Meinung klar auf Seiten Gores und der Klimakämpfer ist. In einer CNN-Blitzumfrage erklärten 68 Prozent der Teilnehmer, Gore verdiene den Nobelpreis. Die Stanford University ermittelte derweil kürzlich, nur 20 Prozent stimmten Bushs Umweltpolitik zu.

Doch vor allem die rechten US-Blogs überschütten Gore und das Nobelkomitee heute mit abfälliger Empörung und Spott. "Gerade als man dachte, Al Gores Kopf könnte nicht mehr größer werden", mokiert sich die Bloggerin Michelle Malkin, darunter ein natürlich unvorteilhaftes Foto Gores mit aufgeblasenen Backen. "Nach Arafat, Carter und der iranischen Marionette ElBaradei könnte der Preis nicht noch weiter degradiert werden", sekundiert Malkins Kollege "Allahpundit".

Spott für den "Ozone Man"

"Dank Gore müssen die Eisbären nicht länger ertrinken und haben jetzt viel Zeit, weiter jeden Menschen, der mit ihnen in Kontakt kommt, zu töten und zu verstümmeln, und damit zum Weltfrieden beizutragen", lästert der Blogger Cassy Fiano, der Gore den "Indiana Jones der Klimawandelbewegung" nennt. "Faustablog" schlägt Gore vor, als nächstes eine One-Man-Show am Broadway aufzuziehen, damit er neben dem Oscar und dem Emmy auch noch einen Tony bekommen könnte. Und der Blog "Redstate" erinnert daran, dass auch Hitler und Stalin mal für den Friedensnobelpreis nominiert worden waren.

Viel scheint sich in diesen Gefilden nicht getan zu haben, seit George Bush (der Vater) den damaligen Vizepräsidentschaftkandidaten Gore als "Ozone Man" verspottete. "Dieser Typ ist so abseitig im Umwelt-Extrem, wir werden in Eulen ersticken und alle arbeitslos sein", tönte Bush im Wahlkampf 1992 (den er verlor). Sein Sohn George W. Bush klang bei der Wahl 2000 (die er mit Hilfe des Supreme Courts gegen Gore gewann) nicht anders: "Er mag Elektro-Autos. Er mag nur keine Elektizität machen."

Nächstes Ziel Uno?

Schon in jenen Jahren war Gore lange ein Umweltaktivist gewesen, stellte das jedoch im Wahlkampf nicht ins Rampenlicht, da es ein noch unpopuläres Thema war. Es waren andere Zeiten: Bush prahlte, Gores erstes Klima-Buch "Wege zum Gleichgewicht" von 1992 nie gelesen zu haben. Er zog "Welt in Angst" des Science-Fiction-Autors Michael Crichton ("Jurassic Park") vor, das die Erderwärmung als Schwindel darstellt. Das gefiel Bush so sehr, dass er Crichton ins Weiße Haus einlud.

Auch heute noch eiert Bush um die Klima-Frage, obwohl er sich neuerdings als Umweltretter geriert, unter anderem kürzlich mit einer eigenen Klimakonferenz als Gegenveranstaltung zu einem Uno-Treffen in der selben Woche. Bei Experten kam diese Show freilich wenig an: "Bis auf viele Worte hat diese Administration eigentlich nichts vorzuweisen", sagte Peter Goldmark, der Klimapolitik-Direktor der Umweltorganisation Environmental Defense, Ende September im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Sogar in den Bereichen, über die sie immer wieder reden - etwa über "neue Technologien", die US-Außenministerin Condoleezza Rice gerade wieder bei den Vereinten Nationen betont hat - sehen wir mehr Rhetorik als Taten."

"Eloquent, leidenschaftlich, unerbitterlich"

Ob Gores Nobelpreis nun "Druck" aufs Weiße Haus ausübe, sich etwa im Streit um zwingende CO2-Emissionsgrenzen anderen Ländern anzunähern, wurde Bushs Sprecher Fratto gefragt. Einsilbige Antwort: "Nein."

Der Chef des Nobelkomitees, Ole Danbolt Mjøs, stritt dezidiert ab, die diesjährige Preisvergabe sei als politisches Zeichen und Rüffel für Bush gedacht. "Das Nobelkomitee hat nie jemandem einen Tritt in die Kniekehle gegeben", sagte Mjøs in Oslo. Eine dumme Wortwahl: Prompt kramten die US-Blogs eine exakt gegenteilige Aussage des damaligen Komiteevorsitzenden Gunnar Berge aus dem Archiv. Der hatte den Friedensnobelpreis an Jimmy Carter 2002 als Kritik an der US-Regierung unter Präsidenten Bush erklärt: "Dies ist ein Tritt in die Kniekehle all derer, die die selbe Linie verfolgen wie die Vereinigten Staaten."

Ungetrübte Freude dagegen herrschte bei den Gore-Jüngern, die den Nobelpreis als letzte Hoffnung sehen, ihren Helden zu einer erneuten Präsidentschaftskandidatur zu bewegen. Die Website der Aktivistenbewegung "Draft Gore", einer von gut einem Dutzend Initiativen, verzeichnete stündlich Tausende neue Unterschriften für eine entsprechende Petition - bis zum Mittag waren es bereits 178.974. "Wir brauchen dich dringend", schrieb einer der Unterzeichner, Don Trislett aus Ohio. "Es ist an der Zeit, das Unrecht eines ordnungswidrig ernannten amerikanischen 'Präsidenten' zu korrigieren", fügte Charles Randall hinzu. Ryan Cacolici aus Florida begnügte sich mit drei Buchstaben: "SOS."

Die Gore-Fans werden von ihrer unbewältigten Wut über das Debakel von 2000 genauso getrieben wie vom Wunsch nach frischem Wind in einem bisher lustlosen Wahlkampf für 2008. Gore sei "das Gewissen der demokratischen Partei", postulierten die Initiatoren von "Draft Gore". "Er ist eloquent, leidenschaftlich, unerbitterlich, unerschrocken."

Uno-Generalsekretär Al Gore?

Doch obwohl die Buchmacher Gores Chancen, der nächste US-Präsident zu werden, von 10:1 auf 8:1 verbesserten, dürfte daraus nichts werden.

Längst ist es zu spät, in den Wahlkampf einzusteigen, und längst schwebt Gore über diesen politischen Niederungen - erst recht jetzt, als Friedensnobelpreisträger.

So ließ denn Gore selbst, der die Nachricht in San Francisco erhielt, wo er für die Senatorin Barbara Boxer Wahlkampf machte, die Rufe nach Wiedergutmachung für 2000 auch heute stoisch unbeantwortet. Er sei "zutiefst geehrt", erklärte er und spendete seine Häfte des Preisgeldes (insgesamt 1,5 Millionen Dollar) an die Alliance for Climate Protection, eine Klimagruppe, deren Board er vorsitzt. "Er hat keine Pläne, 2008 zu kandidieren", hatte Gores Sprecherin noch gestern abend klargestellt.

Jedenfalls nicht fürs Präsidentenamt. Doch ein anderes Amt wurde ins Gespräch gebracht: erster amerikanischer Uno-Generalsekretär.

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