Friedensnobelpreis für Al Gore Zu groß fürs Weiße Haus

Klima-Papst, Beinahe-Präsident, Friedensnobelpreisträger - die Ehrung für Al Gore heizt alte Spekulationen neu an: Wird der Politik-Superstar doch noch mal fürs Weiße Haus kandidieren? Doch Gore steht längst weit über den Niederungen der Wahlkampfpolitik - erst recht seit heute.

Von , New York


New York - Jetzt oder nie. Monatelang haben sie sich das geschworen, haben geharrt und gehofft auf den heutigen Tag, seine Fans, denen das Wahldebakel von 2000 immer noch nachhängt. "Wie früher, als wir warteten, dass Grateful-Dead-Tickets in den Verkauf kamen", sagte der Kalifornier Eric Schiller, ein Aktivist für America for Gore, eine der rund ein Dutzend Gruppen, die ihn zur Kandidatur drängen.

Der Friedensnobelpreis, finden sie, erzwinge es nun geradezu, dass der vom Loser zu Vater Courage Mutierte doch noch mal einen Anlauf aufs Weiße Haus mache. "Amerika und die Erde brauchen jetzt einen Helden", flehten sie ihn vorgestern in einer Großanzeige in der "New York Times" an. "Jemanden, der die gewöhnliche Politik transzendiert und unserem Land und der Welt echte Hoffnung bringt."

Doch genau das ist der Haken. Al Gore - Beinahe-Präsident, Klima-Papst und seit heute also Friedensnobelpreisträger - transzendiert die Politik. Schwebt längst und jetzt erst recht weit über den Niederungen des Wahlkampfes, mit seinen Schlammschlachten, Valium-Debatten und Volksnähe-Scharaden in der Provinz. Er ist von ganz anderem Kaliber: ein Staatsmann, der nie Staatschef war.

Bei seinem letzten Auftritt vor großem Publikum, da saß er zufrieden glänzend auf einer Bühne mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo und Erzbischof Desmond Tutu, dem Friedensnobelpreisträger von 1984. So einer gibt sich nicht mehr mit Fragen nach seiner Position im Abtreibungshickhack ab oder danach, welche Steuern er wem kürzen werde.

Und so werden ihre Hoffnungen wohl unerfüllt bleiben, auch und vor allem jetzt, da Gore dafür ausgezeichnet wurde, "am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt" zu haben, wie es in Alfred Nobels Testament hieß. Es ist die ultimative Wiedergutmachung für die Demütigung von 2000. Ein neuer Grabenkampf ums Amt des US-Präsidenten wäre da nur ein Rückschritt. Egal, wie sehr sie sich an seine kunstvoll formulierten Nicht-Dementis klammern.

Er ist ein Meister der Häutung: vom Jahrhundertwahlverlierer zum Posterboy der Generation Grün in nicht mal sieben Jahren. Vom zickigen Pedanten, der die Wähler mit seinen besserwisserischen Seufzern nervte, zum Entertainer, der beim Oscar-Gewinn für seinen Klima-Film "Eine unbequeme Wahrheit" wie auch neulich, als er für seinen Kabelsender Current den TV-Emmy bekam, mit Ovationen überschüttet wurde und Witze riss, als sei er auf der Showbiz-Bühne geboren. Sein Remake setzt Rekorde in politischer Metamorphose.

Nicht alle sehen das so. "Verdient Al Gore den renommierten Friedensnobelpreis?", betitelte der republikanernahe Nachrichtensender Fox News eine Diskussionsrunde, der Tenor war klar. Da saß neben dem obligatorischen Greenpeace-Mann auch James Taylor im Studio, ein berüchtigter Klimakrisen-Leugner vom erzkonservativen Heartland Institute.

"Er verzerrt die Wissenschaft", zeterte Taylor über Gores zweites Leben als Umweltaktivist. "Er schäumt ein Problem auf, das uns wissenschaftlich nicht bedroht, doch er selbst droht dabei, unseren Kindern und Enkeln den Lebensstandard wegzunehmen."



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