Friedensnobelpreis für Denis Mukwege Sie nennen ihn den "Wunderdoktor"

Im Kongo wird sexuelle Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt. Zurück bleiben verstümmelte Frauen und eine traumatisierte Gesellschaft. Dr. Denis Mukwege gibt den Opfern neuen Mut - und wird dafür wie ein Held verehrt.

Dr. Denis Mukwege vor dem Panzi-Krankenhaus
AFP

Dr. Denis Mukwege vor dem Panzi-Krankenhaus

Aus Bukavu berichtet Susanne Maria Krauß


Am Geländer hinter dem Eingang des Panzi-Krankenhauses in Buvaku hängt ein großes Plakat, auf die Schnelle im Stadtzentrum gedruckt und aufgehängt, dem Helden zu Ehren: Dr. Denis Mukwege. Neben seinem Konterfei steht in großen Lettern Friedensnobelpreis 2018.

"Wir sind alle sehr, sehr stolz hier," sagt Hélène Kwibe Kyala, die seit der Eröffnung des Krankenhauses im Jahr 1999 Seite an Seite mit Dr. Mukwege arbeitet. Sie nennt ihn den "Wunderdoktor" - "denn das, was er den Frauen hier an Gutem tut, grenzt wirklich an Wunder".

Der kongolesische Arzt hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Opfern sexueller Gewalt zu helfen. Er operiert Frauen, deren Genitalien oft komplett zerstört sind. Frauen, die Unaussprechliches erlebt haben. Brutalste sexuelle Gewalt. Trotzdem fühlt er sich nicht als Held. Einen Preis zu gewinnen, sei kein Diplom, sagt der Sohn eines Pastors heute. "Ich habe niemals darauf hingearbeitet, einen Nobelpreis zu erhalten. Aber natürlich bedeutet es uns viel, dass die Internationale Gemeinschaft die Leiden der Frauen in der Demokratischen Republik mit diesem Preis anerkennt." Mukwege spricht fast immer im Plural. Von seinem Team. Selten von sich allein. "Wir glauben daran, dass es die Möglichkeit für Frieden gibt. Dauerhaften Frieden für Kongos Frauen."

Im Video: Jubel am Panzi-Krankenhaus

Panzi Klinik

Ein kleines Stück dieser Hoffnung ist in Evelines* Augen zu sehen. Gefasst erzählt sie, was ihr vor sechs Wochen passiert sie. Die Studentin aus der Hauptstadt Kinshasa fuhr Ende August in den Osten des Landes, um ihre Familie zu besuchen. Auf der Straße zwischen Beni und Goma wird ihr Bus überfallen. "Rebellen haben uns gezwungen auszusteigen. Drei Männer haben mich vergewaltigt", erzählt die junge Frau, die an den Ohren bunte glitzernde Ohrringe trägt.

Heute habe sie dank einer Operation nicht nur keine Schmerzen mehr, sondern erzählt, wie sehr ihr die psychologische Begleitung am Krankenhaus hilft. "Ich weiß heute, dass ich als Mensch, als Frau, wertvoll bin und ein Teil dieser Gesellschaft." Diese Überzeugung verlieren viele Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, weiß Hélène Kwibe Kyala. Die Frauen fühlen sich wertlos, oft von Familie und der Gesellschaft verstoßen.

"Sexuelle Gewalt in Konflikten ist schrecklich - aber auch schrecklich effektiv"

Dr. Mukwege eröffnete das Panzi-Krankenhaus, als während der Kongo-Kriege Ende der Neunzigerjahre verschiedene Rebellengruppen und auch Soldaten Frauen im Kongo systematisch vergewaltigten und misshandelten. Mehr als 50.000 Frauen haben er und sein Team seitdem operiert. Viele wurden mit schlimmsten Verletzungen und genitaler Verstümmelung eingeliefert. "Wenn sexuelle Gewalt in Konflikten als Waffe eingesetzt wird, ist das schrecklich. Aber auch schrecklich effektiv. Sie wird zur ethnischen Säuberung eingesetzt oder um den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft systematisch zu zerstören, beispielsweise indem Frauen vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt werden", erklärt Mukwege.

Mehrmals war er bereits für seine Arbeit für den Friedensnobelpreis nominiert worden. "Als 2009 Obama den Preis erhalten hat, hatten alle damit gerechnet, dass der Preis an unseren Doktor geht," erinnert sich Hélène Kwibe Kyala. Journalisten belagerten das Krankenhaus, alle warteten gespannt auf den Moment der Verkündigung, um dann zu erfahren, dass er es nicht geworden ist. Ähnlich in den folgenden Jahren. Gestern dann war genau ein Journalist vor Ort, ein Japaner.

Selbst die Mitarbeiter hätten es fast verschlafen, erzählt Dr. Antoine Nfundiko, der die Arbeit der 42 Ärzte am Krankenhaus koordiniert. Er streicht sich belustigt über seinen kahlgeschorenen Kopf. Sie waren gerade in einer Besprechung, als ein Kollege zwei Minuten vor elf Uhr daran erinnerte, dass doch die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises gleich stattfinde. "Also sind wir in ein Büro gerannt, wo wir über das Internet live die Entscheidung des Komitees verfolgen konnten. Als dann der Name Mukwege neben dem von Nadia Murad eingeblendet wurde, konnten wir es kaum glauben!"

Jubel um Dr. Mukwege (Mitte)
DPA

Jubel um Dr. Mukwege (Mitte)

Per Funkradio wurde die Nachricht in den OP-Saal geschickt, wo Dr. Mukwege gerade am Operieren war. Durch die Scheibe machte er ein Siegeszeichen. "Und dann ging hier eine wahnsinnig große Freude los," sagt seine langjährige Mitarbeiterin Hélène Kwibe Kyala. Personal, Patienten, Besucher, alle versammelten sich auf dem Innenhof. Sie tanzten, sangen, jubelten. Stundenlang. Bis zum Abend. "Sogar zwei Kinder, denen ein Bein amputiert worden ist, haben sich hier an der Tischkante festgehalten und mit getanzt", beschreibt Kyala die Stimmung. "Es war ein Fest!"

Heute ist es auf dem Gelände des Panzi-Krankenhauses wieder um einiges ruhiger und doch ist eine tiefe Freude in den Gesichtern der Mitarbeiter zu lesen. Sie alle sind sich einig, dass ihr Dr. Mukwege den Preis zu Recht erhalten hat. "Er hat seine Mission zu seiner Lebensaufgabe gemacht," sagt Dr. Nfundiko, der ebenfalls seit der Eröffnung am Panzi-Krankenhaus arbeitet. "Wenn er von einer Reise zurückkehrt, geht sein erster Weg zum Krankenhaus. Von früh bis abends sind die Frauen hier am Krankenhaus seine Priorität. Manchmal geht er erst nach Mitternacht in sein Zimmer," weiß sein Kollege Nfundiko.

Video vom August 2017: Dr. Mukweges Kampf gegen die Scham

Mukwege wohnt auf dem Krankenhausgelände, seitdem er vor sechs Jahren einem Mordanschlag entgangen ist. In der Nacht, als er von einer Reise nach New York zurückkam, drangen schwerbewaffnete Unbekannte in sein Haus ein und versuchten, ihn umzubringen. Das Attentat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Der rastlose Kampf des 63-Jährigen für Frauenrechte hat ihm nicht überall Bewunderungeingebracht. Dr. Mukwege prangert staatliches Versagen an und benennt auch die Verantwortung der Regierung in Kinshasa an der hohen Zahl vergewaltigter Frauen im Kongo. Trotzdem gibt Mukwege nicht auf. "Ich bin so davon beeindruckt, welche Stärke in Frauen steckt. Auch wenn sie in einem sehr schlechten Zustand hier ankommen. Verletzt, psychologisch gedemütigt, kommen viele wieder auf die Füße und kämpfen dann für ihre Rechte. Das hat sich hier im Kongo verändert. Frauen haben heute eine Stimme."

* Name geändert

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
danmage 06.10.2018
1.
Das ist ein wichtiger Aspekt bei Kriegsverbrechen. Ich hoffe die Arbeit des Doktors findet weltweit Beachtung und dass weitere Unterstützung auf diesem Gebiet von der internationalen Gemeinschaft organisiert wird.
miram-m 06.10.2018
2.
Manche Menschen verdienen es nicht, als Menschen benannt zu werden. Tiere sind besser und humaner. Umso wichtiger ist es, anderen MENSCHEN wie Dr. Mukwege Anerkennung und Geld und alle mögliche Hilfe für so eine wichtige Arbeit zu geben!
linoberlin 07.10.2018
3. dankeschön!
ein freundlicher Artikel. die Angelegenheiten in Afrika können am besten behandelt werden von den Menschen in Afrika
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.