Friedensnobelpreis für Kolumbianer Santos Die Euphorie ist verflogen

Für die Verhandlungen mit den Farc-Rebellen bekommt Kolumbiens Präsident Santos heute den Friedensnobelpreis. Doch die Realität sieht anders aus: Das damalige Abkommen wurde vom Volk abgelehnt, das Land ist gespalten.

DPA

Von , Rio de Janeiro


Aus heutiger Sicht ist der Friedensnobelpreis für Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos, 65, ein Vorschuss aus Risikokapital. Eigentlich hätte die Auszeichnung sein Friedenswerk krönen sollen, nach vier Jahre währenden mühsamen Verhandlungen mit der Guerilla Farc und der pompösen Unterzeichnung des Abkommens in Cartagena Ende September. Der Friedensnobelpreis sollte die Kirsche auf der Torte sein, die der Staatschef seinen Mitbürgern nach über 50 Jahren Gewaltkonflikt mit der Farc präsentierte.

Doch Santos legte das Vertragswerk dem Volk zur Abstimmung vor, wie er es versprochen hatte - gegen den Rat der Guerilleros, die sich im Gegensatz zum Präsidenten offenbar bewusst waren, dass sie bei den meisten ihrer Landsleute keinerlei Kredit genossen. Eine knappe Mehrheit lehnte das Abkommen ab, Regierung und Farc mussten nachverhandeln. Über die neue Version stimmte nicht mehr das Volk ab, sondern dessen verfassungsmäßiger Vertreter, der Kongress. Dort verfügt Santos über eine ausreichende Mehrheit, Überraschungen standen nicht zu befürchten.

Kolumbien ist gespalten

Damit ist das Abkommen zwar formell legal. Doch Santos' Gegner, die über viele Anhänger verfügen, sprechen ihm die Legitimität ab. Kolumbien ist gespalten, die Euphorie ist verflogen. In den Guerillacamps herrscht Unsicherheit und Frust.

Den Friedensnobelpreis erhält Santos an diesem Samstag trotzdem. Das Komitee hatte sich offenbar schon vor einiger Zeit auf ihn geeignet. Sicherlich hat es eine Rolle gespielt, dass Norwegen als Garantiemacht bei den Verhandlungen Pate stand, zweifellos ist der Frieden in der seit über hundert Jahren von Gewalt erschütterten Republik Kolumbien nobelpreiswürdig - wenn er denn wirklich kommt.

Santos setzt darauf, dass ihm das Prestige der Auszeichnung bei der Umsetzung des Friedensabkommens hilft. Das Preisgeld will er den Opfern des Konflikts spenden, eine noble Geste. Zur Verleihung in Oslo wollen deren Vertreter anreisen, unter ihnen die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die 2002 von der Farc entführt und über sechs Jahre in Gefangenschaft gehalten wurde. Das verleiht der Zeremonie zwar Glanz - doch für Betancourt gilt das Gleiche wie für Santos und den Friedensvertrag: Sie ist im Ausland weitaus beliebter als in ihrer Heimat.

Kolumbianer Santos (Mitte), Mitglieder des Nobelpreis-Komitees
AFP

Kolumbianer Santos (Mitte), Mitglieder des Nobelpreis-Komitees

Kolumbiens politische und wirtschaftliche Elite wird von wenigen alteingesessenen Familien beherrscht. Santos, 65, entstammt einem der mächtigsten Clans. Sein Vater war fast 60 Jahre lang Redaktionsleiter der größten und einflussreichsten kolumbianischen Tageszeitung "El Tiempo", die der Familie gehört. Santos studierte Ökonomie und Betriebswirtschaft in den USA. Er vertrat Kolumbien neun Jahre lang bei der einflussreichen internationalen Kaffee-Organisation in London. Nach seiner Rückkehr 1981 übernahm er eine leitende Position bei "El Tiempo", eine politische Karriere war vorgezeichnet.

Auf die Aufklärung von Auftragsmorden warten die Angehörigen der Opfer bis heute

Von 1991 bis 2010, als er zum Präsidenten gewählt wurde, diente Santos in allen Regierungen in verschiedenen Funktionen als Minister. Er gehörte zunächst der traditionellen Liberalen Partei an, doch im Jahr 2004 zog er sich aus der Organisation zurück und unterstützte den konservativen Präsidenten Álvaro Uribe, einen Hardliner und engen Verbündeten der USA. Uribe ernannte ihn 2006 zum Verteidigungsminister. In dieser Funktion war Santos für die Guerillabekämpfung zuständig, in seiner Amtszeit töteten die Sicherheitskräfte mehrere hohe Chefs der Farc. Auch die spektakuläre Befreiung von Betancourt durch ein Sonderkommando der Streitkräfte, das sich als Rot-Kreuz-Mitarbeiter getarnt hatte, fiel in seine Amtszeit.

Auch der größte Skandal der Regierung Uribe ereignete sich damals: Während Santos Verteidigungsminister war, ermordeten die Streitkräfte und paramilitärische Gruppen zahlreiche Unschuldige und stellten sie als getötete Guerilleros dar. Mit diesen sogenannten "Falsos Positivos" besserte das Heer seine Statistik im Kampf gegen die Guerilla auf, die Verantwortlichen teilten sich die auf Guerilleros ausgesetzten Kopfprämien auf. Als Verteidigungsminister räumte Santos die Existenz von Auftragsmorden ein und versprach Aufklärung. Darauf warten die Angehörigen der Opfer bis heute.

Der von der Guerilla gefürchtete Àlvaro Uribe durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr als Präsidentschaftskandidat antreten, er setzte sich daher für seinen Schützling Santos als Nachfolger ein. Seine Unterstützung war entscheidend für Santos' Sieg bei den Wahlen im Mai 2010.

Wenige Monate nach seinem Amtsantritt nahm Santos diskret Kontakt zur Farc auf, am 1. März 2011 begannen offiziell die Friedensgespräche auf Kuba. Zwischen Santos und seinem einstigen Mentor Uribe herrscht seither eine tiefgehende Feindschaft.

Seine Geschmeidigkeit im Umgang mit Liberalen wie Konservativen trug Santos den Ruf des Opportunisten ein. Er ist ein kühl kalkulierender Politiker, das Charisma seines Vorgängers Uribe fehlt ihm. Dennoch wirkt sein Einsatz für den Frieden überzeugend: Als Verteidigungsminister hatte er die Farc überzeugend bekämpft. Das verlieh ihm Glaubwürdigkeit, als er verkündete, dass die Guerilla militärisch nicht zu besiegen sei und er daher ein Friedensabkommen anstrebe.

Santos ist ein Mann des Konsens

Santos profitiert auch davon, dass auch in Washington ein gemäßigter Präsident regierte: Barack Obama unterstützte die Friedensverhandlungen mit der Farc. Die USA sind Kolumbiens wichtigster Verbündeter in der Region. Wie sich das Verhältnis unter Donald Trump entwickeln wird, ist offen. Obama hatte über 400 Millionen Dollar Hilfe für die Reintegration der Guerilleros und friedensbegleitende Maßnahmen versprochen. Ob Trump sich an diese Zusage halten wird, ist offen.

Privat ist Santos ein umgänglicher Mann. Selbst wenn er scharfer Kritik ausgesetzt ist, verliert er selten die Contenance, er ist ein Mann des Konsens. Allerdings hat er es nie geschafft, sich von dem Image eines Vertreters der traditionellen Elite zu befreien.

In den Augen vieler Kolumbianer ist der Streit um das Friedensabkommen auch ein Konflikt zwischen den beiden herrschenden Eliten des Landes: Den alteingesessenen liberalen Familien von Bogotá und der aufstrebenden Landoligarchie der Provinz Antioquia und seiner Hauptstadt Medellín, als deren oberster Vertreter Ex-Präsident Uribe agiert.

In den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit wird Santos viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit der gefeierte Frieden mit der Farc nicht im politischen Duell zwischen diesen beiden Gruppen zerrieben wird.

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