Friedensnobelpreis für Karman Gläubig, pragmatisch, revolutionär

Es ist eine gute Entscheidung: Die jemenitische Aktivistin Tawakkul Karman wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Osloer Komitee ehrt damit die Revolutionäre zwischen Tunis und Sanaa - und würdigt gleichzeitig die besondere Rolle der Frauen im Arabischen Frühling.

Von Yassin Musharbash


Oslo - Natürlich hätte das Nobelpreis-Komitee auch anders entscheiden können. Es hätte die wichtigste Friedensehrung der Welt auch vollständig dem Arabischen Frühling widmen, ihn zum Beispiel allein an die jemenitische Menschenrechtsaktivistin Tawakkul Karman vergeben können. Oder ihn teilen können zwischen tunesischen Bloggerinnen, ägyptischen Aktivisten, bahrainischen Ärzten, syrischen Anwältinnen, etc.

Aber das Komitee wollte den Preis in diesem Jahr der Rolle von Frauen beim Herbeiführen von friedlichen Konfliktlösungen insgesamt widmen. Das steht ihm frei und ist angesichts der geringen Zahl weiblicher Preisträger keine schlechte Idee. Aber das Interessante ist, dass das Komitee es trotzdem schaffte, neben den Liberianerinnen Leymah Roberta Gbowee und und Ellen Johnson-Sirleaf mit Tawakkul Karman auch eine Frau auszuzeichnen, die stellvertretend für den Mut der fast vollständig friedlichen Demonstranten und Revolutionäre in der arabischen Welt steht.

In dieser Hinsicht ist die Entscheidung geradezu salomonisch. Denn sie hat einen wichtigen Mehrwert, der sich aus der Klammer zwischen den Preisträgerinnen aus Liberia und dem Jemen ergibt: Tawakkul Karman wird ausdrücklich auch als Frau ausgezeichnet, und die zentrale Bedeutung der arabischen Aktivistinnen in diesem geschichtsträchtigen Jahr wird so noch mehr betont, als es der Fall gewesen wäre, wenn beispielsweise ein männlicher Aktivist aus Ägypten ausgezeichnet worden wäre.

Anders gesagt: Oslo ehrt die internationale Rolle von Frauen bei der Konfliktlösung - und grüßt zugleich die arabische Revolte.

Den Gesichtsschleier abgelegt

Tawakkul Karman ist eine gute Wahl - und die Auszeichnung, die sie umgehend der jemenitischen Revolte und den prodemokratischen Bewegungen in der gesamten arabischen Welt widmete, wird ihr und ihren Mitstreitern helfen. Wael Ghonim, ägyptischer Revolutionär der ersten Stunde und hoch gehandelter Favorit für den Preis, gratulierte umgehend: "Herzliche Glückwünsche an Tawakkul Karman, die uns alle stolz macht. Aber letztlich wird unser Preis eine demokratische arabische Welt sein, die die Menschenrechte respektiert."

Tatsächlich hat Karman mehrfach betont, dass Menschenrechte und das Recht auf politische Partizipation für sie untrennbar verbunden sind. Sie lebt es vor. Das Motto auf ihrem Twitter-Account lautet: "Es steht dir nicht zu, meine Rechte in Ketten zu legen!" Wenn sie demonstriert, so beschrieb es der "Guardian", dann läuft ihr Ehemann neben ihr her und beantwortet für sie Telefonanrufe.

Vor einigen Wochen entschied sie, dass der Gesichtsschleier, den sie zuvor getragen hatte, für eine Aktivistin hinderlich ist - seitdem trägt sie nur noch ein Kopftuch. Karman ist eine selbstbestimmte Frau, eine Revolutionärin, eine gläubige Muslima (sie ist sogar Mitglied einer islamistisch grundierten Partei) und eine Pragmatikerin. Frauen wie sie gibt es auch in den anderen arabischen Revolten.

Eine wichtige Geste

Man darf jetzt hoffen, dass der Nobelpreis Karman und ihre Mitstreiter schützt. Sie selbst berichtete der "Washington Post", dass das Regime sie mit dem Tod bedroht habe. Sie noch einmal einzusperren, sie gar verschwinden zu lassen - käme das angeschlagene Regime in Sanaa auf diesen Gedanken, müsste es mit heftigen internationalen Protesten rechnen.

Natürlich genießt der Friedensnobelpreis in der arabischen Welt nicht dasselbe Prestige wie im Westen. Und natürlich ändert die Verleihung an Tawakkul Karman an den Verhältnissen nichts. Man musste am Freitag nur al-Dschasira schauen, um das zu begreifen: kurz die Meldung aus Oslo eingeschoben, ein schnelles Telefonat mit der Preisträgerin - und dann weiter im eigentlichen Programm: die eskalierende Gewalt in Syrien, der Kampf um Sirt in Libyen, die neuerlichen Massenproteste in Sanaa.

Die Geste ist dennoch wichtig. Die Aufstände zwischen Tunis, Kairo und Sanaa gänzlich zu ignorieren, wäre fragwürdig gewesen. Dafür sind diese Veränderungen zu gewichtig; dafür ist es viel zu bedeutsam, wie friedlich die meisten Aufständischen selbst im Angesicht von Scharfschützen und Panzern bleiben.

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
caro1986 07.10.2011
1. Ach so
Die Zugehörigkeit zu einer islamistischen Grupierung zeichnet diese Frau für Herrn Yassin also aus? Die Tatsache, dass ihr Mann sie nicht allein aus dem Haus gehen lässt? Sie streng gläubig ist? Vor kurzem erklärte Herr Yassin uns noch, dass Deutschland schrecklich sei, die Sprache schlimm, das Essen mies und die Kultur zum brechen. Müssen wir diese unverholene Werbung für Extremismus und Hass auf den Westen weiter auf einer deutschen Nachrichten-Seite ertragen?
Stefan Neudorfer, 07.10.2011
2. Ich mag die Entscheidung nicht kritisieren ...
aber wie weit diese und andere Araberinnen wirklich kommen is tfraglich und in den meisten Ländern des arabischen Frühlings sieht es eher danach aus das der Islamismus gestärkt wirkt. Und was das bedeutet kann man an weiteren Eisnchränkungen für Frauen und massiv Unterdrückung von Nicht-Muslimen sehen. So wurden erst vor wenigen Tagen wieder koptische Kirchen in Ägypten niedergebrannt. Das die Salafisten dahinter standen ist nicht verwunderlich. Zeigt aber welche Kräfte hier wirken und diese Kräfte haben nichts Gutes im Sinn. Interessant finde ich das diese Frau als Gläubig umschrieben wird. Ist das wichtig? Würde man das so auch bei einer Christin tun? Wohl kaum, zumindest nicht auf Spiegel Online. Bei Christen erinnert man sich an die Religion nur dann wenn man sie negativ darstellen kann. Ist das Christophobie?
olfma 07.10.2011
3. Hier könnte ein (Dr.) Titel stehen.
Wie geil, der dicke Volks-Verräter ist erneut leer ausgegangen.
JohnnyKain 07.10.2011
4. Immer dieser Verweis auf die (vermeintliche) Aussichtslosigkeit
Zitat von Stefan Neudorferaber wie weit diese und andere Araberinnen wirklich kommen is tfraglich und in den meisten Ländern des arabischen Frühlings sieht es eher danach aus das der Islamismus gestärkt wirkt. Und was das bedeutet kann man an weiteren Eisnchränkungen für Frauen und massiv Unterdrückung von Nicht-Muslimen sehen. So wurden erst vor wenigen Tagen wieder koptische Kirchen in Ägypten niedergebrannt. Das die Salafisten dahinter standen ist nicht verwunderlich. Zeigt aber welche Kräfte hier wirken und diese Kräfte haben nichts Gutes im Sinn. Interessant finde ich das diese Frau als Gläubig umschrieben wird. Ist das wichtig? Würde man das so auch bei einer Christin tun? Wohl kaum, zumindest nicht auf Spiegel Online. Bei Christen erinnert man sich an die Religion nur dann wenn man sie negativ darstellen kann. Ist das Christophobie?
Und genau das ist es. Während sich Leute wie Sie hinstellen und die Zielführung dieses Engagements in Frage stellen, machen diese Menschen einfach weiter; weil sie einen Traum haben für den sie kämpfen. Wie würde die Welt heute aussehen, wenn Dr. Martin Luther King, Nelson Mandela oder Mohandas Karamchand Gandhi sich mit Ihrem Gedankengut infiziert hätten? Den Kampf trotz solcher (vermeintlicher) Aussichtslosigkeit weiterzuführen qualifiziert doch für den Nobelpreis. Nicht der Kampf für die schon fast gewonnene Sache.
Lisa_can_do 07.10.2011
5. endlich. Überfällig.
Zitat von sysopEs ist eine*gute Entscheidung: Die jemenitische Aktivistin Tawakkul Karman wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Osloer Komitee ehrt damit die Revolutionäre*zwischen Tunis und Sanaa*- und würdigt gleichzeitig die besondere Rolle der Frauen im Arabischen Frühling. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790555,00.html
Das Diskussionsniveau und die Beteiligung zeigen, dass es für die breite Öffentlichkeit so uninteressant wie nix ist, wenn 3 Frauen einen Friedensnobelpreis bekommen. Natürlich ist das toll, toll für die Frauen endlich auch mal Anerkennung in der ganzen Welt zu bekommen und toll für die Länder, aus denen die Frauen kommen. Wenn wir uns über zu hohe Aldi-Preise ärgern, ist dann einfach nicht mehr Energie da, um mal das Hirn anzuschalten und fair zu konstatieren: was muss man leisten unter welch schwierigen Bedingungen, damit man so einen Preis bekommt. Aber wir müssen auch unsere Vorurteile dringend revidieren, auch wenn das so toll bequem ist und vor allem muss man dann nicht mal über sich selbst nachdenken. Im Jemen habe ich geschiedene Frauen kennen gelernt, die ihre Kinder alleinerziehend groß gezogen haben, und Männer, die sich so rührend um ihre Kinder, Söhne wie Töchter, gekümmert haben. Während wir in Deutschland noch diskutieren, wie männlich es ist, oder nicht, als Mann kinderwagenschiebend zum Spielplatz zu gehen. Klar ist Jemen ein Unrechtsstaat, um so höher ist der Friedensnobelpreis für eine Jemenitin zu bewerten. Und was die Damen in Liberia geleistet haben, ist atemberaubend. Endlich Frieden, endlich ein positiver wirtschaftlicher Trend, endlich Programme für trauma geschädigte Kindersoldaten und dauervergewaltigte Frauen und verheizte Männersoldaten. Die Präsidentin von Liberia hätte auch gut in den USA bleiben können, um dort eine nette Karriere nach ihrem Harvard-Studium anzutreten. Meine Damen - Ich verneige mich. Liebe Diskussionsteilnehmer: lasst es, ihr diskutiert nur über Euch selbst, ihr schafft es noch nicht einmal bis zum Tellerrand.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.