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Nobelpreis an Tunesiens Vermittler Islamisten und Liberale vereint gegen Terror

Der Friedensnobelpreis geht überraschend nach Tunesien. Die Wahl ist verdient: Das Quartett für den nationalen Dialog hat geschafft, woran der Arabische Frühling andernorts scheiterte - einen Ausgleich von Islamismus und Demokratie.

Tunesien ist das Geburtsland des Arabischen Frühlings, der ab 2011 zahlreiche Länder erfasst hatte. Vier Jahre nach Beginn der Proteste ist es der einzige Staat, in dem der Umbruch in Richtung Demokratie und Freiheit nicht gewaltsam unterbrochen oder sogar zurückgedreht wurde.

Dies sei vor allem Verdienst des nationalen Dialog-Quartetts Tunesiens, sagte Norwegens Nobelpreiskomitee am Freitag. "Es hat einen alternativen, friedlichen Friedensprozess etabliert, als das Land am Rande des Bürgerkriegs stand." Dafür gab es den Friedensnobelpreis 2015.

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Friedensnobelpreis: Das ist Tunesiens Kontaktgruppe

Foto: © Zohra Bensemra / Reuters/ REUTERS

Auch in Tunesien ist der demokratische Übergang kein Selbstläufer. Radikalislamisten haben Zulauf im eigenen Land und jenseits der Grenzen: Besonders viele Tunesier haben sich dem "Islamischen Staat" angeschlossen. 2013 drohte die Situation in Tunesien zu eskalieren: Streiks legten das Land lahm und Kritiker der Islamisten wurden ermordet.

Das Dialog-Quartett vereint Tunesiens starke Zivilgesellschaft

Doch dann schaffte Tunesien, was keinem anderen Unruhestaat des Arabischen Frühlings gelungen ist: Kompromiss statt Konfrontation. Tunesiens Islamisten und Säkulare einigten sich, um das Land gemeinsam vor einem Abgleiten in Gewalt und Terror zu bewahren.

Wer hatte die Einigung möglich gemacht? Das 2013 ins Leben gerufene Dialogquartett vermittelt zwischen den unterschiedlichen politischen Strömungen Tunesiens. Vor allem zwischen der islamistischen Nahda-Partei von Rachid Ghannouchi, 74, und der säkularen Nidaa-Partei des derzeitigen tunesischen Präsidenten Béji Caid Essebsi, 88.

Ausgezeichnete Vermittler: Helfer beim Aufbau einer pluralistischen Gesellschaft

Ausgezeichnete Vermittler: Helfer beim Aufbau einer pluralistischen Gesellschaft

Foto: FETHI BELAID/ AFP

Im Dialogquartett sind vier wichtige Organisationen der tunesischen Zivilgesellschaft vereint:

  • die allgemeine Gewerkschaft (UGTT)
  • der Verband von Industrie, Handel und Handwerk (UTICA)
  • die Liga für Menschenrechte (LTDH)
  • der Nationale Anwaltsverein

Diese vier Organisationen existierten bereits lange vor den Aufständen 2011 und boten dem autoritären Herrscher Zine el-Abdine Ben Ali immer wieder die Stirn. Einige von ihnen wurden daher zum Ziel von Verfolgung durch den autoritären Staat. Doch ihre Mitglieder ließen sich nicht davon abschrecken und sammelten wertvolle praktische politische Erfahrung.

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Rückblick: Die Träger des Friedensnobelpreises

Foto: ZOHRA BENSEMRA/ REUTERS

Tunesiens Gewerkschaftschef sieht sich als Regulierer

Das norwegische Komitee hat den Preis ausdrücklich an das Dialogquartett verliehen, nicht an eine einzelne Organisation. Doch die Gewerkschaft UGTT ist die einflussreichste Gruppe dahinter. Nach unterschiedlichen Angaben zählt sie zwischen einer halben und einer dreiviertel Million Mitglieder. Tunesien hat rund elf Millionen Einwohner.

Houcine Abassi, 68, Chef der Gewerkschaft, zeigte sich bewegt ob der Auszeichnung. "Das krönt die Bemühungen von zwei Jahren Arbeit." Er bezeichnete sich in einem Interview mit der Zeitung "Financial Times" als Regulierer der tunesischen Politik, die nach wie vor zwischen Islamisten und Säkularen gespalten ist.

"Einerseits spielen wir eine nationale Rolle der Versöhnung und andererseits müssen wir die wirtschaftlichen Interessen unserer Mitglieder vertreten", sagte Abassi. "Das machen Gewerkschaften selten, aber für die UGTT ist es nicht ungewöhnlich." Die UGTT spielte bereits - zusammen mit dem Nationalen Anwaltsverein - eine wichtige Rolle in Tunesiens Kampf für Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht.

"Wir sind keine Verbündeten", sagte Tunesiens Präsident Essebsi über den Islamisten Ghannouchi, der 2011 sein Amt als Premierminister abgab, um einer Einheitsregierung den Weg frei zu machen. Es sei jedoch eine Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten. Der Islamist Ghannouchi schrieb  im März nach einem Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis: "Der Kampf gegen den Terror erfordert langen Atem und muss alle einschließen, die unsere demokratische Erfahrung schützen wollen."


Zusammengefasst: Tunesien ist das einzige Land des Arabischen Frühlings, dem es gelang, auf Kompromiss statt Konfrontation zu setzen. Zwischen den Islamisten und Säkularen vermittelte das Dialogquartett, das nun den Friedensnobelpreis bekam. In ihm haben sich die wichtigsten zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes vereint. Sie können auf Jahrzehnte Engagement zurückblicken.