Friedensnobelpreisträger Der Glamour geht flöten

Willy Brandt, Nelson Mandela, Mutter Teresa: Im Idealfall erhalten historische oder moralische Lichtgestalten den Friedensnobelpreis. Doch die Auszeichnung für die gesichtslose EU ist eine Verlegenheitslösung - wie so oft zuletzt. Denn für strahlende Helden ist die Welt zu kompliziert geworden.
Friedensnobelpreis an Brandt (1971): Aha-Effekt bei der Auswahl

Friedensnobelpreis an Brandt (1971): Aha-Effekt bei der Auswahl

Foto: NTB/ picture-alliance / dpa

Jassir Arafat, der umstrittene Palästinenserführer, hat ihn bekommen. Der legendäre Mahatma Gandhi aber nicht - woran sich exemplarisch ablesen lässt: Die Geschichte der Vergabe des Friedensnobelpreises ist eine der Widersprüche. Von allen Nobelpreisen wurde in dieser Sparte am häufigsten ganz auf die Vergabe verzichtet, 19-mal. Und bei weitem nicht immer verlief sie unstrittig. Längst nicht immer löste sie beim globalen Publikum jenen Effekt aus, der bei der Benennung dieser Preisträger zu erhoffen wäre: Ein gewisses allgemeines Beipflichten, mit dem Unterton der uneingeschränkten Bewunderung darüber, dass es gerade diese Person und keine andere verdient habe.

Das war ganz am Anfang fast zwangsläufig so, als der Preis 1901 erstmals verliehen wurde - gleich an zwei Personen: den Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Henry Dunant, und den Gründer der französischen Friedensgesellschaft Société d'arbitrage entre les Nations, Frédéric Passy. 1905 erhielt ihn als erste Frau die Österreicherin Bertha von Suttner, Gründerin der Deutschen Friedensgesellschaft.

Es sollte fortan noch häufiger so sein, etwa bei Gustav Stresemann (1926), dem Außenminister der Weimarer Republik oder auch bei Carl von Ossietzky (1935), dessen Name für die Wirkungsmacht steht, die von dieser Ehrung erhofft wurde - moralische Rückenstärkung und Demonstration im Kampf gegen politische Unterdrückung und diktatorische Systeme.

Martin Luther King (1964) gehört in diese Reihe ebenso wie Andrej Sacharow (1975), der Physiker und Dissident, Gegenstimme des Sowjet-Bolschewismus schlechthin in den Zeiten des Kalten Kriegs. Oder Lech Walesa, der polnische Arbeiterführer, dessen Wirken eine wichtige historische Etappe auf dem Weg in Richtung Ende des östlichen Imperiums werden sollte. Dass er 1983 den Preis erhielt, war ein Politikum, ähnlich war es sechs Jahre darauf, als ihn der Dalai Lama erhielt. Zwar gab es neben den politisch motivierten auch wieder Preisvergaben, bei denen man sich des allgemeinen Zuspruchs sicher sein konnte - aufgrund der über den Niederungen des Alltags angesiedelten Sphäre von Güte und Menschenfreundlichkeit: Bei Albert Schweitzer etwa (1952) oder Amnesty International (1977) oder zwei Jahre darauf Mutter Teresa.

Doch über lange Zeit hinweg löste die Bekanntgabe der Preisträger außer Beifall oder gelegentlichen Kontroversen eben nicht nur das gewisse "Aha" aufgrund der besonderen humanitären oder politischen Leistung der Geehrten aus. Die Zeremonie strahlte auch eine bestimmte Art von politischem Glamour aus, der direkt mit der Person zu tun hatte.

Die Auswahl wurde immer beliebiger

Das war eindeutig so, als Willy Brandt 1971 die Ehrung zugesprochen wurde, dem bislang letzten Deutschen - für seine Ostpolitik und seine Bemühungen, die durch die Jahrhundertverbrechen der Nazis diskreditierten Deutschen gewissermaßen zu rehabilitieren.

In eine ähnliche Kategorie gehören Nelson Mandela, der zusammen mit Frederik Willem de Klerk 1993 für die Beendigung der Apartheid geehrt wurde und, insbesondere, Michail Gorbatschow drei Jahre zuvor: der Mann, der letztlich seine Macht opferte, um die Epoche des Kalten Kriegs zu beenden. Politiker, deren Handeln Zeitgeschichte, wenn nicht sogar Geschichte geschrieben hatte - mehr oder minder Lichtgestalten auf der internationalen Bühne.

Doch seit es die bipolare Welt nicht mehr gibt, gewinnt man den Eindruck, als sei mit der Bewältigung dieses brisanten globalen Problems auch die Dramaturgie bei der Kür der Friedensnobelpreisträger nicht mehr ganz von jenem Format, die sie in früheren Jahren hatte. Als habe zugleich mit dem Verschwinden und der Überwindung dieser für die Welt existentiellen Herausforderung auch beim ehrungswürdigen Personal eine Art Schrumpfungsprozess stattgefunden. Dass seit nunmehr einigen Jahren die großen, zwingenden Entscheidungen in Oslo ausblieben, mag auch damit zu tun haben, dass die Vergabekriterien nach und nach immer weiter gefasst wurden - was eine gewisse Beliebigkeit mit sich brachte. 2004 etwa wurde erstmals die Arbeit für die Umwelt und eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet.

So haftet an etlichen Auszeichnungen des zurückliegenden Jahrzehnts nicht nur der Makel der Beliebigkeit, sondern auch der Verlegenheit. Zum Anbruch des neuen Jahrtausends war die Uno an der Reihe, später Jimmy Carter, der glücklose US-Präsident von einst, der als Menschenrechtler noch einmal von sich reden machte. Dann, 2007, Al Gore, der Umweltaktivist, und zwei Jahre darauf der eben ins Amt gekommene Barack Obama - eine erklärungsbedürftige Entscheidung, die wohl eher Auftrag und Ansporn als Auszeichnung war.

Aber womöglich ist es ja so: Je verworrener die Welt ist, desto weniger eindeutig ist das Profil der Preisträger.

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